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Montag, 25. Mai 2015

Schaffen, schaffen, Häusle bauen

Der nächste Schritt im fortgeschrittenen Spießerstadium ist natürlich der Erwerb eines Eigenheims.

Schaffen, schaffen, Häusle bauen ist ein Slogan dem man im Schwabenländle schon immer große Bedeutung gegeben hatte, und zusammen mit der ersten Rassel bekommt man auch den Bausparvertrag in die Wiege gelegt.

Ich persönlich finde Mieten sehr angenehm. Sobald etwas schief geht, Vermieter anrufen und in Ordnung bringen lassen. Nur Dank des Mietens können wir uns die Wohnung unter dem Dach leisten, die nach englischem Standard gemessen gerade zu luxuriös ist. Die Vermieter lassen uns in Ruhe, sind aber trotzdem abrufbereit wenn die Waschmaschine kaputt geht, der Boiler komische Geräusche macht und die Haustür mal wieder gestrichen werden könnte.

"Totes Geld!" mahnt jedoch ein jeder, der sich nach unserer Wohnsituation erkundigt, und tätschelt stolz sein eigenes mikroskopisch kleines Haus, neben dem sogar der Urlaubs-Schuhkarton vom Gawjus Vater wie ein Palast wirkt. Häuser sind verdammt teuer. Oder wenn sie nicht teuer sind, dann haben sie keine Fenster, undichte Dächer, und man hätte mehr davon in einem Baum zu leben als in den sogenannten eigenen vier Wänden.

Von der Idee eines freistehenden Hauses im Grünen mit Garten und keinen allzu direkten Nachbarn habe ich mich im vollgestopften Londoner Vorstadtring schon verabschiedet. Viel zu viele Menschen leben hier. Auf jedem noch verfügbaren Platz werden Wohnblöcke mit Wohnungen in der Größe von Gefängniszellen gebaut, die sich verkaufen wie warme Semmeln. Menschen leben dicht an dicht an dicht, und keiner scheint sich wirklich daran zu stören. Ist ja LONDON. Die Stadt kriecht immer näher und sogar in unserem malerischen Örtchen haben die Abrissbirnen Einzug gehalten, reißen alles nieder, das als Platzverschwendung eingestuft wird, bauen fünfstöckige Betonkisten in dem achtundvierzig Familien wie in einer Legebatterie leben können, geben dem Ortskern schicke neue Namen, Straßen und Geschäfte, und lassen die Renten und Hauspreise nach oben schnalzen wie mit einem Gummiband.

In den letzten zwei Jahren hat sich hier so viel getan. Sogar unser Vermieter ist auf den Zug aufgesprungen und hat die einst so erschwingliche Miete erhöht. Jetzt haben wir doch das Gefühl, "totes Geld" zu bezahlen. Vielleicht wird es doch Zeit für etwas eigenes. Aber nach oberflächlicher Durchsicht der Immobilienseiten wird schnell klar, der Gawjus und ich können uns offiziell nicht mehr leisten hier zu wohnen. Wenn wir nicht gerade in eine Legebatterie ziehen wollen, jedoch kommt das nicht in die Tüte. 

Wir haben beschlossen, etwas weiter von London weg zu ziehen. Irgendwohin wo man wieder frei atmen kann, wo man vielleicht einmal fünf Minuten durch die Natur laufen kann ohne jemandem zu begegnen, und wo es eine gute Zuganbindung gibt um immer noch in der großen Stadt arbeiten zu können, aber abends wieder in die Ruhe und Beschaulichkeit zu entflüchten.

Nach einem Gespräch mit einem Berater haben wir ausgerechnet, dass wir grünes Licht haben, die erste Sprosse der Immobilienleiter zu erklimmen. Die Bank ist bereit, uns eine Mortgage zu geben. Sozusagen eine Hypothek, mit der wir uns ein Eigenheim anschaffen können, und dann über die nächsten 30 Jahre abbezahlen.

Die Suche nach einem passenden Haus ist aufregend. Wir durchforsten die gängigen Internetseiten, treffen unsere Auswahlkritieren, setzen das Preislimit fest und drücken die Suchtaste, die das Tor zu einer neuen, unbekannten Welt öffnet. Auf den ersten Blick erscheint alles so passend und hübsch und guck mal, ein riesiger Garten, und der tolle Kamin, und so vereinbaren wir auch schon die ersten Besichtigungstermine.

Wir würden schnell lernen. Vor allem, dass nichts so ist wie es scheint. Immobilienmakler verwenden Weitwinkelobjektive, Selfie-Sticks und tricksen geschickt mit dem Licht um alles wunderschön und riesig aussehen zu lassen. Die ersten beiden Häuser haben die Grundfläche eines VW Transporters. So fühlt es sich jedenfalls an. Kein Vergleich zur "großzügigen, sonnendurchfluteten Wohnküche", die im Internet angepriesen wurde. Bei manchen ist Tag des offenen Hauses und zusammen mit uns quetschen sich weitere zwanzig Menschen durch die Korridore und Zimmerchen, alle sich krampfhaft ignorierend, denn Immobilienkauf erfordert absolute Undurchsichtigkeit.

Nach drei, vier dieser eher enttäuschenden Besichtigungen haben wir jedoch eine Menge dazu gelernt. Wir studieren Grundrisse, befragen Google Maps, und setzen ein paar neue Kritieren (Garage mit Einfahrt), und gehen die Sache etwas langsamer an.

Und dann kommt der Tag, an dem wir tatsächlich ein Angebot machen.

Das Haus ist nichts besonderes. Nicht viktorianisch gemauert mit Holzeinfassungen, das mir so insgeheim vorschwebt, nein, überhaupt nichts schönes an diesem Klötzchen. Die Fassade ist sandfarben und hat einen Belag, der etwas wie Kies aussieht. Der fachliche Begriff dafür ist mir nicht bekannt.

Es hat jedoch drei Schlafzimmer in akzeptabler Größe (was haben wir für Besenkammern gesehen...), einen gläsernen Ausbau nach hinten, einen pflegeleichten Garten mit Teich, Garage, und hinter dem Haus befindet sich ein Friedhof, der sich durch die ganze Länge der Straße zieht. Vom Schlafzimmerfenster hat man Aussicht auf alte Grabsteine.

Was wohl für andere  gruselig wirken könnte bedeutet für mich eines: Die stillsten Nachbarn, die man sich vorstellen kann.

Das Haus ist perfekt. Alles scheint intakt, keine Risse, keine Löcher, die einzige Arbeit wäre neue Bodenbeläge und ein Klecks Farbe, scheint das Interior doch noch aus den Achzigern zu stamen. Der Gawjus und ich grinsen wie blöd, als wir wieder im Auto sitzen und rufen noch auf der Fahrt nach Hause bei den Maklern an um unser Angebot zu unterbreiten.

Ich muss hier mit Zahlen reden, ansonsten wird der nächste Teil der Geschichte nicht ganz einfach zu verstehen.

Das Haus war ausgeschrieben mit 295.000 Pfund. Ein stolzer Preis. Und natürlich sind wir totale Immobilien-Anfänger, aber wir wissen, dass man erstmal sehr viel weniger anbietet. Deswegen bezog sich unser Angebot auf 275.

Am nächsten Tag rief die Maklerin an, fröhliche Säuselstimme, wie sie alle haben, und meinte wir sind etwas niedrig, könnten wir vielleicht mehr anbieten? Kurze Beratschlagung mit Gawjus, und wir beschließen auf 278 zu erhöhen. Die Säuselstimme klingt überglücklich und verspricht, mich nach dem Wochenende zurückzurufen.

Plötzlich bekommen wir Zweifel. Ein nagendes Gefühl macht sich breit. Wir sind Anfänger. Haben wir das richtig angepackt? Ist das Haus wirklich so viel Geld wert?
Wir fangen an zu recherchieren. Das Internet zeigt sich sehr gnädig, und wir bekommen mit ein paar Mausklicks heraus, zu welchem Preis sich andere Häuser in der Nachbarschaft verkauften. Die Häuser sehen in der ganzen Straße gleich aus. Und sofort finden wir eines in unmittelbarer Nähe, das sogar noch ein Schlafzimmer mehr hat, und einen größeren Garten, und einen Ausbau. Der Verkaufspreis vor einem halben Jahr war deutlich unter unserem Angebot. Auch ein paar andere Verkäufe in den letzten zwei Jahren wurden sehr viel niedriger abgewickelt als unser Angebot.

Wir haben zu viel geboten. Die Erkenntnis trifft uns ganz eindeutig. Ich beschließe sofort am Montag anzurufen und unser Angebot zurückzuziehen, oder zumindest zu verniedrigen.
Leider kommt mir Säuselstimme zuvor. Als ich ans Telefon gehe ist sie außer sich vor Freude mir zu verkünden zu können, dass unser Angebot akzeptiert wurde.
Es ist mir etwas peinlich, aber ruhig erkläre ich ihr, dass wir die Sache noch einmal überdacht haben, und nach etwas Recherche festgestellt haben, dass das Haus nicht so viel wert sein kann.

Die Säuselstimme hört sich überhaupt nicht mehr säuselig an. "Fine" sagt sie. Aber "fine" bedeutet im Englischen mit der richtigen Betonung normalerweise alles andere als "fine"

Zwei Minuten ruft sie wieder an. Was wir denn denken, was das Haus wert sei? 255 schlage ich vor. "Fine" sagt sie wieder etwas säuseliger. Sie wird sich die Sache ansehen und mich wieder anrufen.

Am selben Abend klicke ich vor dem Schlafengehen noch einmal auf meine super tolle Immobilien App, die mir immer schön auflistet, was denn gerade so auf dem Markt unseren Kriterien entspricht. Und da fallen mir fast die Augen aus dem Kopf, als plötzlich "unser" Haus als erster Treffer auftaucht mit der fetten Aufschrift "Preisreduziert", und 265.000 als Verkaufspreis. Na so was.

Der Gawjus und ich haben nun endgültig kalte Füße bekommen. Das Haus stammt aus einer Erbschaft, und Rechtsanwälte sind involviert. Anwälte und Makler sind sicher gleichermaßen daran interessiert, so viel wie möglich Profit für sich selbst herauszuschlagen und sind bestimmt sehr gut darin uns blutige Anfänger auszupressen wie so Zitronen. Ich habe Angst um mein Geld.

Wir werden das Angebot nicht erhöhen. Falls sich kein Käufer findet, und die Makler sich mit 255 zufrieden geben, dann werden wir noch einmal darüber nachdenken. Aber momentan warten wir lieber ab und sehen was passiert. Das Haus ist perfekt, sagt der Kopf. Aber ist es auch das Haus für's Herz?

Wir haben es nicht eilig, deswegen lehnen wir uns jetzt erst einmal gemütlich zurück, klicken durch die Immobilien-App und nutzen unsere neu erworbene Erfahrung für das nächste Angebot.




Sonntag, 27. Februar 2011

Tag 673 - Mi casa e su casa

Ich hatte ganz vergessen, wie viele Treppenstufen in unsere neue Wohnung führen.
Es ist schon anstrengend hochzuklettern, wenn man nichts tragen muss. Da kommt man dann schon leicht an seine Grenzen, wenn man gefühlt eine Million Kisten schleppt.
Meine Knie und Waden haben sich an die Existenz von Muskulatur erinnert, welche, einmal aus dem dunklen Kämmerchen befreit, sofort mit stechendem Schmerz auf sich aufmerksam machte. Und jetzt, nach drei Tagen, scheint der Muskelkater gerade seinen Höhepunkt erreicht zu haben, und wir müssen noch die Gitarren, das Keyboard und die Verstärker abholen. Aber dann sind wir fertig.
Höhenangst sollte man bei der Feuertreppe auch keine haben. Die Stufen haben "Durchsehgitter", und der Abgrund scheint einen regelrecht anzuziehen. Vor allem wenn man keine Arme frei hat, um sich am rostigen Geländer festzuklammern.



Aber oben angelangt, erinnert man sich sofort wieder wofür man sich so abplagt.

Küche




Bad



Wohnzimmer


Schlafzimmer


Gästezimmer


Flur


Garten


Jetzt werde ich mich die Woche, bis ich meinen neuen Job anfange vollauf mit Einrichten beschäftigen können.

Sonntag, 13. Februar 2011

Tag 659 - Fiddler on the roof

England ist das Land der Immobilienmakler.
An jeder Ecke wachsen die kleinen, schicken Maklerbüros aus der Erde, in denen bildschöne Menschen in fliederfarbenen Kostümen oder Nadelstreifen an ihren perfekt sauberen Schreibtischen sitzen, und jeden Kunden mit einem Lächeln begrüßen, als seien sie gerade einer Milchschnitte-Werbung entsprungen.
Sie markieren alles, das nur irgendwie vermiet- oder verkaufbar ist, mit ihren Unternehmensschildern. Und es gibt eine Menge davon. Ob Einkaufsstraße oder Wohngebiet, überall findet man einen bunten Wald an „To Let“ Schildern.


Der Weg zu unserer eigenen Wohnung führt also über eine Makler Agentur. Das wird gleich klar, als wir im Internet die ersten Wohnungsanzeigen durchsehen.
Die Mietpreise sind deutlich höher als in Deutschland. Aber es hängt auch sehr von der Gegend ab, in die man ziehen möchte. Für uns ist sicher, dass wir hier am Rande Londons wohnen bleiben wollen. So nahmen wir einfach den Freak-Pub als Mittelpunkt und grasten alle Angebote im Radius von einer Meile ab. Ein Schlafzimmer, oder vielleicht sogar zwei, wenn der Preis in Ordnung war.

Noch am selben Tag bekamen wir einen Besichtigungstermin. Die Wohnung sah in der Anzeige wunderschön aus. Lichtdurchflutet, modern renoviert, schön geschnitten. Ungeduldig hibbelnd warteten wir vor der genannten Adresse auf die Maklerin. Die Dame aus dem Unterwäschekatalog kam auch gleich in ihrem Mini Cooper um die Ecke geschossen. Perfektes Lächeln, professionelles Auftreten.
Die Wohnung jedoch hatte mit der auf den Fotos überhaupt nichts gemeinsam. Ein staubiges, enges Loch mit Blick auf einen Bauzaun. War wohl nichts.

Am nächsten Wochenende zwei weitere Besichtigungen. Wieder ein Mini Cooper, wieder ein Reinfall. Wie kann man nur so geschickte Bilder von halbrenovierten Nasszellen machten?
Wir sind frustriert und laufen ziellos in der Gegend umher. Noch zwei Stunden Zeit bis zu einer weiteren Besichtigung. Ob wir wohl noch so eine Bruchbude vorgesetzt kriegen?

Und dann tauchte dort dieses neue Maklerbüro an der Straßenecke auf und ohne groß darüber nachzudenken, standen wir auch schon drin. In der Höhle des Löwen.
„Hello“, schnurrte eine perfekt gekleidete Löwin und schubste uns gleich in Richtung ihres Schreibtisches. Wie sie uns den helfen könne. „Hoffentlich kostet das jetzt noch nichts“, dachte ich, als wir halbherzig unsere Suchkriterien für ein neues Zuhause vorbrachten.

„Da hab ich genau das richtige für euch!“, jauchzte die Maklerin plötzlich in den höchsten Tönen und erzählte von einem Haus, das sie gerade erst hereinbekommen hätte, mit einer allerliebsten Dachwohnung. Genau das Richtige für ein junges, romantisches Pärchen. Das Wort romantisch sagte sie noch ganz oft.
Wann wir Zeit hätten für eine Besichtigung.
„Eigentlich… jetzt!“ sagten der Gawjus und ich gleichzeitig. Und sofort schmiss sich Frau Löwenherz ans Telefon, rief Hauseigentümer an, rief die Nochmieter an, erklärte, smalltalkte, zwitscherte, und nickte uns zwischendurch begeistert zu. Fünf Minuten später griff sie ihre Jacke. „Los geht’s!“
Und weitere zwei Minuten später saßen der Gawjus und ich auf dem Rücksitz eines… nicht Mini Cooper… Audis, auf dem Weg zur viel versprechenden Dachwohnung. Große Erwartungen hatten wir ja nicht. Für die Makler ist ja sogar eine Hundehütte ein „Kuscheliges, freistehendes Eigenheim mit viel Charme, eigenem Eingang und großzügiger Lounge“

Aber dieses Mal schien schon von Anfang an das Gefühl zu stimmen. Ein altes, gemauertes Haus im viktorianischen Stil, in einer sehr ruhigen Straße, unweit von unserem jetzigen Wohnort. Ich war gleich entzückt von der grünen Freddie-Mercury-Haustür!
Im Inneren… wir wussten sofort, DAS war sie. Unsere Wohnung. So viel Charakter, ein wenig verwinkelt. Tolle Zimmeraufteilung, sehr viel Platz, Stauraum ohne Ende, und eine lange Feuertreppe, die von der Hintertür runter in ein kleines Gartengrundstück führte. Und das Beste: Ein zweites, von der Hauptwohnung ein wenig abgesondertes Schlafzimmer mit runder Fensterfront. Geradezu perfekt für unsere Musikinstrumente… und für GÄSTE!

Wie im Traum wanderten wir umher, während die unaufhörlich schwafelnde Maklerin noch einmal die offensichtliche Schönheit dieses Ortes aufzeigte.
Es war dann der Preis, der uns wieder auf den Boden zurückbrachte. Shit. Zweihundert Pfund über unserem Limit. ABER…!!!!!
Wir melden uns, versprachen wir der Maklerin, die uns mit einer Million Visitenkarten überschüttete.

Schweigend und nachdenklich machten wir uns auf zur nächsten Besichtigung. Hier stand schon der obligatorische Mini Cooper vor der Tür. Der Makler lispelte.
Die Wohnung war eigentlich perfekt. Neubau. Frisch renoviert, brandneue Küche, kleines zweites Schlafzimmer, quadratisch, praktisch gut. Die wäre es gewesen… hätten wir die Dachwohnung nicht gesehen.
Wir melden uns, versprachen wir dem Makler. Und meinten es eigentlich auch ernst. Vernunft muss über Romantik siegen.

Zuhause rechneten wir wie verrückt. Gäbe es nicht doch eine Chance auf die Dachwohnung?
Wir kamen dann zum Ergebnis, dass es klappen würde, wenn sie nur Hundert Pfund im Monat günstiger wäre. Verdammte Hundert Pfund, das müsste doch drin sein. Wir riefen die Maklerin an und machten das Angebot. Okay, sie würde es mit den Hauseigentümern abklären und uns am Montagmorgen zurückrufen.
Vorsichtshalber riefen wir auch noch den lispelnden Makler an und sagten für die langweilige Neubauwohnung zu. Auch er wollte uns am Montag zurückrufen.
Montag. Tag der Entscheidung.

Der Lispler war der erste, der anrief. Okay, wir ßeien für die ßüße Wohnung mit ßwei ßlafßimmern im Rennen.
Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, aber ich hoffte wirklich mit aller Kraft auf die Dachwohnung.
Und dann kam der Anruf von Maklerin Löwenherz: Die Eigentümer hätten sich mit dem Angebot einverstanden erklärt!
Juhuuuuuu!!!! Ich konnte es kaum glauben. Es gab bestimmt Leute, die hätten diese Wohnung für das Doppelte gemietet. Warum wir?? Aber darauf hatte die Löwenherz eine Antwort: Wir seien einfach die ersten gewesen. So ein Glück! Ach ja, das mache jetzt 500 Pfund Sicherheitsgebühr, please.

Der Papierkram ging los. Zuerst bezahlten wir die Sicherheitsgebühr. Dann bekamen wir schon einen Tag später Post. Eine Auflistung aller Kosten, die anfallen würden für die erste Monatsmiete, Kaution, Mietvertrag, Maklergebühr, Bearbeitungsgebühr, Gebühr für Schuldenüberprüfung. Nettes Sümmchen, tatsächlich. Aber dafür hatten wir ja schon seit Monaten so viel Geld wie möglich auf die Seite geschaufelt.
Wir füllten die Bewerbungsunterlagen aus. Wieviel Geld wir verdienten, Anschrift der Arbeitgeber, frühere Adressen, Nachweis dieser Adressen…

Ein paar Tage später ein Anruf von Frau Löwenherz. Die Schuldenüberprüfung sei jetzt durch. Alles sauber.
Am nächsten Tag bekam mein Arbeitgeber ein Fax mit der Bitte, zu bestätigen ob ich dort angestellt sei und wie viel ich verdiente. Was mich ein wenig irritierte war, dass auf diesem Fax für meinen Chef stand, ich würde eine Wohnung mieten für den monatlichen Betrag von soundsoviel Pfund. Worüber der sich natürlich gleich mit den Kollegen das Maul zerriss. Da frage ich mich doch, ob es notwendig ist, dieses Detail weiterzugeben. Schließlich ist das meine Privatsache.
Aber na ja, Chef zeigte sich sogar kooperativ, füllte den Wisch aus und ich konnte es gleich zurückfaxen (Dafür er mich aber 80 Pence zahlen lassen).

Drei Tage passierte nichts, dann schrillte plötzlich mein Handy mit mir unbekannter Nummer. Es war die Hauseigentümerin! Sie würde uns gerne treffen. Samstag? Ja?
Ein wenig aufgeregt standen wir Samstag dann vor dem Haus. Wir beschlossen uns in der Dachwohnung zu treffen, so hätten wir die Chance, nochmal einen Blick darauf zu werfen, bevor wir am 25. Februar einziehen würden.
Die Eigentümerin war sehr nett. Obwohl wir auch dieses Mal wieder so verzaubert von der Wohnung waren, dass wir kaum aufnahmefähig waren. Dieses Mal konnten wir sehr viel mehr Details sehen, die uns beim letzten Mal entgangen waren. Die wunderschönen Feuerstellen in Wohnzimmer und Küche. Die Farbe des Holzes und der Wandkacheln, die riesige alte Küche, die eher elegant-altmodisch als altbacken-altmodisch wirkt.
Ich glaube dort zu wohnen wird einfach ein Vergnügen und total inspirierend. Schon jetzt weiß ich, wo ich meine Pflanzentöpfe hinstellen will (Pflanzen! Ich! Das gab es noch nie!), und dass ich ein paar unserer schönsten Island-Landschaftsbilder auf Leinwand drucken möchte und aufhängen. Und die Wikingermasken. Und die Australien-Souvenirs vom Gawjus. Und meine gerahmte Queen-Schallplatte mit dem Freddie Mercury Autogramm. Zu Ehren der grünen Tür.
Die Wohnung wird wie ein Ort werden, an den wir nach der Arbeit nach Hause kommen und uns wie im Urlaub fühlen.
Oh, und ich möchte Besuch. VIEL Besuch! Jeder der hier mitliest ist eingeladen. Wann immer es euch nach London verschlägt, kommt auf jeden Fall auf eine Tasse Tee vorbei! Wenn es ein Sonntag ist, dann mache ich Roast Dinner mit Yorkshire Puddings. Und wir werden im Sonnenuntergang auf der Feuertreppe sitzen, machen Musik und genießen das Leben. Ja? Seid ihr dabei? Ich freu mich so!

Und jetzt kann ich kaum erwarten, bis es soweit ist. Noch 12 Tage!