Dienstag, 29. Juni 2010

Der Charity Shop



Jetzt muss ich aber endlich mal was über den Charity Shop schreiben. Mittlerweile bin ich sehr herzlich in den Kreis der Ladies aufgenommen worden und bin auch fest bei der Cancer Research UK als Volunteer angemeldet.


Anfangs bin ich der Managerin mit der kühlen Ausstrahlung ein wenig ausgewichen. Chef-Hass-Syndrom. Aber jetzt hab ich gemerkt, dass sie eigentlich toll ist. Sie hat eine sehr direkte Art und sagt jedem sofort, wo er steht. Ich hab diese Eigenschaft schon sehr oft bei Süd-Ost-Londonern festgestellt und weiß sie sehr zu schätzen, weil es einfach kein hinter-dem-Rücken-Gerede und falsches Getue gibt.
Ein wenig musste ich ja schon schlucken, als mich Jane vor ein paar Wochen zum Vier-Augen-Gespräch holte. Aber sie hat sich wirklich ausschließlich lobend über meine Arbeit und mein Auftreten geäußert. Dem Bezirksmanager – ihrem Vorgesetzten – hat sie kürzlich erzählt, ich sei „Gold wert“. Der hat mich daraufhin eingeladen, Anfang Oktober die Forschungslabors zu besichtigen, was bestimmt super spannend wird.


Ich weiß nicht genau wie viele Personen für den Laden arbeiten. Ich schätze es sind so um die 20, die zum größten Teil ihre 4-Stunden-Schichten haben, oder einfach mal für eine Tasse Tee auftauchen.

Da gibt es Maureen, eine meiner Lieblingsladies. Sie spricht das klare Englisch der Königin und legt sehr großen Wert auf Höflichkeit, die sie sehr direkt auch von den Kunden verlangt. Ihr Blick ist streng und ihre Stimme dunkel und kalt wie Eis. Aber sie hat diese großartige Selbstironie und einen genialen Humor, über den ich mich weglachen könnte.

Rene ist die älteste Lady. Sie betont öfters, dass die Queen im Gegensatz zu ihr ja noch ein junges Hühnchen sei. Trotzdem ist Rene topfit, schreibt SMS am Handy und ist mit ihrer unendlichen Lebenserfahrung der richtige Ansprechpartner für alle Angelegenheiten.

Peter wird der „Mediaman“ genannt. Sein Bereich im Shop ist CDs, Schallplatten und DVDs. Er ist immer an den neuesten Neuigkeiten der Band interessiert, kann jede Frage im allmorgendlichen Radio-Musikquiz beantworten und ist Beatles-Fan Nummer 1. Immer wieder bringt er mir Broschüren und Flyer für lokale Veranstaltungen mit und gibt mir mit Begeisterung jede Menge Insidertipps, vom günstigsten Sonntagsbraten bis zum schönsten Park der Umgebung.

Kevin ist ein 19-jähriger Langzeitarbeitsloser, der im Laden seine Langweile erschlägt. Er ist sehr clever und eigentlich alles was er sagt, ist in irgendeiner Weise sarkastisch und doppeldeutig. Wir ziehen den Altersdurchschnitt deutlich nach unten.

Sheila ist verantwortlich für den Shop, wenn die Managerin Jane nicht da ist. Sie ist eine kleine supernervöse Erscheinung, immer rennend, mit einem Räuspertic. Ihr fällt es sehr schwer, Anweisungen zu geben, so dass eine Menge Eigeninitiative gefragt ist, wenn nur sie im Laden ist.

Sharon redet pausenlos. Ich weiß die Lebensgeschichte von jedem ihrer Enkel, kenne sogar deren Youtube-Videos, weiß die Geburtstage ihrer Katzen und Vornamen der Klempner, die gerade ihren Boiler reparieren. Ihr Gebiet sind Bücher.

Inge ist Deutsche. Gebürtige Hamburgerin. Nach dem Krieg hat sie ihren englischen Brieffreund besucht und ist einfach geblieben. Manchmal reden wir ein wenig auf Deutsch, weil sie es sehr genießt, aber nach ein paar Minuten rutscht sie wieder zurück ins Englische. Es ist erstaunlich, aber in all den Jahren hat sie es nicht geschafft ihren heftig deutschen Akzent zu verlieren.


Das sind jetzt nur die Leute, mit denen sich meine Schichten überschneiden und sie sind alle schwer in Ordnung. Wenn ich morgens den Shop betrete, höre ich schon die ersten Scherze und werde gleich herbeigerufen um die unmöglichsten Sachen anzuprobieren. Jedes Mal hat auch bestimmt irgendjemand etwas für mich zur Seite gelegt, das mir gefallen könnte. Und es ist immer Verlass darauf, dass Rene total meinen Geschmack trifft. Für ein paar Pfund lässt sich dann das eine oder andere hochwertige Teil abstauben.

Manchmal darf ich auch an der Kasse einspringen. Mein Arbeitsplatz ist dann nicht im Nebenzimmer, sondern im Verkaufsraum.



Oh welch wunderbarer Beobachtungsposten! Diese Kunden! Es ist wirklich alles vertreten. Anzugsträger auf der Suche nach Hemden, Rastalockige Freaks in den Schallplatten stöbernd, Mütter mit Kinderwägen auf der Suche nach dem Schnäppchen. Immer wieder dieselben Gesichter, die sich auf dem allwöchentlichen Charity-Run befinden.
Dann gibt es die Netten, die nach dem Bezahlen gerne noch eine Minute stehen bleiben und über das Wetter plaudern.
Da sind die Mürrischen, die es nicht fertig bringen auch nur ein einziges Wort während des Kaufprozesses von sich zu geben und grußlos den Laden verlassen.
Die Chaotischen, die innerhalb weniger Minuten das ganze Sortiment durcheinanderbringen.
Dann sind da auch noch die Feilscher, die jeden Grund nutzen um die kleine Nilpferdporzellanstatue um nochmal 5 Pennies günstiger zu kriegen.
Oder die Frechen, die Charity mit Wohlfahrt für sich selbst verwechseln.
Diese bunte Palette von Leuten trifft an diesem Ort aufeinander. Und ich sitze, beobachte, kopfschüttle, grinse, notiere gedanklich.

Die seltsamste Kundin bisher war die Dame, die ein paar Kleider anprobierte und dann aus der Umkleide kam und mich fragte, ob ich den Reißverschluss am Rücken schließen könnte. Sie drehte sich um und ich sah schon, dass es keine Chance gab, den Verschluss auch nur um einen Millimeter zu bewegen. Das Kleid war einfach drei Größen zu klein. Aber sie beharrte darauf, dass ich es versuchen sollte und so rüttelte ich ein paar Minuten erfolglos.
Und was soll ich sagen? Sie kaufte das Kleid am Ende trotzdem.

So, Fazit, die Arbeit im Shop macht riesigen Spaß. Manchmal würde ich meinen Aupair-Job gerne dagegen eintauschen, der momentan ein wenig ermüdend ist. Die Sargnägel sind im Pre-Holiday-Blues und drehen ein krummes Ding nach dem anderen. Klein Sargnagel hat sich mit der Kinderschere eine neue Frisur verpasst und sieht jetzt original aus wie Alfred E. Neumann vom MAD Magazin. Groß Sargnagel fordert 24 Stunden am Tag lautstark den Kauf eines pinken Kunstlederhandtaschenungetüms „weil es Trend ist und jeder in meiner Klasse hat so eine nur ich nicht, buuhuu!“, und scheint damit jetzt endgültig in die Vorpubertät gekommen zu sein. Und Mummy versteckt die Wäsche der Kinder in ihrem Schlafzimmer, so dass ich nicht merke, dass sie am Wochenende nichts im Haushalt gemacht hat. Gähn.

1 Kommentar:

  1. Hallo Sarah!
    Ich bin so froh, ich habe deinen wunderschönen Blog gefunden.
    Ich liebe auch die Charityshops.
    Letzte Woche habe ich ein fesselndes Buch gefunden, das Woher kommt das schwarze Schaf? von Wolfgang Seidel heißt. Es erklärt die etymologischen Wurzeln gemeinsamer deutscher Wörter und Ausdrücke.

    In meinem deutschen Blog habe ich einen kleinen Ausschnitt gepostet.

    Ich habe zwei Blogs:

    Deutscher: http://gledwood3.blogspot.com
    Englischer: http://gledwood2.blogspot.com

    Bitte vorbeikommen.

    Herzlichen Grüße

    Gledwood
    (ja ~ in London Town ;-)

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