Mittwoch, 23. Dezember 2009

Tag 250 - Coming home for Christmas

So, jetzt ist es also passiert. Alle Anzeichen sprachen in den letzten Tagen dafür, dass die Drohung wahr gemacht würde. Trotzdem ist ganz England entsetzt und mit dem Geschehen total überfordert. Im Fernsehen und Radio wird heute nur darüber berichtet. Die meisten Schulen haben geschlossen, weil viele Leute nicht das Haus verlassen wollen. Die, die es doch tun, kommen nicht weit, weil das öffentliche Verkehrsnetz zusammengebrochen ist. Ausnahmezustand. Es gibt nur noch dieses eine Thema.
Nachbarn, die sich noch nie gesehen haben, rotten sich plötzlich Hilfe suchend zusammen.
Seit heute Mittag Erleichterung, es gibt keine Toten. Noch nicht. Die Situation bleibt angespannt. Wir sind nicht sicher. Ständig hört man Sirenen. Jedes Mal wenn man doch das Haus verlassen muss, fühlt man sich hilflos auf den Straßen. Jederzeit und überall könnte es wieder passieren.

Schnee.

Der erste Dezemberschnee in England seit 1975, behaupten die Alteingesessenen und wiegen besorgt die Köpfe. Sie sitzen seit 11 Uhr morgens im Pub, weil niemand arbeiten gehen muss. Zu gefährlich.
Schnee! Gewaltige 5 Zentimeter! Ich grinse.

Doch das Lachen vergeht mir nach zwei Tagen. Es regnet, es gefriert, und auf das pulverige Schneebisschen auf den Gehwegen legt sich eine dicke Eisschicht.
Denkste hier fühlt sich irgendjemand dafür zuständig die Bürgersteige freizumachen oder Salz zu streuen? Nope!
Ich hätte nie gedacht, dass ich derartigen Muskelkater haben könnte, durch die permanente Fortbewegung in winzigen Trippelschrittchen. Aua, verdammt.
Die Engländer sind definitiv nicht auf Winter vorbereitet. Ich habe noch kein einziges Streufahrzeug gesehen. Schneeschaufeln scheint man hier auch nicht kaufen zu können.
Alle reden von der Health and Safety Executive, die in Großbritannien für den Arbeitsschutz zuständig sind. Sie sind es, die wegen drei Schneeflocken sofort die drastischsten Maßnahmen ergreifen, Schulen schließen, besonders riskante Straßen sperren, große Shoppingcentres stilllegen und die Busse zurückrufen.
Aber wenn die Bürgersteige nahezu unbegehbar sind, dann interessiert das nicht. Verrückte Welt hier.

Ich freu mich, wenn es wieder regnet.

Das war’s schon für heute. Ich werde mal so langsam meinen Koffer packen, in zwei Stunden muss ich los… zum Flughafen! Weihnachtsferien in Good Old Germany, ich freu mich ja schon so.

…wenn mal nicht der Flug gecancelt wird, könnte ja schneien.

Jedenfalls wünsch ich Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue! Nächstes Jahr melde ich mich mit vielen neuen Sargnagelberichten zurück, mit Geschichten aus dem Pub, und skurrilen Dingen, die ich hier so nach und nach gesammelt habe.

Lasst es euch gut gehen, habt ein schönes Fest und ein paar entspannte freie Tage.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Lookalikey

Jared Leto



Steven Seagal



Dustin Hoffman



Opera House, Sydney

Tag 240 - Don't look back into the sun

Ich glaub der große Sargnagel ist das einzige Kind der Welt, das auf die Frage was es sich zu Weihnachten wünscht mit „Windpocken!“ antwortet.
Zur Begründung gab es dann die logische Erklärung, dass Windpocken toll sind, da man ja eine Woche von der Schule freigestellt wird. Und außerdem kann man damit die Mitschüler beeindrucken.
Windpocken also.
Aber mir ist ganz recht, wenn Santa stattdessen lieber eine Barbie oder MylittlePony bringt. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich als Kind Windpocken hatte. Und alles was die Kids so an Krankheiten einschleppen krieg ich auch.

Vor zwei Wochen zum Beispiel hatten wir Würmer. Eigentlich dachte ich, meine Ekelgrenze wird nicht mehr so schnell erreicht. Aber das hat mich dann doch ein wenig aus der Bahn geworfen. Würmer!! Sich windende weiße Maden, die meinen Körper als Brutstube für ihre Eier nutzen. Blärrrgh! Für einen Panikmoment dachte ich, die würden mich von innen auffressen. Bin zu meiner Doktorin gerast und hab mich über den Empfangstresen geschmissen. Ein Notfall! Ein Notfall! Würmer! Ich sterbe!!!
Frau Doktor war jedoch ganz cool und hat mich erstmal auf den Boden zurückgeholt. Würmer bei Kindern sei das normalste der Welt. Und für gewöhnlich kriegt es im Haushalt dann jeder. Einfach alles waschen, eine Tablette schlucken, und alles wird gut.
Sie hat Recht behalten. Aber eklig war es trotzdem. Ich hab es bisher auch nicht fertig gebracht, das irgendjemandem zu erzählen.

So, zum Thema des Tages: Ich war auf der Bühne.

Die Sache mit der Band läuft gerade etwas zäh, da jede Woche entweder Sänger oder Gitarrist oder beide nicht zur Probe kommen können wegen Arbeit/Freundin/Zahnarzt oder was auch immer. Und wenn doch mal was stattfindet, kauen wir immer auf denselben Stücken herum und kommen kaum einen Schritt voran. Frustrierend.
Eines schönen Mittwoch Abends war mal wieder niemand zur Bandprobe erschienen, außer mir und dem Bassisten. Und während wir bei einem Bierchen gemütlich jammten, entstand plötzlich die Idee, einfach am nächsten Tag bei der Open Mic Night zu zweit auf die Bühne zu hüpfen und den Pub zu rocken. Adam der Bassist würde auf Gitarre und Gesang umsteigen, und ich solle am Keyboard die zweite Gitarre und den Bass spielen. Den passenden Song dazu hatten wir vor Wochen schon ausgewählt, aber es kam durch das ganze Herumgeeiere noch nicht dazu, ihn auszuprobieren.
An diesem Abend jedenfalls probten wir ihn und es klappte auf Anhieb. Und je später es wurde, desto sicherer auch die Idee, Nägel mit Köpfen zu machen und am nächsten Tag aufzutreten. Auf jeden Fall! Aber so was von!

Und wir haben es durchgezogen.
Zugegeben. Ich war den ganzen Tag etwas hibbelig. Und am Abend (viel zu früh) im Pub auch echt nervös. Was, wenn ich beim auf die Bühne laufen über die Kabel fallen würde, und innerhalb von einer Sekunde die ganze Anlage demontieren? Das wäre so typisch! Oder wenn ich mich plötzlich nicht mehr an den Song erinnern würde. Oder wenn ich vor dem Keyboard stehen würde und jede Taste sähe gleich aus. Blackout? Oder wenn meine Hände kalt werden würden und dadurch die Finger steif? Mit fielen so viele Sachen ein, die schief gehen könnten. Und der Erwartungsdruck! Ich hab ja schon einen gewissen Bekanntheisgrad im Special Freak Pub. Sarah, the German bird. Und wenn ich dann plötzlich auf der Bühne stände, dann würde sich das wie ein Lauffeuer verbreiten.
Aber dann hab ich mich doch daran erinnert, dass das „nur“ Open Mic ist. Jeder mehr oder weniger Talentierte kann vortragen was er will. Und das Publikum ist freundlich. Wenn jemand sein Bisschen so gar nicht auf die Reihe kriegt, dann gibt es Unterstützung von den Chipolatas. Das sind die alteingesessenen Musiker, die plötzlich aus dem Nichts als Backgroundsänger, Rhythmusrassler oder Takttrommler auf der Bühne auftauchen und dem überforderten Künstler das Stück retten.
Nach einem Beruhigungsdrink war ich dann fertig mit nervös sein.

Einer der Chipolatas, der sagenhafte Vincent, erklärte sich bereit, Adam und mich auf der Trommel zu begleiten.
Und dann war es soweit. Ich bin NICHT über die Kabel gestolpert. Natürlich gab es Aufregungspatzer und meine Hände waren kalt, aber im Großen und Ganzen lief es glänzend. Wir hatten außerdem noch das Glück, dass der Song (The Libertines: Don’t look back into the Sun) gut ankam und einige mitsangen. Vor allem die ganzen Schwulis mit ihren besten Freundinnen.
Begeisterte Pfiffe und Beifall am Ende… man beachte auch das Küsschen am Schluss, ist das nicht süß?



Ich bin jedenfalls den Rest vom Abend ein paar Zentimeter über dem Boden geschwebt, hab mich feiern und beglückwünschen lassen, als hätte ich eine Supercastingshow gewonnen… und hab Blut geleckt. Mehr davon! In den nächsten Wochen wird neuer Stoff geprobt und das Alte verbessert und vertieft. Anfang Januar geht’s wieder auf die Bühne.

Ansonsten war vergangene Woche nicht ganz so toll. Die Kinder haben sich aufgeführt, wie Wilde und es hat sich ein mächtiges Aupairbeben zusammengebraut. Gefolgt vom Mummybeben und dieses Wochenende hoffentlich noch Daddybeben. So nicht! Scheinbar macht vor allem der kleine Sargnagel gerade eine nervtötende 4-jährigen-Trotzphase durch. Boah nee ey. Aber davon schreib ich jetzt nichts, weil es ist Sonntag und grade so schön ruhig. Und nächste Woche wird eine gute letzte Woche mit den Kids, bevor ich mich in den Weihnachtsurlaub verabschiede. Letzte Woche haben wir Lebkuchen-Hexenhäuser gemacht, das will ich nächste Woche noch mal aufgreifen mit ein wenig besser gelaunten Sargnägelchen. Hoffentlich.


Mein Look-a-like-Projekt nimmt übrigens Formen an. Ich konnte im Pub Bilder von ein paar Leuten machen und mit ihren prominenten Doppelgängern vergleichen. Und mal sehen, wer mir heute Abend beim Pubkonzert noch so über den Weg läuft.

So, das war’s von mir. Ich werf mich jetzt auf das Sofa und werde den ganzen Nachmittag nur den Zeigefinger bewegen, um die Knöpfe auf der Fernbedienung zu drücken. Ich wette, es laufen Unmengen von kitschigen Vorweihnachtsfilmen. Es gibt sogar einen Channel, der nennt sich Christmas 24, da kommen rund um die Uhr Weihnachtsfilme. Genau nach so was steht mir jetzt der Sinn.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Tag 229 - You're beautiful

Alles wie immer, im schönen feuchtkalten England. Ich war viel unterwegs in den letzten Tagen… Christmas Shopping. Die Vorfreude der Kinder ist echt ansteckend, ich fühl mich selbst wieder wie ein Kind und FREU mich ja schon so auf Weihnachten. Aber hauptsächlich darauf, meine Familie zu sehen. Tickets sind gebucht, nächste Woche checke ich online ein. Ich hoffe nur, dass mich Ryanair nicht im Stich lässt, die haben nicht gerade den tollsten Ruf.

Die Große hatte letzte Woche einen Chor Auftritt im großen Bluewater Shoppingcentre. Hach, die Sargnägel können ja so süß sein, wenn sie wollen. Ganz brav stand sie da in der ersten Reihe, mit ihrer Schuluniform und den mal wieder runtergerutschten Kniestrümpfen. Den Mund beim Singen weit geöffnet.
Ich mag englische Weihnachtslieder. Obwohl ich aus irgendwelchen Gründen immer an Mr. Bean denken muss.


Wir blieben in Bluewater bis es dunkel wurde. Die Sargnägel bestaunten die vielen Lichter und bekamen sogar eine Runde auf dem quietschbunten Karussell spendiert. Hach, es Weihnachtet.






Aber damit ihr jetzt nicht denkt, dass ich so langsam zu einem sentimentalen Weichei mutiere, hier noch ein ganz wichtiger Bericht über meinen neuestes Kulturerlebnis. Ich habe Bekanntschaft gemacht mit der eigenartigsten Sportart, die ich jemals gesehen habe: RUGBY

Samstagnachmittag, 14 Uhr, irgendein Rugbyfeld im Nirgendwo.


Ich konnte mir nicht viel unter diesem Sport vorstellen, außer dass es irgendwie Ähnlichkeit mit American Football hat. Von Letzterem weiß ich aber auch nur, dass der Ball eiförmig ist. Rugbyspieler winken empört ab, wenn man American Football erwähnt. Das sei nur eine billige Kopie von Rugby. Diese Amerikaner seien doch Feiglinge mit ihrer Schutzkleidung und den Regeländerungen, und nur die Briten hätten überhaupt die nötigen Eier in der Hose, für diesen Sport.

Ich wurde neugierig. Wie denn die Regeln aussehen würden, hab ich einen dieser typischen Sportplatztypen gefragt, der neben mir am Spielfeldrand stand. So ein alter Ehemaliger, der bestimmt mal verletzungsbedingt ausgeschieden ist und jetzt mit Mantel und Hut am Feld steht und alles besser weiß.
Er verzog das furchige Gesicht zu einem milden Lächeln und schüttelte den Kopf. Mit Daumen und Zeigefinger zeigte er eine Spanne von ungefähr 5 cm an. So dick sei das Buch mit den Regeln. Dann ignorierte er mich, denn das Spiel ging los und er musste sich konzentrieren.


Mein erster Eindruck war: 2x15 ausgewachsene Männer prallen mit Wucht zusammen und wälzen sich dann in einem Knäuel aus Armen und Beinen auf dem Boden. Und gerade als ich dachte, ich höre die ersten Schädeldecken brechen, schrie der Sportplatztyp neben mir: „Beautiful! Beautiful! Beautiful!“
Naja, schön ist was anderes.
Nach endlosen Sekunden witschte der Ball plötzlich aus diesem Menschenstapel wie ein Stück nasse Seife. Sofort erhoben sich alle mehr oder weniger ächzend und stürzten sich zu dreißigst ein paar Meter weiter wieder mit lautem Gebrüll auf den Ball. Beautiful! Beautiful!


So ging es das ganze Spiel durch. Nach zwanzig Minuten bluteten einige schon aus sämtlichen Körperöffnungen. Nach dreißig Minuten kamen Notarzt und Krankenwagen. Ich hab das arme Schwein gesehen, seine Nase zeigte irgendwie nach innen.
Nach fünfzig Minuten stampfte der Schiri beleidigt vom Platz, weil ihn jemand einen Deppen genannt hatte. Die Rugbyleute zuckten nur mit den Schultern, meinten, dass der wohl heute seine Tage hätte und wälzten sich weiter über das Feld.
Nach fünfundfünfzig Minuten war der Schiri wieder zurück als sei nichts gewesen, und nach siebzig Minuten war es dann vorbei.
Wenig später saßen beide Mannschaften ein wenig grün und blau, aber friedlich zusammen im Clubhaus und stürzten ein Pint Lager.


Das war Rugby.

Ich überlege gerade wie es aussähe, wenn die Dull Daddys ein Rugby Team gründeten. Sitzpinkler e.V.

So, jetzt geh ich für heute Abend vorkochen. Ich kann es selbst nicht glauben, aber mittlerweile koch ich wirklich gerne. Vor ein paar Monaten hätte ich noch Wasser anbrennen lassen und einfach überall Ketchup reingeschüttet um den Geschmack von Angebranntem oder falschen/fehlenden Gewürzen zu überdecken. Ist wohl auch nur eine Übungssache. So langsam bin ich motiviert genug, auch mal was „Schwieriges“ zu kochen (hey, ich hab Hühnerbrust gefüllt, das war geradezu erschreckend gut gelungen), wobei da ja die Sargnägel meistens lange Zähne machen. Aber ist ja egal was ich auf den Tisch bringe, ich höre jeden Tag den halb geschrieen, halb geheulten Satz

ICH MAG ABER KEINE (hier beliebiges Nahrungsmittel einfügen)!!!!!

Ja ich weiß, ich sollte hier ruhig sein. Ich selbst war ja das schwierigste Esskind auf Erden, glaub ich zumindest. Hey, und jetzt weiß ich was für ein Luxus das ist, wenn man eine „Extrawurscht“ gekocht kriegt.

Aber die Schwierigkeit bei den Sargnägeln besteht darin, dass es jeden Tag etwas anderes ist, das nicht gemocht wird. Manchmal glaub ich, die wollen sich einfach nur beschweren, egal über was. Folgende Begebenheit passierte nämlich vor einiger Zeit:

Ich stelle dem kleinen Sargnagel das Abendessen hin.

Sargnagel: „Was ist das?“
Ich: „Reis!“
Sargnagel: (schreit/heult) „ICH MAG ABER KEINE KARTOFFELN!“

Jaja, meine kleinen Nägelchen.

Ich wünsch euch eine besinnliche Adventszeit!