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Mittwoch, 14. November 2012

Pot Noodles und Novembersonne

"Hurraaaa!", schreit meine Abenteuerlust. "Oh Gottogott, bitte nicht!", flüstert mein Schweinehund und möchte am liebsten in eine Decke verkrochen unter den Heizkörper kriechen. Gemischte Gefühle. Warum? Weil der geehrte Herr Gawjus einen Angeltrip ans Meer inklusive campen am Strand vorschlägt. Im November. Die spinnen, die Angler.

Die Abenteuerlust gewinnt. Obwohl der Schweinehund während der Fahrt immer wieder mahnend an meinem Ärmel zupft. Es ist kalt und dunkel, und dicker Nebel liegt auf der Autobahn. Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Ausflug bereuen werde.

Der Gawjus redet unterbrochen. Er leidet am "Fishing-Fever". Vor jedem Angeltrip gerät er so dermaßen aus dem Häuschen, dass kaum eine Unterhaltung möglich ist, bei der es nicht um Auswerftechnik, Fischarten, Köder und irgendwelchen technischen Kurbeldetails geht. Ich nicke artig und murmle von Zeit zu Zeit zustimmend. Ich brauche gar nicht zu versuchen, mit einem anderen Thema anzukommen. Es würde gnadenlos am Fever abprallen.

Gegen zehn Uhr abends erreichen wir Dungeness - eine kleine Landzunge, die in den English Channel hineinragt, als wenn ein Sandhaufen vor vielen Jahren mal versucht hätte, sich in Richtung Frankreich auszudehnen. Es gibt nicht viel zu sehen dort: Ein stillgelegtes Atomkraftwerk, ein paar wenige Wohnhäuser an der einzigen Straße, viele Fischerboote und zwei Leuchttürme. Englische Nichtsigkeit. Wunderbare Abgeschnittenheit und Ruhe.

Ich atme noch einmal tief durch, bevor ich die Autotür öffne. Das große Frieren kann losgehen. Aber zu meiner Überraschung scheint es in Dungeness milder zu sein, als in London. Außerdem ist totale Windstille, was temperaturmäßig einen bedeutenden Unterschied macht.

Wir schultern unsere Tonnen an Gepäck und stapfen durch den Kies noch ungefähr zehn Minuten zum Ufer. Kiesstrand ist sehr anstrengend. Ich fange in meinen Thermoklamotten an zu schwitzen.

Während der Gawjus seine Angeln zusammenbastelt, baue ich das Zelt auf. Ich finde es immernoch faszinierend, dass nur mit drei Stangen und ein wenig Plane wenig später ein perfektest Iglu-Zelt vor mir steht. Zelthersteller sind genial.
Ich richte mich häuslich ein. Erst eine Picknick-Decke mit Plastikunterlage, darauf die Schlafsäcke. Ich deponiere Wasserflaschen und Kekse griffbereit und staple noch ein paar Extraklamotten in einer Ecke, die ich bestimmt später noch drüberziehen muss. Fertig. Eingezogen.

Mittlerweile hat der Gawjus die erste Angel ausgeworfen. An der Spitze hängt ein kleiner Leuchtstab, damit man im Dunkeln sehen kann, ob etwas angebissen hat. Wir setzen uns mit einer Dose Cider in den Zelteingang und sehen nach oben auf die Angelspitze. Alle Lampen sind ausgeschaltet und fernab von jeglicher Lichtverschmutzung fällt uns plötzlich der Sternenhimmel auf. Der Nebel hat sich verzogen und Millionen von Sterne blinken auf uns herab. So einen Himmel habe ich zum letzten Mal in Island gesehen. Wunderschön. Wie auf Kommando sehen wir Sternschnuppen. Eine nach der anderen. Wie unüblich für November. Wir staunen.

Nach Mitternacht ist es bedeutend kälter. Ich ziehe noch eine Jacke drüber und ein extra Paar Socken. Wickle mich in meinen Schlafsack und lese mit Taschenlampe in meinem Buch. Richtig gemütlich. Die Trauben-Nuss-Schokolade leistet mir Gesellschaft, obwohl sie so kalt ist, dass ich kaum etwas abbrechen kann.


Weitere zwei Stunden vergehen. Zeit für heißes Wasser. Sofort als ich den Kocher anzünde, scheint es wärmer zu werden. Wahrscheinlich ist es der Anblick der Flamme, der einem ein wärmendes Gefühl vermittelt. 


Wir essen Pot Noodles. Mit heißem Wasser auffüllen, und schon hat man eine kräftige Nudelsuppe. Am Ende noch die Brühe aus dem Plastikbecher trinken und es wärmt bis in die Zehen.


Ich fülle noch eine Wärmflasche mit heißem Wasser und wickle mich damit wieder in meinen Schlafsack. Zwei Sternschnuppen später schlafe ich ein.
Immer wieder wache ich auf, zumeist weil der Gawjus sich über Fisch freut. Gegen fünf Uhr weckt mich Kälte und Feuchtigkeit. Ich habe auf früheren Angeltrips gelernt, dass die Stunde vor Sonnenaufgang immer am kältesten ist. Feuchte Luft versucht durch jede Faser der Kleidung an die Haut zu gelangen. Die Wärmflasche leistet grandiose Arbeit in Kälteabwehr.

Als ich das nächste Mal wach werde, geht die Sonne auf. Es ist Flut und die ruhige See ist nahe an unser Zelt geklettert. Noch immer ist es windstill.


Auf dem Wasser tanzen Nebelschwaden in der Morgensonne.


 Fähren und Frachtschiffe sind schon von Dover nach Calais unterwegs



Seltsame Dinge tauchen am Horizont auf und verschwinden wieder, wie Fata Morganas.




 Die Möwen sind aufgewacht und fliegen die erste Runde auf der Suche nach ihrem Frühstück. 



Neben uns wird ein Fischkutter ausgeparkt und ins Meer geschoben.



Ich döse wieder ein, und als ich das nächste Mal aufwache fühle ich mich warm und ausgeruht. Die Sonne hat sich wohl in der Jahreszeit geirrt und brutzelt munter auf mein Gesicht.



Ich kann nicht glauben, wie blau der Himmel ist. Ich muss zwei Jacken und meine Thermo-Hose ausziehen, so warm ist es. Ich ziehe meinen Schlafsack ins Freie, lege mich darauf und döse in der Sonne. Wie im Urlaub. 



 Der Gawjus fängt Abendessen. Mein Gesicht glüht. Ein Sonnentag im November.




Freitag, 9. März 2012

Buttje, Buttje in der See

2012 ist jetzt schon das Jahr des Fisches erklärt worden.

Seit Neujahr sind wir ganze neun Mal mit der Angel losgezogen, und haben insgesamt 89 Fische 8 verschiedener Arten an Land gezogen. Der Gawjus führt ein Logbuch.

So ungefährt drei Viertel aller Fische haben wir wieder in die Freiheit entlassen, und das andere Viertel landete auf dem Tisch. Essen als Selbstversorger. Ich bin hin und weg davon. Es gibt keinen besseren Geschmack, als der eines frischen Fisches, der auch noch selbst gefangen wurde. Gollum. Gollum.
Und gerade deswegen macht mir Angeln am Meer auch den größten Spaß. Fische aus Flüssen oder Seen darf man in England nicht behalten. Aber das Meer und sein Inhalt ist für alle da. Sowieso liebe ich das Meer, und nach einem Tag an der Seaside fühlen sich meine Lungen immer so herrlich durchgespült an. Vor allem wenn es windig war, ist die Haut in meinem Gesicht nach dem erfrischenden Salzpeeling immer geschmeidig wie ein Pizzateig.

Nur im Winter kann die englische Channelküste ganz schön stürmisch sein. Und kalt. Eine Snowboard-Hose war eine ziemlich gute Anschaffung für lange Stunden am Strand.



Ein Glück wird es langsam Frühling, und ich konnte letztes Mal schon einen Pullover und eine Jacke weglassen. In den tausend Schichten kann man sich nämlich kaum bewegen.

So, und das sind ein paar der Sorten, die wir aus dem Channel gefischt haben:

Whiting (Wittling)



Dab (eine Art Scholle)



Flounder(Flunder)



Rockling (keine deutsche Übersetzung gefunden)



Dogfish (ein Hai!!!!)



Hier noch eine Nahaufnahme bei Tageslicht. Die Augen finde ich wirklich gruselig, weil der Fisch scheint einen fast zu fixieren mit seinen beweglichen Augäpfeln. Seine Haut fühlt sich an wie Sandpapier.



Und so sieht er am Stück aus



Dogfisch und Rockling essen wir nicht. Aber aus Whiting, Dab und Flounder kann man sehr leckere Gerichte kochen.

Fischsuppe



Mit Knoblauch und Zitrone ausstopfen und in den Backofen packen



Panierte Filets im Ofen gebacken



In Mehl und Gewürzen gewälzte Filets in die Pfanne gehauen



Unfiletiert mit Tomatensoße



Nackte Filets mit indischem Curry



Flatfish-Burgers



Egal wie man die Fischies zubereitet, sie sind nahrhaft, preiswert, und ziemlich gesund...

...obwohl...

..ob es wohl etwas ausmacht, dass wir in Dungeness angeln gehen, wo direkt am Strand ein (seit 2006 abgeschaltetes) Kernkraftwerk steht?



Wie auch immer, bisher haben wir noch nichts Ungewöhnliches gesehen. Aber dafür jede Menge von diesen hier:



Hach.

Dienstag, 12. Juli 2011

Kochrezept: Gegrillter Seebarsch

Zutaten:

1 Zitrone
2 Knoblauchzehen
Salz
Pfeffer
Italienische Kräuter
1 Ärmelkanal

1 Wegwerfgrill

1 Eifriger Fischermann

1 Seebarsch


Zubereitung:

Mitleid überwinden und dem armen Barschi eins überbraten.


Aufsteigende Übelkeit überwinden und Barschi chirurgisch gründlich von allen Organen befreien (Kein Bild hiervon aus ethischen Gründen). Mit einem Messer die Schuppen abbürsten.


Knoblauchscheiben wahllos im Inneren des Fisches verteilen. Würzen.


Zitronenscheiben dekorativ dazustecken.


Chopins Trauermarsch summen und den Barschi in Alufolie hüllen.


Ungefähr zwanzig Minuten über glühenden Kohlen grillen und gelegentlich wenden.


Fertig

Mittwoch, 7. Juli 2010

Harry Potter und der Halbblutknoten

Ich habs schon wieder getan.
Dieses Mal ging es zwei Tage angeln in den Monk Lakes in der Nähe von Maidstone, Kent.
Und anstatt mich nur lesend in der Sonne zu aalen hab ich dieses Mal auch richtig mitgemacht und meine "eigene" Angel mehr oder weniger professionell ins Wasser schnalzen lassen. Gelernt habe ich, dass man den Haken mit einem "five turn half blood knot" an der Leine befestigt. Und auch, dass es Fische gibt, die auf Dosenfleisch abfahren. Und auch, dass diese Fischart auf Englisch ganz elegant "tench" heißt, aber im Deutschen sehr seltsam "Schlei" genannt wird. Nie gehört. Echt nicht.

Hier, der letzte Schlei:


Karpfen hingegen mögen Boilies als Köder. Das sind bunte Kugeln, die sie bequem einsaugen können. Die gibts im Angelladen in allen möglichen Geschmacksrichtungen: Ananas, Tutti Frutti, Erdwurm, Kiwi, Banane.

Meine beiden Kampfkarpfen mochten ganz besonders Tigernüsse.



Oh mein Gott, es ist also wirklich passiert. Ich gehe fischen und habe Spaß daran. Fortsetzung folgt bestimmt. Nächstes Mal will ich einen zwanzig-Kilo-Wels. Woohoo.

Montag, 7. Juni 2010

Tag 414 - Fisherman's friend

Wenn sie kein Haustier kriegen, dann helfen sie sich eben selbst, die Sargnägel.

Heute Morgen standen sie bei mir im Zimmer und präsentieren ihre Tupperware Behälter, deren Inhalt ich eigentlich nicht so gerne unter die Lupe nehmen wollte. Schon gar nicht kurz nach dem Aufwachen. Aber gut, ich habe dann doch einen Blick durch die milchigen Plastikböden riskiert. Resultat: Groß Sargnagel ist stolze Besitzerin eines guten Dutzends Schnecken. Mit und ohne Haus. Klein Sargnagel hat Spinnen. Mit und ohne Netz.
Während des Frühstücks stand der Schneckenbehälter geöffnet auf dem Tisch. Man sollte nicht glauben, welche Geschwindigkeit Schnecken in Todesangst entwickeln. Ich glaube wir haben alle wieder gefunden. Dann erst mal die Tischdecke in die Waschmaschine gepackt.
Klein Sargnagel hat ziemlich schnell verstanden, dass ein offener Deckel nicht nur die Spinnen entfleuchen, sondern auch sein Aupair kreischend durch das Zimmer springen lässt. Ich kann sein Gehirn jetzt arbeiten sehen, ob der Verlust eines der kostbaren Achtbeiners das Schauspiel des panischen Aupairs wert ist. Ich hoffe er entscheidet sich für die Spinnen.
„So ein Pech, dass wir in der Schule keinen Haustiertag haben“, meinte Groß Sargnagel auf dem Schulweg tief seufzend. Ja, so ein Pech. Jetzt stehen die Behälter nämlich hier neben mir. Die Schnecken scheinen zu schlafen, sind se nich süß. Die Spinnen haben angefangen sich gegenseitig aufzufressen.
Mich juckt es überall.

Gejuckt haben auch die Mückenstiche letztes Wochenende. Ich habe mich mal wieder auf eine Angeltour mit Adam begeben. Dieses Mal inklusive Zelt, Schlafsack und Lagerfeuer (okay, letzteres mehr in Form eines Din A4 großen Wegwerfgrills).
Angeln wird niemals mein liebstes Hobby werden. Mein Jagdtrieb kommt eher dann zum Vorschein, wenn es um Schnäppchen geht. Aber trotzdem kann ich diese Ausflüge genießen, weil die Stille und Natur von Zeit zu Zeit einfach so wohltuend ist.

Die Furnace Lakes sind in einem künstlich angelegten Gelände in der Nähe von Guildford. Ich wurde mal wieder Zeuge von perfekter englischer Durchorganisiertheit:
Man hat am Eingang eine Art Anmeldegespräch, bei dem man sich für einen der fünf Seen entscheiden kann. Je nachdem, welche Fische man angeln möchte. In unserem Fall Karpfen und Wels. Der Seebesitzer griff nach einer Karte des entsprechenden Sees und deutete auf die noch freien Plätze. Es folgte kurzes Fachsimpeln über Wassertiefe, Seerosenbetten und Wind, bis diese Entscheidung auch gefallen war. 30 Pfund bezahlt, dann öffnete sich das Tor und wir sahen ein hügeliges Hobbitland, mit schön angelegten und bewachsenen Seen. Das Gras war sauber gemäht und erinnerte wirklich an eine Filmkulisse.


Auf dem Parkplatz hatte ich mich schon mit dem Gedanken abgefunden, jetzt alle Sachen zu unserem Angelplatz schleppen zu müssen. Als plötzlich ein sonnengebräunter Surfboy-Verschnitt mit blitzend weißen Zähnen auf seinem Quad angebraust kam. Im Schlepptau einen Anhänger, auf den wir unser Gepäck und uns selbst platzieren durften. Durchgeschüttelt und scheppernd wurden wir so zu unserem Platz befördert. Cool!


Oh, es war wundervoll. Auf dem Gelände sind keine Kinder erlaubt. Nur schweigsame tarngrün gekleidete Fischer, die sich zur Begrüßung tierlautig zugrunzen. Herrliche Stille. Manchmal unterbrochen von der kleinen nervösen Taucherente, die ihr Nest gegen alles und jeden verteidigte.
Ab und zu hoppelten ein paar junge Kaninchen vorbei, und auch die Graugänse patrouillierten immer wieder und zischten genervt, wenn ihre Küken mehr Interesse an meinen Schuhen als an der Futtersuche fanden. Frösche, Fledermäuse, Entenküken, Libellen… mir lief, flog, schwamm und hüpfte alles über den Weg… nur kein Fisch.
In der Nacht konnte man die bis zu fünfzig Kilo schweren Riesen im Wasser platschen hören, als würden sie über unsere Erfolglosigkeit lachen.

Als ich am nächsten Tag doch ein paar Mal laienhaft und untalentiert die Angel auswarf… biss plötzlich etwas an. Ich war so überrascht, dass ich die Leine etwas zu ruckhaft aus dem Wasser zog. Der arme Fisch landete daraufhin irgendwo weit hinter mir im Gebüsch. Aber dann hatte ich ihn, meinen kleinen glupschäugigen Barsch.


Beweisfoto, Haken aus der Unterlippe gepfriemelt (nicht aus meiner) und wieder ab ins Wasser mit dem kleinen Kerl. Genug Erfolg für mich, ich ging zurück zu meinem Buch.

Adam fing ein paar Stunden später tatsächlich noch einen fast armlangen Wels und konnte das Wochenende damit auch zufrieden abschließen.

Die Sargnägel waren enttäuscht, dass ich meinen Fang nicht mitbrachte. Der Fisch hätte doch in der Badewanne wohnen können, schmollte Klein Sargnagel. Und im Kinderplanschbecken hätte er sogar Auslauf im Garten gehabt.

„Ich fang dir ein paar Ameisen, dann hast du auch Haustiere!“ bot Groß Sargnagel an. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten, gleich mit ihrer Brotdose loszueilen.
Und obwohl ich das Insekten sammeln jetzt mehr als nachdrücklich verboten habe… ich ahne Schlimmes.

Dienstag, 26. Januar 2010

Tag 284 - Finding Nemo

Regen! Endlich! Ich hab mich noch nie so über flüssigen Niederschlag gefreut. Hoffentlich sind wir diesen lästigen Schnee jetzt endgültig los, der am Ende sowieso nur noch die Gehwege rutschig gematscht hat und jede Chance genutzt hat in die Schuhe zu gelangen. Die Züge haben keine Verspätung mehr, und der Ausnahmezustand ist der Normalität gewichen. Alle Leute gehen wieder arbeiten und es werden keine Kinder mehr auf der eingeschneiten Autobahn geboren. Der Nachteil wenn es regnet ist, dass die Draußenaktivitäten eingeschränkt sind… es macht sich am Energieüberschuss der Kids bemerkbar. Ist es normal, dass Geschwister pausenlos prügeln? Vermutlich schon. Jedenfalls ist eine Menge Ablenkung und Beschäftigung gefragt. Letzte Woche wurde das lang ersehnte Stockbett geliefert, das jetzt erst einmal ausführlich bespielt wird. Als Doppeldeckerbus, VaterMutterKind-Etagenwohnung oder Schiff. Mein Lieblingsspiel ist Piraten, obwohl kleiner Sargnagel es immer fertig bringt da auch noch seine geliebten Aliens und Zombies mit einzubauen… wie in alles, das wir spielen. Warum weiß ein 4-jähriger eigentlich was ein Zombie ist? „Weiß doch jeder“, sagt er achselzuckend und wirft wieder Feuerbälle auf angreifende Alien-Haie. Kurz darauf schneidet ihm jemand die Kehle durch, er stirbt und wird zum Zombie. Mit ausgestreckten Armen und verdrehten Augen kommt er dann auf mich zugetorkelt und will mir den Kopf abhacken. Hm, Phantasie ist ja toll, aber geht das nicht etwas unbrutaler? Großer Sargnagel ist das andere Extrem und spielt am liebsten Barbie, MyLittlePony und mit allem, das irgendwie pink ist und/oder glitzert. Prinzessin, Fee, Hello Kitty, Glücksbärchis, Bratz. Dann wiederum bin ich froh, dass kleiner Sargnagel da ein wenig Abwechslung reinbringt. Es ist nicht ganz so einfach, die beiden Interessengebiete miteinander zu verbinden, aber wenn der Superheld-Alien die Glitzer-Prinzessin aus dem Turm des pinken Grauens retten darf, sind alle zufrieden. 

So, dieser Teil des Eintrages ist eigentlich von letzter Woche. Mittlerweile hat sich das Wetter eingependelt und es ist gleichmäßig kalt und trocken. Die Sargnägel haben immer noch Hummeln im Hintern und ich bin schon in Startposition für den Spielplatz, wenn sich die Sonne mal so halbwegs blicken lässt. Sonnig war es dafür am Sonntag, als ich eine andere beliebte Freizeitaktivität der Engländer ausprobiert habe: Angeln Angeln hat für mich bisher bedeutet: Zur Forellenzucht fahren, Maiskörnchen am Haken befestigen, Angel auswerfen, drei Minuten warten, Forelle an Land ziehen, totknüppeln, vom Profi ausnehmen lassen, kochen, essen. Nicht sehr zeitaufwendig, einfach und effektiv. Mein englisches Angelerlebnis unterschied sich gleich von Anfang an darin, dass allein der Köderfisch schon die Größe einer Forelle hatte. „Äh, nach was fischen wir noch mal?“ hab ich ein wenig skeptisch Adam gefragt, mein wandelndes Angel-Lexikon. Die Antwort war Hecht. Gut, ich lernte also wie man auswirft und einholt immer mit dem grusligen Gefühl, dass da gleich ein 15 Kilo Oschi anfangen könnte am Haken zu zerren. Würde ich ins Wasser fallen? Würde ich die Angel loslassen? Hier ein Hebel drücken, Leine festhalten, auswerfen, auf halbem Weg loslassen, Hebel drücken, noch ein Hebel, Kurbeln, vorsichtig sein. Aber die ersten Stunden tat sich nichts. Ja, Stunden! Und irgendwie war’s toll. Absolute Ruhe am idyllisch gelegenen See, ich war schon lange nicht mehr so entspannt. Ab und zu kam ein anderer Angler vorbei, kurz gegrüßt, Smalltalk über das Wetter und die Wassertiefe. Schon was gefangen? Nah! Was mir hier übrigens ganz besonders am Angeln gefällt ist, man tötet den Fisch nicht. Allen ernstes wird der Fisch an Land gezogen, in den Arm genommen wie ein Baby, Beweisfoto geschossen, dann gewogen, alle Haken entfernt und wieder freigelassen. Es gibt wohl nur ein paar wenige Sorten, die behalten werden dürfen. Forelle und Aal, wenn ich es richtig verstanden hab. Im örtlichen Angelladen hab ich ein Fotoalbum gesehen. So ein richtig Dickes mit vergilbten Seiten. Darin ungefähr fünfhundert Aufnahmen von ein und demselben Mann, am Anfang mit mehr Haaren, am Ende mit weniger. In immer derselben Position vor dem Wasser knieend, ein Knie auf dem Boden, eines aufrecht als Stütze für den Fisch, den er auf jedem Bild im Arm hielt. Mal einen fetten silbergrauen Brocken mit Punkten, mal einen langen Hecht mit riesigem Maul, jedes Bild fein säuberlich beschriftet mit Datum und Gewicht des Fangs. Und eigentlich sollte ich hier mein erstes richtiges Angelbild einfügen, wie ich mit einem Hecht ringe, der fast so groß und schwer wie ist wie ich selbst. Er hat das Maul weit aufgerissen und zeigt sein furchterregendes Gebiss und man sieht, dass ich ihn kaum halten kann, aber bezwungen habe, wooohooooo! Naja, man kann ja träumen. Wir hatten kein Glück und packten abends im wundervollen Sonnenuntergang wieder zusammen. Frischluftgesättigt, total entspannt… aber doch ein klitzekleines Bisschen enttäuscht. Nächstes Mal fang ich was! Mein Köder war ganz schön angeknabbert, als wenn Herr Hecht da mal dran probiert hätte. Uaaaah, da ist die Sonne! Ich glaub ich kann heute Nachmittag auf den Spielplatz! Das rettet mich vor Glitzerfee-Klamotten-Bastelarbeit, für die ich einfach etwas zu grobmotorisch bin. Obwohl… das Buch, das großer Sargnagel zu Weihnachten bekommen hat, ist wundervoll. Sie kann aus jeder Menge toll gemustertem Papier nach Schablone oder frei Hand phantasievolle Kleidung entwerfen. Und jetzt kommt gerade raus, wie unglaublich kreativ das Mädchen ist und was für ein gutes Auge für Farben sie hat. Aber hey, ich muss immer diese Winzteilchen ausschneiden, wie unfair! Und wehe, ich verschnippel mich mal aus Versehen. Und kleiner Sargnagel braucht ja auch was zu tun in dieser Zeit. Aber gerade übt er ganz gerne schreiben. Er hat entdeckt, dass er sich mittlerweile mit seinen Dreibuchstabenwörtern prima schriftlich ausdrücken kann. Und so schreibt er mir seitenweise „fat bum“ (Fettarsch) auf alles, was ihm zwischen die Finger kommt. Sind se nicht süß? Was hier so gut riecht ist übrigens mein Irish Stew, das auf dem Herd köchelt. Ich hab schon klein Sargnagels halb gebrülltes, halb geweintes „I don’t like potatoes!“ (Ich mag keine Kartoffeln) im Ohr, aber da tricks ich was.