Sonny und Cher brachten Bill Murray in "Täglich grüßt das Murmeltier" zur Verzweiflung. Jeden Morgen dudelte der selbe Song aus dem Radio, der ihm gleich schon die Gewissheit gab, dass sich der Murmeltiertag noch einmal wiederholen würde.
Ich hatte in den letzten Wochen ein ähnliches Erlebnis. Jeden Morgen zur Aufwachzeit spielt mein Radiowecker Nirvana. Ich stelle grundsätzlich schiefe Weckzeiten ein (mit Haare waschen auf ungefähr 5.23 Uhr, ohne Haare waschen um circa 5.58 Uhr). Trotzdem erwischt mich Kurt Cobain jedes Mal. Come as you are, Smells like Teen spirit oder Lithium. Einer der Songs ist es immer. Immer! Mittlerweile sind die Anfangsakkorde von einem dieser Stücke die wirksamste Methode mich aus dem Bett zu kriegen. Lieber aufstehen, als Kurt noch eine Sekunde länger über seine Stimmen im Kopf jammern zu hören.
Dann beginnt der Murmeltiertag. Wir haben den nassesten Winter in der Geschichte nasser Winter, ich arbeite, esse, sehe den Regentropfen dabei zu, wie sie an der Fensterscheibe herunterrinnen und der Schimmelfleck an der Wand über der Treppe immer größer wird. Dann sehe ich vielleicht noch etwas fern und gehe auch schon wieder ins Bett um morgens vom Nirvana der Hölle geweckt zu werden.
Winter. Bäh. Dunkelheit. Nässe.
Jedes Jahr überrascht mich aufs Neue, wie sehr sich die Monate Januar und Februar in die Länge ziehen.
Da hilft eigentlich nur eins: Etwas, worauf man sich freuen kann. Und für eine Weile etwas anderes sehen. Ein paar Tage ans Meer fahren. Das war der Plan. Nicht weit, vielleicht höchstens drei oder vier Fahrstunden um ein wenig Seeluft zu atmen, Fish und Chips zu essen. Trotz Winter. Gummistiefel und wasserdichte Kleidung und lange Unterhosen einpacken.
Auswahl an Küstenstädten, in denen man sich beregnen lassen kann, gibt es genug.
Ich weiß nicht mehr wie die Wahl auf Weymouth in Dorset fiel. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich englische Urlaubsziele am Meer gegoogelt und das war einer der ersten Treffer. In 2012 haben dort die olympischen Segelwettkämpfe stattgefunden, und die Google Bildersuche ergab, dass Weymouth in einer ziemlich windgeschützten Bucht liegt. Vielleicht würde man ja sogar einen Regenschirm aufspannen können, ohne dass dieser sich sogleich nach außen stülpen würde.
Weymouth war ideal.
Ich buchte ein Zimmer im Riviera Hotel. Einfach nur, weil der Name vielversprechend klang und es billig war. Und dann fuhren wir an einem Dienstag morgen los, Gummistiefel im Kofferraum, und hatten vier Stunden später das Ziel erreicht. Schon auf dem Weg konnten wir die Schönheit des County Dorset erahnen.
Aber als wir nur noch ein paar hundert Meter vom Ziel entfernt waren, mussten wir gleich links ranfahren und den ersten Blick auf das Hotel festhalten.
Blaues Wasser, grünbewachsene Klippen, Sonnenschein und herrliche Ruhe.
Herrliche Ruhe? Am Anfang eher unheimliche Ruhe.
Die letzten paar Meter zum Hotel führten durch einen Ferienort, der sich auf gruselige Weise im Winterschlaf befand. Wir passierten einen von der Seeluft etwas mitgenommenen Vergnügungspark, der komplett leer stand. Nur das Kettenkarussell bewegte sich klirrend etwas im Wind. Ich habe genug Zombiefilme gesehen. Das war gruselig.
Auch der Hotelparkplatz war wie ausgestorben. "Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?" fragte der Gawjus zweifelnd.
An der Rezeption war dann doch noch jemand am Leben und händigte uns den Zimmerschlüssel aus. Der Kurzurlaub konnte losgehen. Und wir legten richtig los. Noch am selben Tag gab es kaum einen Ort in ganz Weymouth, den wir nicht besuchten. Zunächst zum Strand, eine Gehminute vom Hotel entfernt. Menschenleer.
Dann ins Stadtzentrum an den berühmten Sandstrand. Nur ein paar Leute mit ihren Hunden. Dann fuhren wir zum wahrscheinlich noch berühmteren Chesil Beach, einem 29 Kilometer langen Kiesstrand. Menschenleer.
Wir besuchten die Portland Insel und liefen eine Runde um den Leuchtturm. Menschenleer. Wir gingen zum höchsten Punkt der Halbinsel und schauten auf Weymouth herab. Niemand war dort. Es schien, als ob doch eine Zombieepidemie ausgebrochen wäre. Aber dann wurde mir klar, dass der Grund für die Menschenlosigkeit einfach nur die Jahreszeit war. Alles befand sich ohne den Sommertourismus im Dornröschenschlaf. Stände und Spielarkaden an der Strandpromenade dösten vor sich hin, ich glaubte sogar ein leises Schnarchen vom Souvenirladen zu vernehmen.
Wie herrlich!
Im Frühstücksraum tauchten morgens nur wir beide auf und der Koch bereitete uns zu, was auch immer wir wollten. Abends im Pub waren fünf Einheimische, der Gawjus und ich.
Und der Regenschirm blieb im Kofferraum, denn die Sonne schien.
Wir aßen Muscheln mit Seeblick
Fanden Fossilien am Strand
Beobachteten den Sonnenuntergang
Und als es irgendwann doch einmal regnete, gingen wir ins Sea Life, wo es - man errät es wahrscheinlich schon - ebenfalls wie ausgestorben war.
Das habe ich noch nie erlebt. Sich einmal in einer Touristenattraktion zu bewegen, ohne irgendjemandem auszuweichen, in die Hacken zu treten, oder plärrenden Kindern ausgesetzt zu sein.
Friede auf Erden! Zumindest in Weymouth.
Ich habe mich schon lange nicht mehr so entspannt gefühlt, wie in diesen paar Tagen.
Immer wieder fällt mir auf, dass ich die Ruhe und Einsamkeit erst so richtig zu schätzen weiß, seit ich in einer Millionenstadt lebe. Ich mag diesen Kontrast. Ich bin dankbar für Lärm, Stress, Hektik, Hetzerei, Gequetsche, denn all diese Dinge geben mir die Fähigkeit solche ruhigen Momente voll auszukosten und aufzusaugen. Mit voller Batterie kann ich mich dann wieder ins verrückte London stürzen und mit dem nörgelnden Kurt Cobain auf meinem Nachttisch fertig werden.
Man konnte jedoch erahnen welche Verwandlung Weymouth in den Sommermonaten durchmachen würde. Schon am Freitag Nachmittag ging ein seltsamer Stimmungswandel im Stadtzentrum vor. Alles schien sich auf etwas vorzubereiten. Und am Samstag traf er auch ein: Der Wochenendtourismus.
Zum ersten Mal vernahmen wir Stimmen durch die dünnen Hotelwände. Im Frühstücksraum war plötzlich ein Buffet aufgebaut, und wasserdicht bekleidete, Pullover um den Bauch gebundene, Wanderschuhe tragende Grüppchen saßen kauend an den Tischen.
Trotzdem war genug Platz für alle da.
Wir gingen gerade am immernoch wie ausgestorbenen Chesil Beach spazieren, als uns plötzlich der ganze Müll auffiel, der in Nähe des Wassers herumlag. "Diese Deppen", dachte ich zuerst und beschuldigte die Wochenendtouristen.
Aber bei genauerem Hinschauen stellte ich fest, dass es sich bei dem Müll um nicht als Zigarettenschachteln handelte. Genau genommen, volle, originalverpackte Zigarettenschachteln mit einem Aufdruck der irgendwie chinesisch aussah.
Erst dann dämmerte uns, dass dies wohl die verlorene Ladung eines Schiffes war, die nach den Unwettern jetzt so nach und nach in Massen an die Küsten angespült wurde. Wow, da hatte wohl jemand so richtig Pech gehabt. Erst viel später würden wir in der Zeitung lesen, dass insgesamt 14 Tonnen Zigaretten ins Wasser gefallen waren.
So, jetzt noch ein paar mit Instagram Filter manipulierte Fotos zum Ausklingen des Artikels.
Ich kann Weymouth als englisches Urlaubsziel wirklich nur empfehlen. Vor allem für Kettenraucher. Brauchen sich am Strand nur nach Ziggies zu bücken. Etwas aufgeweicht, aber hey, sind umsonst.
Falls dies jemand liest, der dort einmal vorbei kommen wird, dann muss ich kurz noch eine Restaurantempfehlung loswerden.
Am letzten Abend gönnten wir uns etwas und gingen in ein tolles Seafood-Restaurant. Das Crab House Café ist einfach einzigartig.
Rustikal eingerichtet mit eigener Austerfarm. Jede Auster kommt frisch gepflückt auf den Tisch.
Eine weitere Spezialität ist natürlich die berühmte "Crab". Die Krebse werden mit auf einem Brett serviert und dazu bekommt man einen Hammer, und eine Schürze, damit man sich nicht komplett einsaut.
Als wir ankamen dachte ich erst es wären Handwerker im Haus. Dann wurde mir klar, dass das Hämmern von den Gästen kam, die eifrig auf die gekochten Krustentiere eindroschen um die Scheren zu öffnen. Welch ein Spektakel. Wir entschieden uns doch lieber für den Fang des Tages und bekamen im Kontrast mit der rustikalen Einrichtung geradezu künstlerisch angerichtete Teller mit Bremsspur präsentiert. Die Bremsspur in Form eines zerschmierten Sößchens oder Pürees gibt einem immer Auskunft über die Qualität des Gerichts. Finde ich.
Und es schmeckte himmlisch. Ich schwor mir sofort, dieses Lokal bis an das Ende meines Lebens weiterzuempfehlen. Was ich hiermit auch mache. Crab House Café. Tut es!
So, jetzt muss ich meinen Radiowecker stellen. Bis Morgen, Kurt.
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Dienstag, 11. März 2014
Sonntag, 10. März 2013
Reif für die Insel
Auch als Inselbewohner fühlt man sich manchmal reif für die Insel. Wir hatten nicht sehr viel Sommer in 2012, unser letzter Urlaub in Cornwall fiel buchstäblich ins Wasser, und auch in 2013 hat es bisher selten mal aufgehört zu regnen oder schneien oder einfach nur grau und garstig zu sein.
Ein Urlaub in der Sonne muss her, aber schleunigst.
Wir wollten nicht zu weit weg, es sollte nicht zu teuer sein, aber trotzdem mit Warmwetter-Garantie. Unsere Wahl fiel auf die kanarischen Inseln. Aber welche? Teneriffa mit den Socken-in-Sandalen-tragenden TUI All-Inclusive Touristen, die den ganzen Tag ihre fetten, sonnenverbrannten Bierbäuche in die Sonnenliegen drücken und "Schackeline, nich wieder in den Puhl kacken, nä!" zetern? Gran Canaria? Fuerteventura? Wir waren uns einig, dass wir garantiert keinen Massentourismus und keine kotzenden Teenager in unserem wohlverdienten Erholungsurlaub wollten.
Wir gingen Insel für Insel durch, bis wir auf den Sandhaufen namens La Gomera stießen. "Die Insel, die der Massentourismus vergaß", stand da bei Wikipedia. Und: "Insel des ewigen Frühlings". Sehr verlockend. Ruhig und warm.
Im Reisebüro äußerten wir unser Wunschziel. "Oje, da geht nie jemand hin!" seufzte die Dame hinter dem Schalter und klickte durch ihr Programm. Sie fand kein einziges Angebot.
Okay, dann würden wir eben selbst buchen. Wir hatten uns Valle Gran Rey als Urlaubsziel ausgesucht, ein kleines Tal im Westen der Insel.
Erst buchten wir einen Flug nach Teneriffa. Von dort müssten wir einen Bus nehmen nach Los Christianos, von wo uns eine Fähre nach La Gomera bringen würde. In San Sebastian angekommen wäre es noch eine fast zweistündige Busfahrt auf die andere Seite der Insel. Mit dem Bus würden wir auf schmalen, kurvigen Straßen tausend Höhenmeter erklimmen und auf der anderen Seite wieder herunterfahren. Die Insel ist nämlich aufgebaut wie ein hoher Hut mit einer sehr schmalen Krempe. Wenn man von einer Seite auf die andere will, muss man zwangsweise über den Berg fahren. DAS also sortiert die bierbäuchigen Neckermann-Pauschalis aus.
Auf der Fahrt zum Flughafen London-Gatwick schneite es. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass uns in nur ein paar Stunden eine Temperaturunterschied von über 20 Grad Celcius erwarten sollte. Ich hatte mir das auch beim Packen schon nicht wirklich vorstellen können, weshalb ich lieber mehr Pullover als T-Shirts in meinen Rucksack stopfte.
Aber tatsächlich. Nach ewigen 4,5 Stunden Flug landeten wir in Teneriffa. Es war ein wenig windig, doch der Wind war WARM! Und als wir vor dem Flughafen hin und her liefen um einen Bus zu finden, da wurde es doch richtiggehend HEISS und ich musste mehrere Schichten Kleidung entfernen.
Wir hatten keinen blassen Schimmer, wo wir hin mussten. Das ist der Nachteil, wenn man nicht von Reiseveranstaltern betüttelt wird. Wir fragten ein paar Busfahrer nach dem Weg (sogar auf spanisch), wurden aber nur angeknurrt. Schließlich fiel uns drei deutsche Typen auf, die sich in ihrer hippiemäßigen Kleidung und den verratzten Rucksäcken irgendwie von den Flip-Flop-tragenden Pauschaltouristen unterschieden. Wir kamen ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass sie auch auf dem Weg nach La Gomera waren. Und die drei kannten den Weg. Super! Zusammen machten wir uns auf den Weg zur Fähre in Los Christianos. Wir durchquerten die Touristenhochburg zu Fuß. Mehrere Male wurden wir von den sogenannten Looky Looky Men angequatscht, die einem irgendeinen Schrott andrehen wollen und mit der anderen Hand Geldbeutel und Handy klauen. Nee, also Teneriffa war mir durch und durch unsympathisch.
Schwitzend kauften wir Tickets für die Fähre. Sonntags gibt es nur drei Fähren nach La Gomera. Um drei Uhr Nachmittags würden wir auf der Insel ankommen. Es gab nur ein kleines Problem. Der nächste Bus nach Valle Gran Rey fuhr abends um halb neun. Fünfeinhalb Stunden Wartezeit? Das klang so unglaublich, dass ich den Gedanke gleich wegschüttelte. Uns würde schon was einfallen, wenn wir erst einmal angekommen waren.
Die Fähre war so bequem, dass wir in den Sesseln mit verstellbaren Rückenlehnen fast einschliefen. Was für ein Luxus nach dem engen Flugzeug. Eine Stunde dauerte die Überfahrt, dann waren wir in San Sebastian, der kleinen Hauptstadt von La Gomera. Hatte ich vorher noch die Hoffnung gehabt, dort wären jede Menge Busse, die uns an unser Endziel bringen würden, dann wurde diese sofort im Keim erstickt. Fünf Stunden warten oder in den sauren Apfel beißen, und ein Taxi nehmen? Hm, lieber Letzteres.
Die Taxizentrale war schon gründlich gestürmt worden. Nur noch wenige Fahrzeuge waren vorhanden. Während ich im Kopf noch nach ein wenig Spanisch kramte, wurden wir plötzlich von zwei Typen aus Nordeutschland angesprochen. Ob wir nach Valle Gran Rey gingen, und ob wir gerne ein Taxi teilen würden? Juhuuu!
Die Straße war tatsächlich schmal und kurvig, aber ziemlich gut gebaut. Höher und höher ging es, die Vegetation veränderte sich alle zehn Minuten. Mal wuchs am Straßenrand nichts als Kakteen, und plötzlich fuhren wir durch einen saftig grünen Märchenwald. Wenig später veränderte sich der dichte Wald, die Bäume sahen schwarz und abgestorben aus. Hier hatte letztes Jahr ein Waldbrand getobt. Wir fuhren in eine Wolke und sahen auf einmal nichts als Nebel. Und dann schienen wir den höchsten Punkt erreicht zu haben und es ging steil hinab. Meine Ohren knisterten, und mein Magen fühlte sich ein wenig seltsam an.
Und dann konnten wir über die Betonblöcke am Straßenrand den ersten Blick auf das Tal werfen.
Nach zwölf Stunden, seit wir unsere Wohnung unter dem Dach verlassen hatten, waren wir endlich angekommen. Urlaub! Es gab Palmen!
Wir bezogen unser Apartment direkt an der Strandpromenade, zogen frische T-Shirts und kurze Hosen an, und machten uns sogleich auf Wanderschaft.
Einen Hafen gab es, den der Gawjus sogleich als perfekten Angelplatz erklärte.Es war so herrlich ruhig. Nur wenige Menschen waren auf der Straße unterwegs.
Wir folgten der Straße an einem langen Kiesstrand und kamen an einern Bananenplantage vorbei.
Wir erreichten das Örtchen La Playa, wo wir den größten Menschenauflauf trafen, den wir in der ganzen Woche sehen sollten. Es war Sonnenuntergang, und überall saßen entspannte Urlauber am Strand und der Mauer, tranken mitgebrachten Wein oder Bier und aßen Brot mit Oliven und Avocados.
Wir lernten ziemlich schnell, dass Gomera seltsamerweise eine Hippie-Insel ist. In den Siebzigern kamen deutsche Touristen auf die Insel - und blieben einfach dort. Auch jetzt ist es noch eine Insel der Alternativen und der Aussteiger. Es gibt jede Menge Leute - Deutsche - die dort leben und teilweise nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Sie schlafen am Strand. Dreadlocks, Bärte, bare Füße, wir fühlten uns wie auf einer Reise zurück in die Zeit der Blumenkinder.
Ein paar Hippies hatten Bongo-Trommeln dabei und verabschiedeten die Sonne. Nach Sonnenuntergang jonglierten sie mit Fackeln und leuchtenden Hoola Hoop Reifen.
Wir saßen, tranken Bier und genossen das Feriengefühl, die Wärme und das Schauspiel der Sonne.
Wir hatten die herrlichste Zeit. Die Strände waren vor allem am Morgen geradezu wie ausgestorben
Wir standen auf, wann auch immer wir aufwachten, aßen, wann auch immer wir Hunger hatten, gingen ins Bett wenn wir müde waren, und hingen ständig am Hafen oder der Küste herum. Natürlich auch immer auch mit einer Angel im Wasser. Der Gawjus fing viele farbenfrohe Fische während ich gemütlich gegen die Hafenmauer lehnte und mein Buch las.
Wir entdeckten ein Fischrestaurant. Die Einrichtung war vergleichbar mit einem großen Badezimmer, aber der Fisch war genial. Wir beschlossen am nächsten Tag zurückzugehen und bestellten im Voraus eine Meeresfrüchte-Paella.
Absolutes Higlight des Urlaubs!
Auswärts essen gehen war so billig im Vergleich zu England. Jeden Tag probierten wir ein anderes Restaurant und wurden nie enttäuscht. Mein neues Lieblingsgericht war doch tatsächlich Kaninchen. Und immer bekam man köstliche Runzelkartoffeln, die in der Schale in sehr salzigem Wasser gekocht werden, bis sie eine leichte Salzschicht haben. Dazu gab es Mojos aus Paprika und Avocado.
Wir sahen von Hippie-Hand angelegte Merkwürdigkeiten und frühstückten fast jeden Tag in einem Hippie-Café, wo es frischgepresste Fruchtsäfte gab, selbstgemachte Marmelade und hauseigen gebackene Vollkornbrötchen.
Eigentlich hatten wir eine Wanderung in die Berge geplant, aber wir konnten uns nicht dazu aufraffen. Die Herrlichkeit des Nichtstuns eintauschen gegen fette Blasen an den Füßen und nicht einschätzbare Wetterbedingungen? Nöööö. Wir gingen auf Nummer sicher und blieben im Tal. Immer wenn wir mit Leuten ins Gespräch kamen, die schon seit zig Jahren nach Gomera in Urlaub gehen, bekamen wir Geschichen über unvorsichtige Touristen zu hören. Jedes Jahr ertrinken welche oder werden von Gerölllawinen erschlagen oder von Monsterwellen weggerissen. Die Naturgewalten auf der Insel sind wirklich nicht zu unterschätzen. Als Flachländler blieben wir dann doch lieber weg von den Bergen.
Um doch nicht ganz so untätig zu wirken gingen wir auf ein Whale-Watching Boot. Der Wellengang war heftig, und ich bereutse es auch schon nach fünf Minuten. Ich sah schon die ersten Kinder auf ihre Eltern erbrechen und war mir ziemlich sicher, dass ich dies nicht überleben würde. Aber dank der Seekrank-Tablette, Atemübungen und Horizont anstarren brachte ich die drei Stunden dann doch unbeschadet herum (Trotzdem spürte ich Tage später noch die Bewegungen des Bootes) Wir sahen natürlich wieder keine Wale, wie schon damals in Island, aber wir stießen auf jede Menge Delphine, die sich an einem Schwarm Sardinen satt fraßen. Allein die Sardinen waren schon sehenswert! Es waren so viele, dass das Wasser aussah, als würde es brodeln.
Die Delphine sprängen aus dem Wasser wie Flipper. Ein super Schauspiel.
Einmal hüpften wir sogar in unseren Pool - einfach um das Urlaubsgefühl perfekt zu machen. Sommer im Februar, ich könnte mich sofort daran gewöhnen.
Nach einer Woche hieß es Abschied nehmen. Wir machten uns auf den umständlichen Weg nach Hause. Der Rückweg dauerte 16 Stunden! Wir hatten mehrere Stunden Aufenthalt in Teneriffa, die wir eigentlich am Strand verbringen wollten - es stürmte aber wie verrückt. Wären wir einen Tag später abgereist, hätten wir es wahrscheinlich nicht über die Berge geschafft und würden jetzt noch im Paradies festsitzen. Das wäre aber auch eine Schande...
Zurück auf der britischen Insel - es schneit gerade wieder - fühlen wir uns aber immernoch ganz herrvorragend erholt. Und planen schon den nächsten Urlaub in den Sonnenschein. Wenn der Sommer nicht zu uns kommt, dann gehen wir ihn eben holen.
Ein Urlaub in der Sonne muss her, aber schleunigst.
Wir wollten nicht zu weit weg, es sollte nicht zu teuer sein, aber trotzdem mit Warmwetter-Garantie. Unsere Wahl fiel auf die kanarischen Inseln. Aber welche? Teneriffa mit den Socken-in-Sandalen-tragenden TUI All-Inclusive Touristen, die den ganzen Tag ihre fetten, sonnenverbrannten Bierbäuche in die Sonnenliegen drücken und "Schackeline, nich wieder in den Puhl kacken, nä!" zetern? Gran Canaria? Fuerteventura? Wir waren uns einig, dass wir garantiert keinen Massentourismus und keine kotzenden Teenager in unserem wohlverdienten Erholungsurlaub wollten.
Wir gingen Insel für Insel durch, bis wir auf den Sandhaufen namens La Gomera stießen. "Die Insel, die der Massentourismus vergaß", stand da bei Wikipedia. Und: "Insel des ewigen Frühlings". Sehr verlockend. Ruhig und warm.
Im Reisebüro äußerten wir unser Wunschziel. "Oje, da geht nie jemand hin!" seufzte die Dame hinter dem Schalter und klickte durch ihr Programm. Sie fand kein einziges Angebot.
Okay, dann würden wir eben selbst buchen. Wir hatten uns Valle Gran Rey als Urlaubsziel ausgesucht, ein kleines Tal im Westen der Insel.
Erst buchten wir einen Flug nach Teneriffa. Von dort müssten wir einen Bus nehmen nach Los Christianos, von wo uns eine Fähre nach La Gomera bringen würde. In San Sebastian angekommen wäre es noch eine fast zweistündige Busfahrt auf die andere Seite der Insel. Mit dem Bus würden wir auf schmalen, kurvigen Straßen tausend Höhenmeter erklimmen und auf der anderen Seite wieder herunterfahren. Die Insel ist nämlich aufgebaut wie ein hoher Hut mit einer sehr schmalen Krempe. Wenn man von einer Seite auf die andere will, muss man zwangsweise über den Berg fahren. DAS also sortiert die bierbäuchigen Neckermann-Pauschalis aus.
Auf der Fahrt zum Flughafen London-Gatwick schneite es. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass uns in nur ein paar Stunden eine Temperaturunterschied von über 20 Grad Celcius erwarten sollte. Ich hatte mir das auch beim Packen schon nicht wirklich vorstellen können, weshalb ich lieber mehr Pullover als T-Shirts in meinen Rucksack stopfte.
Aber tatsächlich. Nach ewigen 4,5 Stunden Flug landeten wir in Teneriffa. Es war ein wenig windig, doch der Wind war WARM! Und als wir vor dem Flughafen hin und her liefen um einen Bus zu finden, da wurde es doch richtiggehend HEISS und ich musste mehrere Schichten Kleidung entfernen.
Wir hatten keinen blassen Schimmer, wo wir hin mussten. Das ist der Nachteil, wenn man nicht von Reiseveranstaltern betüttelt wird. Wir fragten ein paar Busfahrer nach dem Weg (sogar auf spanisch), wurden aber nur angeknurrt. Schließlich fiel uns drei deutsche Typen auf, die sich in ihrer hippiemäßigen Kleidung und den verratzten Rucksäcken irgendwie von den Flip-Flop-tragenden Pauschaltouristen unterschieden. Wir kamen ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass sie auch auf dem Weg nach La Gomera waren. Und die drei kannten den Weg. Super! Zusammen machten wir uns auf den Weg zur Fähre in Los Christianos. Wir durchquerten die Touristenhochburg zu Fuß. Mehrere Male wurden wir von den sogenannten Looky Looky Men angequatscht, die einem irgendeinen Schrott andrehen wollen und mit der anderen Hand Geldbeutel und Handy klauen. Nee, also Teneriffa war mir durch und durch unsympathisch.
Schwitzend kauften wir Tickets für die Fähre. Sonntags gibt es nur drei Fähren nach La Gomera. Um drei Uhr Nachmittags würden wir auf der Insel ankommen. Es gab nur ein kleines Problem. Der nächste Bus nach Valle Gran Rey fuhr abends um halb neun. Fünfeinhalb Stunden Wartezeit? Das klang so unglaublich, dass ich den Gedanke gleich wegschüttelte. Uns würde schon was einfallen, wenn wir erst einmal angekommen waren.
Die Fähre war so bequem, dass wir in den Sesseln mit verstellbaren Rückenlehnen fast einschliefen. Was für ein Luxus nach dem engen Flugzeug. Eine Stunde dauerte die Überfahrt, dann waren wir in San Sebastian, der kleinen Hauptstadt von La Gomera. Hatte ich vorher noch die Hoffnung gehabt, dort wären jede Menge Busse, die uns an unser Endziel bringen würden, dann wurde diese sofort im Keim erstickt. Fünf Stunden warten oder in den sauren Apfel beißen, und ein Taxi nehmen? Hm, lieber Letzteres.
Die Taxizentrale war schon gründlich gestürmt worden. Nur noch wenige Fahrzeuge waren vorhanden. Während ich im Kopf noch nach ein wenig Spanisch kramte, wurden wir plötzlich von zwei Typen aus Nordeutschland angesprochen. Ob wir nach Valle Gran Rey gingen, und ob wir gerne ein Taxi teilen würden? Juhuuu!
Die Straße war tatsächlich schmal und kurvig, aber ziemlich gut gebaut. Höher und höher ging es, die Vegetation veränderte sich alle zehn Minuten. Mal wuchs am Straßenrand nichts als Kakteen, und plötzlich fuhren wir durch einen saftig grünen Märchenwald. Wenig später veränderte sich der dichte Wald, die Bäume sahen schwarz und abgestorben aus. Hier hatte letztes Jahr ein Waldbrand getobt. Wir fuhren in eine Wolke und sahen auf einmal nichts als Nebel. Und dann schienen wir den höchsten Punkt erreicht zu haben und es ging steil hinab. Meine Ohren knisterten, und mein Magen fühlte sich ein wenig seltsam an.
Und dann konnten wir über die Betonblöcke am Straßenrand den ersten Blick auf das Tal werfen.
Nach zwölf Stunden, seit wir unsere Wohnung unter dem Dach verlassen hatten, waren wir endlich angekommen. Urlaub! Es gab Palmen!
Wir bezogen unser Apartment direkt an der Strandpromenade, zogen frische T-Shirts und kurze Hosen an, und machten uns sogleich auf Wanderschaft.
Einen Hafen gab es, den der Gawjus sogleich als perfekten Angelplatz erklärte.Es war so herrlich ruhig. Nur wenige Menschen waren auf der Straße unterwegs.
Wir folgten der Straße an einem langen Kiesstrand und kamen an einern Bananenplantage vorbei.
Wir erreichten das Örtchen La Playa, wo wir den größten Menschenauflauf trafen, den wir in der ganzen Woche sehen sollten. Es war Sonnenuntergang, und überall saßen entspannte Urlauber am Strand und der Mauer, tranken mitgebrachten Wein oder Bier und aßen Brot mit Oliven und Avocados.
Wir lernten ziemlich schnell, dass Gomera seltsamerweise eine Hippie-Insel ist. In den Siebzigern kamen deutsche Touristen auf die Insel - und blieben einfach dort. Auch jetzt ist es noch eine Insel der Alternativen und der Aussteiger. Es gibt jede Menge Leute - Deutsche - die dort leben und teilweise nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Sie schlafen am Strand. Dreadlocks, Bärte, bare Füße, wir fühlten uns wie auf einer Reise zurück in die Zeit der Blumenkinder.
Ein paar Hippies hatten Bongo-Trommeln dabei und verabschiedeten die Sonne. Nach Sonnenuntergang jonglierten sie mit Fackeln und leuchtenden Hoola Hoop Reifen.
Wir saßen, tranken Bier und genossen das Feriengefühl, die Wärme und das Schauspiel der Sonne.
Wir hatten die herrlichste Zeit. Die Strände waren vor allem am Morgen geradezu wie ausgestorben
Wir standen auf, wann auch immer wir aufwachten, aßen, wann auch immer wir Hunger hatten, gingen ins Bett wenn wir müde waren, und hingen ständig am Hafen oder der Küste herum. Natürlich auch immer auch mit einer Angel im Wasser. Der Gawjus fing viele farbenfrohe Fische während ich gemütlich gegen die Hafenmauer lehnte und mein Buch las.
Wir entdeckten ein Fischrestaurant. Die Einrichtung war vergleichbar mit einem großen Badezimmer, aber der Fisch war genial. Wir beschlossen am nächsten Tag zurückzugehen und bestellten im Voraus eine Meeresfrüchte-Paella.
Absolutes Higlight des Urlaubs!
Auswärts essen gehen war so billig im Vergleich zu England. Jeden Tag probierten wir ein anderes Restaurant und wurden nie enttäuscht. Mein neues Lieblingsgericht war doch tatsächlich Kaninchen. Und immer bekam man köstliche Runzelkartoffeln, die in der Schale in sehr salzigem Wasser gekocht werden, bis sie eine leichte Salzschicht haben. Dazu gab es Mojos aus Paprika und Avocado.
Wir sahen von Hippie-Hand angelegte Merkwürdigkeiten und frühstückten fast jeden Tag in einem Hippie-Café, wo es frischgepresste Fruchtsäfte gab, selbstgemachte Marmelade und hauseigen gebackene Vollkornbrötchen.
Eigentlich hatten wir eine Wanderung in die Berge geplant, aber wir konnten uns nicht dazu aufraffen. Die Herrlichkeit des Nichtstuns eintauschen gegen fette Blasen an den Füßen und nicht einschätzbare Wetterbedingungen? Nöööö. Wir gingen auf Nummer sicher und blieben im Tal. Immer wenn wir mit Leuten ins Gespräch kamen, die schon seit zig Jahren nach Gomera in Urlaub gehen, bekamen wir Geschichen über unvorsichtige Touristen zu hören. Jedes Jahr ertrinken welche oder werden von Gerölllawinen erschlagen oder von Monsterwellen weggerissen. Die Naturgewalten auf der Insel sind wirklich nicht zu unterschätzen. Als Flachländler blieben wir dann doch lieber weg von den Bergen.
Um doch nicht ganz so untätig zu wirken gingen wir auf ein Whale-Watching Boot. Der Wellengang war heftig, und ich bereutse es auch schon nach fünf Minuten. Ich sah schon die ersten Kinder auf ihre Eltern erbrechen und war mir ziemlich sicher, dass ich dies nicht überleben würde. Aber dank der Seekrank-Tablette, Atemübungen und Horizont anstarren brachte ich die drei Stunden dann doch unbeschadet herum (Trotzdem spürte ich Tage später noch die Bewegungen des Bootes) Wir sahen natürlich wieder keine Wale, wie schon damals in Island, aber wir stießen auf jede Menge Delphine, die sich an einem Schwarm Sardinen satt fraßen. Allein die Sardinen waren schon sehenswert! Es waren so viele, dass das Wasser aussah, als würde es brodeln.
Die Delphine sprängen aus dem Wasser wie Flipper. Ein super Schauspiel.
Einmal hüpften wir sogar in unseren Pool - einfach um das Urlaubsgefühl perfekt zu machen. Sommer im Februar, ich könnte mich sofort daran gewöhnen.
Nach einer Woche hieß es Abschied nehmen. Wir machten uns auf den umständlichen Weg nach Hause. Der Rückweg dauerte 16 Stunden! Wir hatten mehrere Stunden Aufenthalt in Teneriffa, die wir eigentlich am Strand verbringen wollten - es stürmte aber wie verrückt. Wären wir einen Tag später abgereist, hätten wir es wahrscheinlich nicht über die Berge geschafft und würden jetzt noch im Paradies festsitzen. Das wäre aber auch eine Schande...
Zurück auf der britischen Insel - es schneit gerade wieder - fühlen wir uns aber immernoch ganz herrvorragend erholt. Und planen schon den nächsten Urlaub in den Sonnenschein. Wenn der Sommer nicht zu uns kommt, dann gehen wir ihn eben holen.
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