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Freitag, 2. November 2012

Choo Choo, I'm a train!

Commuting. Eines der wichtigsten Worte der arbeitenden Beschäftigten in England. Es ist das Wort, das einen morgens zur Arbeit und abends wieder nach Hause bringt. Ob mit Bus, Bahn, oder Fahrrad, jeden Tag wird hier gependelt was das Zeug hält. Die meisten Menschen, die in London arbeiten, wohnen nicht zwangsläufig dort. Somit ist die Pendeldistanz in England erschreckend weit. Ich habe Leute getroffen, die sind jeden Tag insgesamt vier Stunden unterwegs. Erst ein Bus, dann ein Zug, dann eine U-Bahn, noch ein Bus.... am Abend das Ganze wieder zurück. Da geht es mir gar nicht so übel, ich verlasse das Haus genau anderthalb Stunden vor Arbeitsbeginn und brauche nur zwei Züge und dazwischen etwas Wartezeit. Und einen strammen Fußmarsch zum Bahnhof, den ich abends gerne durch einen Bus ersetze.

Commuter sein ist gar nicht so schlecht. Jedenfalls wenn die Verbindungen gut sind, es keine Verspätungen gibt, die Züge sauber und nicht überfüllt... okay dies ist niemals der Fall. Fast jeden Tag gibt es Signalprobleme, Ausfälle, Verspätungen, lange Züge mit 8 Wagons werden gegen kurze 4-Wagon-Züge ausgetauscht, müssen aber irgendwie dieselbe Menge an Personen fassen... es gibt immer irgendwelche Überraschungen, mit denen man als Berufspendler klar kommen muss.

Trotzdem finde ich gut, dass zwischen Haus verlassen und Arbeitsbeginn ein wenig Zeit liegt, in der man den Übersprung schafft. Einfach gemütlich da sitzen und lesen. Jeden Morgen gibt es an den Bahnhöfen eine kostenlose Zeitung - die Metro.



Sehr unterhaltsam - obwohl sehr trashig. Immer wenn man auf ein Foto stößt, das einen jungen glücklichen Menschen in der Blüte seines Lebens zeigt, dann kann man schon sicher sein, dass der dazugehörige Artikel irgendein furchtbares Schicksal enthüllt. Am Besten sind die Leserbriefe, oder eigentlich nur Leser-Sms, bei denen sich manchmal Diskussionen über mehrere Tage hinziehen. Wenn man dann mal einen Tag ohne Metro hat, verliert man den Faden.

Metro dient allerdings nicht nur dem Lesen. Die Zeitung ist ein wahrer Allrounder. Man kann

- sich gegen übelriechenden Atem gegenübersitzenden Commutern abschirmen.
- Blickkontakt vermeiden.
- so tun, als wenn man in die Zeitung vertieft wäre und so seinen Sitz nicht dieser Frau anbieten muss, bei der schlecht erkennbar ist, ob sie schwanger ist oder einfach nur einen dicken Bauch hat.
- schmutzige Sitze vor dem Hinsetzen abdecken, vor allem wenn man sich nicht sicher ist, ob da wirklich ein Kaugummi klebt oder nur jemand mit den Feuerzeug das Polster angesengt hat
- bei vergessenem Regenschirm einfach die Metro über den Kopf legen.

Jeden Tag zur selben Zeit im selben Zug bringt mit sich, dass man langsam die Leute kennenlernt. Natürlich nicht jeden auf angenehme Weise.

Erst gestern hat sich der Schnarcher auf den Sitz mir gegenüber fallen lassen, fiel sofort in seinen allmorgendlichen Tiefschlaf und schnarchte mir mit jedem Atemzug üblen Morgenatem entgegen. Gleich Zeitung für erstgenannten Punkt verwendet.

Dann gibt es noch Sniffer-Man. Ein notorischer Nasehochzieher. Mit festen Schritten kommt er jeden Morgen angerannt, setzt sich in unmittelbare Nähe und lässt das Schnüffelkonzert starten. Alle paar Sekunden ein nervtötendes Schniefgeräusch, bei dem ich innerlich zusammenzucke. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und meinen Sitzplatz um eine Tür nach hinten verlegt. Dort habe ich jetzt aber die Schminktrulla. Ihre Haare sind jeden Morgen klatschnass. Egal, wie kalt es draußen ist. Sie braucht immer mindestens zwei Sitze. Einen für sich selbst und einen für ihre überdimensionale, koffergroße Handtasche. Aus selbiger zieht sie einen pinken Waschbeutel hervor, und dann kann die allmorgendliche Schminksession auch schon losgehen.
Erst mal Grundierung auftragen und mit so allerlei Püderchen und Cremes eine Basisleinwand schaffen. Es folgen perfekt gerader Lidstrich, Lidschatten und Mascara. So viele Schichten Mascara, dass ihre Wimpern wie tote Spinnenbeine vom Augendeckel abstehen. Danach sind die Haare dran. Brutales Ausbürsten der verknoteten Locken, und Haarüberschuss auf den Boden des Zuges sprinkeln. So jeden zweiten Morgen werden auch noch kurz die Fingernägel gefeilt, und dann sind wir auch schon an der Endstation angekommen.

Schminken. Definitiv auf der Liste der beliebtesten Aktivitäten im Berufsverkehr. Einmal hatte ich jemanden hinter mir sitzen, der im Zug seine Fingernägel geklippst hat. Das war eklig. Ich habe die ganze Zeit gerechnet, dass ich gleich die Nägel durch das ganze Abteil spritzen sehe. Da bin ich schon etwas traumatisiert, seit mir im Bus mal jemand aus Versehen einen künstlichen Fingernagel ins Gesicht geschnippst hat.

Aber dann lernt man einige der lieben Mitpendler dann doch etwas Näher kennen. Man kommt ins Gespräch, meistens durch irgendeine Frechheit der Bahnbetreiber, redet nächstes Mal ein wenig mehr, redet mehr, trifft sich jeden Tag immer im selben Abteil, redet mehr, und dann entsteht so etwas wie eine Pendlerfreundschaft. Wir nennen uns 'Train Buddies'. Andere Pendler schließen sich an - frustriert sein über Verspätungen verbindet - und plötzlich waren wir fünf Leute, alle mit dem selben Zielbahnhof, die sich jeden Morgen gegenseitig aus der Metro vorlasen und von ihren Wochenenden erzählten. Lustig, wie man manchmal Leute kennenlernt. Eines Freitags sind wir alle miteinander ausgegangen, haben auch die nicht zugfahrenden Partner mitgebracht, und so saßen wir da zu zehnt im Pub und haben uns super amüsiert.
Mittlerweile haben drei der Buddies den Job und damit auch die Pendelroute gewechselt, aber wir sind noch in Kontakt - und von einer sogar zur Hochzeit eingeladen!


Sonntag, 21. Oktober 2012

Yeah but no but yeah but!

Weil ich es jetzt schon seit einer Weile nicht mehr erwähnt habe: Ich liebe meinen Job. Ehrlich jetzt.
Vielleicht können sich manche noch erinnern, wie nicht ich den Job fand, sondern er fand mich.
Und jetzt - anderthalb Jahre später - gehe ich morgens immernoch gerne aus dem Haus, pendle als professioneller Berufspendler zur Arbeitsstelle, und mache meinen Job. Die Wochen fliegen, die Monate rasen vorbei, wie schnell doch die Zeit vergeht, wenn man Spaß hat.
Und dann gibt es da diesen Oberboss, der Geschäftsführer des ganzen Ladens. Er scheint einen Heidenspaß daran zu haben, irgendwelche Ideen auszuhecken, mit denen er seine Mitarbeiter beglücken kann. Ehrlich jetzt. Zu Ostern gibt es Gutscheine und Schokolade, zu Halloween kandierte Äpfel. Letzte Weihnachten kam eines Nachmittags ein Partybus angefahren und gab Glühwein und Lebkuchen direkt vor der Firma aus. Zur Arbeitszeit. Einmal machte ein Produkt besonders guten Absatz, da stand morgens plötzlich auf jedem Schreibtisch (und es sind verdammt viele Schreibtische) ein Geschenk.

 Mitarbeitermotivation vom Feinsten. Zu gut um wahr zu sein? Es kommt noch besser. Die Betriebs-Weihnachtsfeiern sind legendär. Und da zwischen Weihnachten und Weihnachten mindestens 365 viel zu arbeitsreiche Tage liegen, da muss man sich natürlich noch ein paar Späße für zwischendurch überlegen.

Diesen Sommer organisierte der Oberboss also eine firmeneigene Olympiade. Wir haben englandweit einige Niederlassungen, auch jeweils eine in Wales und Schottland. Und von jeder Niederlassung wurden neun Teams für neun verschiedene sportliche Disziplinen zusammengestellt und gegeneinander antreten lassen. Ich landete im Go-Kart-Team und wir fuhren nach Bristol, wo wir in einem spektakulär organisierten, zweitägigen Event in einer riesigen Indoor-Kartbahn gegeneinander antraten. Und mein Team gewann!

Diesen Monat fand die Siegerehrung statt. Es wurde nicht viel preisgegeben. Man wusste nur, es würde in einem der luxuriöstesten Hotel Londons stattfinden, und der Dresscode war Abendkleidung. Für die Herren Anzug mit Fliege. Ernsthaft, ich habe ewig gebraucht um ein angebrachtes Kleid zu finden. Die schottischen Kollegen in ihren Kilts hatten da wohl weniger Probleme.
Und das ist, was uns am Abend des Gala-Dinners erwartete:


Ein aufwändig dekorierter Märchenwunderland Saal mit vielen runden Tischen, auf den ein großes Sortiment aus Weingläsern und Besteck aufgebaut war. Schaut mal, wie fröhlich alle aussehen.


So saßen wir also und spießten winzige Hühnchen in Trüffeljus und geräucherten Lachs mit Meerrettich und Apfelmus auf die blitzblanken Gabeln, während hübsche Männer in schwarzen Sakkos die Gläser mit rot, weiß und sprudelnd auffüllten und ständig im Auge behielten, wer nach Nachschub lechzte. Ebenso hübsche Männer in weißen Sakkos servierten Vorspeise, Hauptgericht und Dessert, und während noch das hauchzarte Schokomousse auf der Zunge zerging, wurde plötzlich ein Überraschungsgast angesagt, der die Awardzeremonie moderieren würde. Ach ja, da war ja was.


Mit einem Schuhkarton auf dem Kopf stand Mr. Surprise auf der Bühne und legte ein Tänzchen hin, während man über seine Identität rätselte. Die meisten Leute tippten auf irgendeinen olympischen Medalliengewinner. Vielleicht der Champion im Unterwasser-Fahrrad, oder sonst irgendetwas mehr oder weniger sportliches. Ich kenne keine Sportler, habe überhaupt nichts von den Olympischen Spielen gesehen dieses Jahr. So war ich mir sicher, dass ich keinen Aha-Effekt haben würde, wenn der ominöse Gast den Karton lüftete. Aber so konnte man sich täuschen. Die Kiste schnellte vom Kopf, und in der selben Sekunde als das Gesicht sichtbar wurde, setzte auch schon ohrenbetäubender Jubel ein. Jeder im Raum wusste sofort wer dort auf der Bühne stand. Ich auch. Und ich war hingerissen.


Ich liebe Little Britain! Ich kann ganze Charaktere nachsprechen und tue das oft und gerne. Und noch am selben Morgen des Gala-Dinners habe ich ein Interview mit ihm in der Zeitung gelesen. David Walliams! Unglaublich! Da war er! Keine zwanzig Meter Luftlinie entfernt!

 Er witzte und scherzte und nahm sich selbst und jeden auf die Schippe, und dann fing er an, die Awards zu verteilen. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich gleich mit meinem Team irgendwie auf diese Bühne gelangen musste. Meine Schuhe waren hoch und stöckelig, mein Kleid bodenlang und hedderig. Es gab vier Treppenstufen zu bewältigen. Dann kam noch dazu, dass ein Kamerateam jede Bewegung der anmarschierenden Sieger filmte und auf Großleinwand übertrug. Das konnte nur schief gehen. Mir war schlecht. Ich war sicher, dass ich entweder stolpern würde, oder mein Kleid verrutschen, oder im Stuhl hängen bleiben, und ich würde nackt auf der Bühne enden, und ich müsste dann leider meinen Job kündigen und mich für den Rest des Jahrtausends in einem Kellerloch verstecken.
 Aber irgendwie klappte es. Ich raffte vor den Treppenstufen mein Kleid an den Seiten irgendwie nach oben, wie ich das mal in einem Sissy-Film gesehen hatte, aber dann war keine Hand frei für David Walliams. Er weihte trotzdem meine beiden tomatenroten Wangen mit seinen Lippen - ich habe keine Erinnerung an das Erinnerungsfoto - und dann war es auch schon überstanden.
Puh, erstmal Sektchen. Einer der hübschen Herren in schwarz hatte gleich reagiert und eine neue Flasche Blubber aufzischen lassen. Ich beschloss noch aufs Klo zu gehen, und den übrigen Angstschweiß vom Gesicht zu wischen. Und dann stand ich ganz unvermittelt schon wieder vor ihm. David. Ahh!!! Ich glaube ich habe angefangen ihn vollzulabern, ob er denn wüsste, dass Little Britain auch ins Deutsche synchronisiert wurde und blabla, aber er ignorierte mich professionell, während er freundlich in diverse Kameras lächelte. Und irgendwie kam noch dieses Foto zustande, in dem meine panikgeweiteten Augen den Rotstich einer Verkehrsampel angenommen haben, aber immerhin.


Viele Tänze und noch viel mehr Gläser exklusiven Fusels später musste dieser Abend leider ein Ende nehmen. Aber die Mitarbeitermotivation hat voll eingeschlagen. Ich liebe meinen Job gleich noch sehr viel mehr, und kann die nächste arbeitsverhindernde Maßnahme des verspielten Oberbosses kaum erwarten. Werde berichten.




Mittwoch, 23. Februar 2011

Tag 669 - Put it!

Eine Email tauchte plötzlich im Posteingang meiner förmlich-seriösen Bewerbungs-Emailadresse auf. "Blablabla... den perfekten Job für Sie... blablab... ruf! mich! an!" Oder so ähnlich. Klick, sofort gelöscht.

Am nächsten Tag ein Anruf in Abwesenheit auf meinem Handy. Unbekannte Nummer. Mal zurückgerufen, eine 02 Mailbox. Kann nicht wichtig gewesen sein.

Nächster Tag während der Arbeit. Handy vergessen auf lautlos zu schalten. Die Nummer ruft wieder an. Chef ist gerade nicht in der Nähe, so nehme ich den Anruf an.

"Huuuhuuu!" Eine Trällerzwitscherstimme. "Wegen der Email. Haben Sie denn jetzt Interesse an dem Job oder nicht?"

"Also jetzt gerade nicht!" sage ich ein wenig grantig. Das kommt davon, wenn man seinen Lebenslauf auf Jobseiten online stellt. Jetzt rufen die Spammer auch noch an. "Ich arbeite!"

"Ich versuche es später nochmal, tschüühüüü!" flötet die Nervsuse.

Und sie versucht es wirklich. Hartnäckig. Zu allen Tageszeiten. Am nächsten Tag. Am Tag danach. Und noch eine Email mit Rückrufbitte. Oder Angabe einer Uhrzeit wann sie anrufen könne. Es sei supi dringend.

"Na gut", denke ich. Schreibe ihr eine Uhrzeit, die in meiner Mittagspause liegt. "Der geb ichs", beschließe ich noch.
Am nächsten Tag klingelt es pünktlich in meiner Mittagspause. Die Nervsuse ist dran.

"Endlich!" jauchzt sie. Und fängt an ohne Punkt und Komma runterzurattern, dass sie ein Recruiter sei, was soviel wie eine Personalvermittlerin ist. Und sie hätte meinen Lebenslauf online gesehen und der würde ja so toll auf einen Job passen, den sie gerade zu vermitteln gedenke.

"Jaja" sage ich genervt. Ich kenn das doch. Da werfen die Personalvermittler ihren Köder aus, warten bis jemand anbeißt, ziehen die Leine ein, teilen dann mitleidig mit, dass der Job nicht mehr verfügbar sei und drängen einen zum Abschluss eines Vermittlungsvertrages. Alles schon gehabt.

Der Köder ist aber auch verlockend. Ein deutsch-englisch-sprachiger Job in der Hauptverwaltung eines SEHR bekannten Unternehmens. Gute Bezahlung. Die Anforderungen stimmen fast schon wörtlich mit meinem Profil überein. Sehr verdächtig.

"Jaja!" schreie ich fast. "Ich weiß schon, dass das eine Verarsche ist. Und am Ende kriege ich eine fette Rechnung und von Arbeitsvermittlung ist keine Spur. Ich kenn euch Geier doch!"

Es wurde kurz ganz still in der Leitung. Und dann brach die Nervsuse doch tatsächlich in schrilles Lachen aus. "Hihihihi, aber nein, das ist doch illegal!“ Sie kriegte sich kaum mehr ein. Nach einer Weile versicherte sie dann, dass sie wirklich wirklich im Namen dieses Unternehmens anrufen würden, und die total scharf auf ein Vorstellungsgespräch seien. Aber es sei sehr eilig, weil sie sich jetzt wirklich festlegen wollten. Morgen? Ja?

„Also ich bin total busy“, hab ich noch arrogant abgewehrt. Immer noch an ihrer Seriosität zweifelnd. „Rufen Sie morgen nochmal an.“

Und dann kam es, dass Mr. B an diesem Tag wieder besonders widerwärtig war, und ich nur noch aus dieser verdreckten Apotheke rauskommen wollte und das Weite suchen. Das war der Grund, dass ich am nächsten Tag wieder abhob, als die Nervsuse anrief. „Vorstellungsgespräch! Morgen!“ jauchzte sie. Zuerst solle ich sie treffen, und danach würde ich beim Unternehmen vorstellig werden.

„Also gut“, seufzte ich. Was hatte ich schon zu verlieren. Wenn sie mir beim Treffen mitteilen würde, dass die Stelle leider, leider nicht mehr zu vergeben wäre, aber ich ja einen Vermittlungsvertrag unterschreibe könne… dann hätte ich schon ein Ventil für meinen Frust. Und ich malte mir die tollen Sachen aus, die ich mit ihr anstellen würde. Würgen. An den Haaren herumschleudern. Ihr ins Gesicht schreien.
Andererseits, sie war so hartnäckig und kam so ehrlich rüber… wenn die Stelle doch existierte?

Heute, 9 Uhr morgens. Noch kurz in der Apotheke angerufen und einen Migräneanfall vorgetäuscht. Da traf ich auch schon die Nervsuse am Bahnhof von Waterloo. Sie nahm meine Übellaunigkeit recht positiv, kaufte mir einen Kaffee und überschüttete mich mit Komplimenten und Papierkram. Hah! Der Vermittlungsvertrag… äh nein… eine Stellenausschreibung. In der Hauptverwaltung des SEHR bekannten Unternehmens. Wow, passte genau auf mein Profil.

„Das Vorstellungsgespräch dort ist um 11 Uhr, und ich werde dich jetzt darauf vorbereiten, okay?“ lächelte die Nervsuse.
Ich brauchte einige Sekunden um zu realisieren, was sie gerade sagte.
„Die Stelle existiert wirklich?“ fragte ich ungläubig.
Wieder Lachen.

Und plötzlich war ich ganz Ohr. Die Stellenbeschreibung klang super. Das Gehalt sehr gut. Oh mein Gott. Das klang viel zu gut um wahr zu sein. Aber ich saß doch wirklich hier, und ich war im Begriff mich bei diesem Unternehmen tatsächlich vorzustellen!!!

Die Nervsuse redete und redete. Gab Tipps und Anregungen und machte ein Rollenspiel. Und ich war schlecht. Total verwirrt und geschockt. Aber trotzdem setzte sie mich nach einer Stunde in den Zug zum Vorstellungsgespräch. Und einige Zeit später stand ich auch schon vor dem Gebäude. WOW!

Und was soll ich sagen, das Gespräch lief sehr gut. Ich redete und redete, achtete auf meine Körpersprache, versuchte kompetent, seriös und witzig zugleich rüberzukommen. Aber die Interviewer machten Pokerface und ließen mich keine Sekunde wissen, woran ich war. Sie würden sich am Nachmittag entscheiden, sagten sie nur und entließen mich nach einer halben Stunde ins Freie.

An Apotheke war nicht mehr zu denken. Ich fuhr gleich nach Hause und packte noch ein paar Kisten für den Umzug übermorgen. Also wenn das klappen würde, dachte ich nur die ganze Zeit. Wenn das klappen würde. Und dann kam der Anruf…

ICH HABE EINEN NEUEN JOB! Am 07.03. fange ich an.

Und jetzt schreibe ich eine Kündigung für Mr. B und PUT IT morgen in seinen Arsch.

Freitag, 7. Januar 2011

Tag 622 - Life's a bitch

Nach der England-Lust folgt jetzt wohl der Frust...

Es ist jetzt offiziell: Ich hasse meinen Job.
Auch nach zwei Monaten hat sich nicht viel an der PUT IT Situation verändert, ausser dass ich mittlerweile nicht mehr darüber lachen kann. Jeden Tag bin ich aufs Neue schockiert, was sich Boss und Bossin ständig wieder herausnehmen. Und dann denke ich manchmal, liegt das an mir? Bin ich überempfindlich? Stört sich eigentlich sonst niemand an diesem unverschämten Umgangston?
Ich versuche die Kollegen zu interviewen. Aglupsch, Apklatsch und Blahkotz zucken nur mit den Schultern. Einzig die schüchterne Rumaenin weint manchmal heimlich beim Kaffee kochen, aber irgendwo betet sie Mr und Mrs B dann doch wieder an.

Bin es also doch ich, die alles zu ernst nimmt? Humor habe ich ja sowieso keinen, sagt Mrs B. Und können kann ich auch nichts. Mein Englisch ist so schlecht, ich kann nichtmal Hydtadtrochylorkquecytalctecy richtig aussprechen. Und reden tu ich auch nicht genug. Ich soll praktisch schon anfangen meine Berichte runterzurattern, wenn Mr B noch draussen die E-Klasse einparkt. Aber wehe ich störe ihn tatsaechlich mal mit einer fachlichen Frage. Alles was er sagt ist entweder beleidigend oder in einem Ton, der sogar die Kunden zusammenzucken laesst. Zu denen er übrigens scheiß freundlich ist.
Ich könnte noch eine Stunde so weiterschreiben und wehklagen, aber das bringt ja auch nichts. Mein Job ist Scheiße, und basta.
Wäre mir ja egal, wenn es nicht auch auf mein Privatleben Einfluss hätte. Ich komme erst nach acht Uhr abends nach Hause, und dann bin ich gerädert. Schaffe es gerade noch so dem Gawjus hallo zu sagen, etwas zu essen, ein ganz klein wenig Haushalt, dann ist auch schon fast wieder Zeit schlafen zu gehen. Am Morgen wieder frustriert im Zug sitzen und die Tage bis zum Wochenende zählen. Uff.

Wo ist meine Euphorie hin? Was ist von der England-Magie noch übrig? Soll es das jetzt gewesen sein?

Nein!

Nach wie vor möchte ich an keinem anderen Ort sein. England it is. Auch wenn ich momentan nicht viel davon sehe oder mitkriege, weil sich mein Bewegungsradius auf Zuhause und Arbeit und manchmal Freak-Pub beschränkt.
Aber es muss sich was ändern!

- Beruflich. Ich habe wieder angefangen mich zu bewerben. Irgendwo muss es doch einen Job geben, bei dem man wie ein Mensch behandelt wird.
- Finanziell. Ich kaufe ab jetzt wöchentlich ein Lotterie-Los. Naja, man kann ja hoffen.
- Privat. Gawjus und ich sind auf Wohnungssuche!

- Allgemein. Ich fordere mich hiermit selbst heraus. Bis Ende diesen Monats muss ich etwas Tolles, Ungewöhnliches, Verrücktes, bevorzugt Englisches erlebt und davon geschrieben haben. Und ihr, liebe Leser, tretet mir bitte in den Arsch, dass ich es auch mache. Vorschläge nehme ich gerne entgegen.

Raus aus der Krise!!!

Sonntag, 28. November 2010

Tag 582 - Sympathy for the Devil

Ich arbeite. Nach zwei Jahren Freiheit und Zeit mich selbst zu finden bin ich wieder zurück in der 40 Stunden Woche.
Jetzt, nach vier Wochen und kurz vor dem ersten Zahltag kann ich endlich mal über meine Eindrücke schreiben.

Die erste Woche war die Hölle.
Zum ersten Mal seit ich in England bin, stand ich wirklich unter Kulturschock. Mein Chef (Mister B) und seine Familie ist wie schon erwähnt aus Kenia, sind aber indischer Abstammung… also sehen auch indisch aus, mal ganz einfach gesagt. Sie sind Muslime, was mich immer wieder verwirrt, dachte ich doch immer alle Inder seien Hindus. Aber eigentlich sind sie ja Afrikaner. Ach, wie auch immer. Sie beten jedenfalls fünfmal am Tag. Jeden Tag zur Gebetszeit öffnet sich an meinem Computer plötzlich ein Pop-Up-Fenster und der Muezzin ruft in durchdringender Lautstärke zum Gebet auf. „Hol dir Allahs Segen mit nur einem Mausklick“, steht da doch tatsächlich in einer kleinen Werbeanzeige.

Das ist jetzt aber nicht gerade das, was mir den Kulturschock gegeben hat. Auch nicht, dass im Laden jeder mindestens fünf verschiedene Sprachen spricht. Hindi, Swaheli, verschiedene indische Dialekte, Arabisch… Da kommt es in der Hektik schon mal vor, dass mir jemand was in Südasiatisch zuruft. Habe aber gelernt darauf zu achten, ob das Wort „Chai“ darin vorkommt. Dann muss ich nur „Ha“ sagen und kriege kurze Zeit später eine Tasse Tee serviert. Klappt jedes Mal!

Es ist vielmehr die Arbeitsmoral von Mister und Mistress B. Am ersten Tag wurde ich auf meinen Bürostuhl irgendwo in der hintersten Ecke unter einen Regalbrett, eingekeilt zwischen Medizinschachteln und einem Aktenschrank abgesetzt und erwartungsvoll angeschaut. Fang an zu arbeiten. So nach dem Motto. Nachfragen nicht erwünscht, Erklärungen verschwenden zu viel Zeit. Hier, zwei Kilo Papier. Buchhalte das mal irgendwie, damit das am Ende passt. Ach ja, wir haben noch zwei andere Filialen, die Läden müssen alle für die Wirtschaftsprüfung fertig gemacht werden… die Unterlagen sind… irgendwo. Such mal. Mach mal. Zack zack. Vergiss nicht die monatlichen Berichte an den Gesundheitsdienst zu schicken. Wie, du weißt nicht was für Berichte das sind? Schau halt was letzten Monat gemacht wurde. Fang doch endlich mal an.

Sie sind Sklaventreiber, die Bs. Ernsthaft. Lucky Luke hat seine Ganoven immer zum Tanzen gebracht, indem er Kugeln direkt zwischen ihren Füßen abgefeuert hat. So fühlt man sich in diesem Betrieb während der Arbeit. Die Angestellten trauen sich nicht eine Sekunde still zu stehen, sondern flitzen unter den kritischen Augen von Mister B durch die Gänge, rücken Medikamentenschachteln zurecht, fassen ständig irgendwas an um ja nicht unbeschäftigt auszusehen. Dann kommt Mrs B und gibt eine Million Aufgaben, die alle mit „Put it“ anfangen.
Manchmal sagt sie auch nur „Put it.“
Wie put? Was put? Put put? Was soll ich wohin putten?
„Put it!“ wiederholt sie dann schwer genervt und fuchtelt mit den Händen. „Put it! Put it!”
Ich weiß immer noch nicht was sie will.
„You have to put it, you know?“ brüllt sie schließlich und beschwert sich arabisch wehklagend beim Lieferanten, wie nutzlos ihre Mitarbeiter doch sind.

Ich meine, auch wenn sie sagt, was genau ich wohin setzen/stellen/legen soll, macht es ihr Akzent manchmal doch nicht einfach.
„Blätz“ hat sie kürzlich verlangt. Blätz. Was sind Blätz? Blätz? Nie gehört. Sie war schwer entnervt, als sie selbst gehen musste. Zurück kam sie mit „Blades“ (Rasierklingen)
„Switz“ konnte ich ihr auch nicht erfüllen. Ich konnte einfach keine Ähnlichkeit zu „Sweets“ (Süßigkeiten) hören.

Die erste Woche war nervenaufreibend. Nichts konnte ich richtig machen. Immer nur Missbilligung und Kritik, den ganzen Tag lang. Gleich sofort Überstunden (unbezahlt natürlich), und Mittagspause erst ab 15.00 Uhr. Niemand konnte mir was erklären, alles musste ich irgendwie selbst erarbeiten oder den Kollegen aus der Nase ziehen. Ich war hoffnungslos frustriert und hätte am Liebsten hingeschmissen. Abends war ich klinisch tot und wenn ich die Augen zumachte, sah ich stapelweise Medizinschachteln.

Ich arbeitete sogar am ersten Samstag, obwohl meine Arbeitszeit eigentlich Montag-Freitag ist. Aber an diesem Tag hab ich den ersten normalen Menschen in diesem Betrieb getroffen. Es war meine Vorgängerin für den Papierkram. Sonia. Mein Stern am Horizont. Mit ihr klickte ich sofort. Ich konnte ihr tausend Fragen stellen, und sie hat sich sehr viel Zeit genommen, um mir die wichtigsten Vorgänge zu erklären. Das ganze Bürosystem hat sie eingeführt, weil den Bs Aktenführung wohl seit zwanzig Jahren sonstwo vorbeigeht. Ich schrieb seitenweise Notizen und saugte alles auf, was sie mir erzählte. Buchführung. Rechnungen und Kontoauszüge. Was musste für die Betriebsprüfung vorbereitet werden? Wir gingen durch die Emails. Sie erklärte mir Sachverhalte und Zusammenhänge. Was für ein Engel! Und plötzlich waren die Aufgaben zu bewältigen und ich war hochmotiviert.

Die zweite Woche fing an, und ich hatte ernsthaft mit Mister B über meine Überstunden zu reden. Nie wieder möchte ich zu den Arbeitnehmern gehören, die zusammenzucken, wenn der Chef vorbeiläuft. Die sich nicht trauen den Mund aufzumachen, wenn sie ungerecht behandelt werden. Niemals wieder.
Es ergab sich eine sehr gute Gelegenheit, denn Mister B kam montags um die Ecke geschossen, As-Salamu-Alaykum, und hat mir vorgeschlagen… nein, befehligt, in meiner Mittagspause für seine Frau einkaufen zu gehen.
„Ja sicher doch!“ hab ich gelacht. Gelungener Witz.
„Schreib“, meinte er nur, „Apfelsaft, Orangensaft, Brot, Kartoffeln, Milch…“
„Warte“ unterbrach ich. „Sie verlangen ernsthaft, dass ICH in MEINER Mittagspause IHRE Privateinkäufe erledige??“
Er schaute mich an „Ja.“
Gefährliche Stille.
Und irgendwie musste er geahnt haben, dass ich gerade gedanklich meine Kündigung unterschrieb.
Er hat sich tausend Mal entschuldigt. Er dachte ja nur, weil Sonia immer für ihn eingekauft hatte. Entschuldigung vielmals. Natürlich soll ich nicht in meiner Mittagspause… er meinte ja nur, weil ich ja vielleicht sowieso in die Richtung gehen würde. Aber natürlich nur wenn ich wollte…

Es war wirklich genau so abgelaufen. Ich glaube das war so ein wenig ein Austesten, für welchen Scheiß er mich benutzen kann. Gefragt hat er jedenfalls seither nicht mehr. Einkaufen ging dann die schüchterne Rumänin aus der Parfümabteilung.
Ich hab dann gleich noch unterbreitet, dass ich abends gerne weiterhin die zusätzliche Stunde bis Ladenschluss arbeite, aber dann eben morgens eine Stunde später erscheinen werde. Wieder hat er mich lange angesehen, dann aber zugestimmt. Geht doch. Überstundenproblem auch gelöst.

Nächstes Opfer im Rundumschlag war Kollege Aglupsch (Name ähnlich) aus Sri Lanka, der mich vom ersten Tag an mit seinen schleimigen Anmachen genervt hat. Nachdem er irgendwann anfing, diese Luftkissen direkt an meinem Ohr platzen zu lassen, die in Paketen als Polsterung mitgeschickt werden, da ist mir der Kragen geplatzt. Ich hab ihn kurz mal angefaucht, wie ich es bei den Sargnägeln gelernt hatte, und verboten mich jemals wieder anzusprechen, wenn es nicht unmittelbar mit dem Job zu tun hat. Seither herrscht Ruhe.

In der dritten Woche lief zumindest meine Arbeit im Büro… äh… unter dem Medikamentenregal besser. Ich bekam nach und nach eine Idee von den Abläufen und konnte schon die ersten Berichte fertig stellen und ein paar vereinzelte Emails beantworten.
Nur am Verkaufstresen war ich immer noch ein wenig überfordert. Hey, in Deutschland braucht man eine dreijährige Ausbildung zur Apothekenhelferin, und hier soll ich von heute auf morgen tausend verschiedene Medikamente kennen. Tixylix, Salbutamol, Panadol. Oder der Kunde reißt sich den Socken vom Leib, um seinen Fuß mit dem riesigen eitrigen Zehennagel auf den Tresen zu knallen. Her mit der Diagnose, her mit der Behandlung. Toll war auch der Typ, der unter dem Solarium eingeschlafen war. Und ich durfte nicht lachen.
Auch machte ich gemäß Mrs. B nichts, aber auch gar nichts richtig. Damit machte sie mich so nervös, dass die Fehler vorprogrammiert waren. „Du musst lernen!“ schnauzte sie und ließ mich allein am Verkaufstresen. Was ich persönlich super fand, denn so lernt man es ja wirklich am Besten. Außerdem war ich sie los. Aber jedes Mal, wenn der Kunde gerade noch Luft holte um sein Anliegen loszuwerden, kam sie auf ihren Shape-Ups angewippt und brüllte „Die weiß nichts! Die muss noch lernen!“ und übernahm das Ruder. Erklärte extra laut und genau unter den belustigten Augen des Kunden, wie man die Ware in eine Plastiktüte packt. „You have to put it, you know?”
Ich kann nur die Augen verdrehen.
Eine Pechsträhne habe ich auch mit Kleinigkeiten. Immer wenn ich mal was alleine mache, geht irgendwas schief… Kassenrolle leer, kein Wechselgeld in der Kasse, Preis im System stimmt nicht mit Preisschild überein, Medikament nicht im Regal, alles fällt runter, beim Versuch es aufzuheben werfe ich noch mehr runter, ständig störe ich Kollegen beim Beten, weil ich die Gebetszeiten nicht auf die Reihe kriege, aber auch nie weiß, hinter welcher Ecke sie sich jetzt schon wieder in Richtung Mekka auf den Boden schmeißen…

Woche vier, kleine Erfolge auch im Verkaufsraum. Mir fallen nicht mehr so viele Medikamentenschachteln runter, wenn ich sie stapelweise aus dem Lager balanciere. Ich schieße tolle Passfotos. Und ich verteile Methadon an die Junkies. Wenn mir Mrs. B was in die Hand drückt frage ich nur freundlich „Shall I put it?“ und sie lächelt erfreut. Am letzten Ramadan hat sie selbstgemachte, indische Onion Bhajees mitgebracht und mir auch welche angeboten. Sehr lecker. Und winzige karamellisierte Nudeln. Und irgendeine afrikanische Süßigkeit, die wie ein Stück Salami aussieht und nach exotischer Topfpflanze schmeckt.


Ich habe schon die ersten Kunden und Patienten beraten können, auch wenn es nur um Halschmerztabletten ging. Ein paar Stammkunden kennen jetzt auch meinen Namen und sind immer so freundlich, dass die Sonne aufgeht. Ich weiß so ziemlich wo im Laden welche Produkte stehen, und nehme auch die rüpelhaftesten Kunden total gelassen hin. Die zwei Tussen, die sich hier im Laden prügeln wollten, hab ich rausgeschickt.

Nächste Woche ist Zahltag. Und dann wird der Stress des vergangenen Monats bestimmt gleich vergessen sein, und ich kann mal wieder zum Frisör gehen. Und ein, zwei warme Pullover kaufen. Und Weihnachtsgeschenke.

Ich gebe mir nicht länger als ein Jahr in diesem Job. Sehr viele Sachen sprechen dafür, dass ich mir eigentlich gleich was anderes suchen sollte… aber das was ich gerade mache, wird in meinem Lebenslauf verdammt gut aussehen. Und ich lerne eine Menge. Außerdem bin ich mir sicher, diese Erfahrung wird mir dann die Tür für den nächsten Job öffnen. Vielleicht bleibe ich ja in der Gesundheitsbranche?