Freitag, 20. November 2009

Tag 217 - Toad in the hole


Wow, danke für die zahlreichen Antworten!
Von denen die geantwortet haben, lässt sich ganz eindeutig niemand impfen. Und so werd ich das ganze Thema jetzt einfach vergessen, und so gesund wie möglich bleiben.
Danke für’s Feedback, es war gut zu hören, was ihr so darüber denkt!

Eigentlich wollt ich mich nur kurz bedanken, aber bei der Gelegenheit könnte ich mal Neues aus Hackfressenhausen erzählen.

Seit ein paar Wochen bin ich ja ausnahmslos jeden Tag auf dem Schulweg. Und wegen meiner frisch hergestellten Tagesstruktur, verlassen wir das Haus jeden Morgen um dieselbe Uhrzeit. Gosh, ich bin ja so Deutsch. Aber scheinbar machen es andere genau so, wodurch jeder Morgen wie „Täglich grüßt das Murmeltier“ abläuft. Immer an der selben Stelle fährt der B14 Bus an uns vorbei. Dann begegnen wir dem Mädel mit der Brille und dem roten Mantel, die bestimmt in einem Büro als Tippse arbeitet. Als nächstes kommt uns der Streber entgegen, in seiner schicken Schuluniform. Den kann in der Klasse bestimmt niemand leiden.
Der zweite B14 passiert uns, wenn wir die Straße überqueren, die zum Vergewaltigerpfad führt. Den hab ich deswegen so getauft, weil ich nie im Leben dort nachts entlanglaufen würde. Ein schmaler Pfad, der ungefähr 500 Meter geradeaus führt. Auf der linken Seite ist ein hoher Zaun mit Hecke, hinter dem sich der Friedhof befindet. Auf der rechten Seite ist ein ebenso hoher Holzzaun, hinter dem Schrebergärten sind, oder sowas. Wenn ich Vergewaltiger wäre, würde ich dort lauern. Fluchtmöglichkeit im Fall der Fälle: Null. Außer, man ist mal eben sehr talentiert und ausdauernd im Sprinten. Bin ich nicht.

Aber für den Schulweg ist es schon okay, dort zu entlang zu laufen. Direkt am Eingang zum Pfad treffen wir auf Sophia aus Klein Sargnagels Klasse, mit ihrem Daddy, der einen Buggy mit einem schweigsamen Einjährigen schiebt. Aus vormaliger Ignoranz wurde Grüßen, aus Grüßen mal vorsichtige Konversation übers Wetter, und mittlerweile nette Gespräche.
Bei der nächsten Querstraße schließt sich Jessica’s Mum an, mit ihren zwei Töchtern und dem Kinderwagen mit einem Baby, das den größten Kopf hat, den ich jemals bei einem Kind gesehen habe.
An der nächsten Querstraße begegnet uns recht großer Gruppe dann Zoey’s Mum… ein echter Drachen, der jeden Morgen bestimmt zwanzig Zitronen durch einen Strohhalm schlürft. Zwei ihrer drei Kinder haben die Hackfresse geerbt. Ich kann mich nur mit Mühe vom entgeisterten Starren abhalten. Auch jetzt nach Monaten noch. Für sie bin ich übrigens Luft, weil ich noch nie geboren habe. Worüber ich sehr froh bin, vor allem wenn ich mir den Kopf von Jessica’s Mum’s Baby so anschaue. Meine Güte.
Schräg hinter mir höre ich dann das Keuchen von Adam’s Mum, die ihre 3- und 4 Jahre alten Sprösslinge doch tatsächlich noch jeden Morgen im Zwillingswagen zur Schule verfrachtet. Mit ihrer Oberarmmuskulatur könnte sie Hulk Hogan Konkurrenz machen.
Ich sag dann am Schultor noch kurz Tommy’s Mummy Hallo, die wie ein rosa Zuckerkringel aussieht. Ihr Charakter ist genau so süß.

Wenn ich dann Kids dann so lange nachgewunken habe, bis sich die Schuluniformen mit denen der anderen Kinder vermischt haben, schau ich mir noch für ein paar Minuten den Auftritt der Spezialmummys an. Das sind die gestressten Karrieremütter, die ihren Nachwuchs jeden Tag mit dem Auto bringen, bevor sie zur Arbeit weiterfahren. Top Figuren, sauber aufgetragener Lippenstift in Powerfarbe, dazu der typische Hose-in-die-Stiefel-Look. Diese Mütter sprengen wie Charlies Engel die Menge auseinander, mit ihren wehenden Haaren und Mänteln. Wenn die Knöllchenfrau gegen das Falschparken direkt am Schultor protestieren will, wird sie mit nur einem Smokey Eyes Augenaufschlag zum Schweigen gebracht.
Ich frage mich manchmal, wann diese Mummys am Morgen aufstehen, um sich und die Kids fertig machen zu können. Mir reicht es am Morgen grade mal für Jeans und Turnschuhe, Zahnbürste und paar Wassertropfen ins Gesicht.

Obwohl ich die Theorie habe, dass für Kinder und Haushalt die Daddys zuständig sind. Die sind es nämlich, die am Nachmittag die Kinder abholen. Und irgendwie sehen die alle gleich aus, in ihren etwas zu engen Jeans, den Halbglatzen, großen Vorderzähnen und den obligatorischen ärmellosen Jacken: Ein bisschen stumpfsinnig. Ich nenn sie immer die Dull Daddys und wette um jeden Preis, dass das alles eingeschüchterte Weicheier sind, die total unter dem Pantoffel stehen. Wie die schon in kleinen Grüppchen so tuschelnd zusammenstehen… ich stell mir immer vor, über was die sich unterhalten. In meinem Kopf sieht das so aus:

Daddy 1: (stolz) Ich krieg jetzt 3 Pfund mehr Haushaltsgeld in der Woche!
Daddy 2 und 3: (bewundernd) Ooooh, du Glücklicher!
Daddy 3: (verschwörerisch) Hey, ihr glaubt nicht, was ich gestern gemacht hab.
Daddy 1 und 2: (aufgeregt) Erzähl!
Daddy 3: (senkt die Stimme ein wenig) Ich hab nach dem letzten Einkauf ein wenig Restgeld in meiner Hosentasche „vergessen“ (macht die Gänsefüßchen mit den Fingern)
Daddy 2: (reißt die Augen auf) Und das hat deine Frau nicht gemerkt? Meine zählt das immer nach!
Daddy 3: (zuckt gespielt gleichgültig die Schultern) Ich hab es drauf ankommen lassen.
Daddy 1 (nickt anerkennend) Respekt. Und? Was hast du damit gemacht?
Daddy 3: (rückt ein wenig näher) Ich hab mir… (dramatische Pause)… eine Dose Cola gekauft.
Daddy 2: (kreischt) Cola? (schaut sich nervös um)
Daddy 1: (erblasst) Du hast ja Nerven! Wo hast du die denn getrunken?
Daddy 3: (stolz) Heimlich in der Waschküche. Ich hab gerade die 30 Grad Baumwolle durchlaufen lassen. Ihr wisst schon, mit dem 1200 Schleudergang.
Daddy 2: (ungläubig) Boah nee, sag bloß, du hast die Ökomat mit 1200 Umdrehungen.
Daddy 1: (zu Daddy 2) Hallo? Das ist jetzt nicht der Punkt. (zu Daddy 3) Aber hey, was machst du, wenn deine Frau die leere Dose findet?
Daddy 3: (grinst) Wird sie nicht! Ich hab sie gründlich entsorgt.
Daddy 2: (schüttelt seine Hand, als hätte er sich verbrannt) Aber sag nicht, in der Mülltonne ganz unten… dort schauen sie doch als erstes.
Daddy 3: (schüttelt den Kopf und grinst noch breiter) Ich bin doch nicht dumm… ich hab die Dose im Garten vergraben.
Daddy 1: (pfeift zwischen den Zähnen) Nicht schlecht! Aber ich hoffe, du hast auch die Erde nach dem Graben wieder festgetreten. Und die verdächtigen Erdklumpen von den Schuhen entfernt.
Daddy 3: (wird Leichenblass) Die Schuhe! Danke, Kumpel. Daran hab ich jetzt gar nicht gedacht.
Daddy 2: (mit erhobenem Zeigefinger) Siehste, das hätte ins Auge gehen können. Aber jetzt noch mal zu der Ökomat 1200…

Oder:

Daddy 1: (seufzt) Ich würde ja so gerne mal wieder was schrauben
Daddy 2: (seufzt auch) Ach ja, so ein Regal zusammenbauen oder so, das wär schon was.
Daddy 1: (zerknirscht) Meine hat mich vor zwei Jahren erwischt, als ich eine Glühbirne wechseln wollte. Dann hat sie mir den letzten Phasenprüfer weggenommen.
Daddy 2: (nickt mitleidig) Hach ja, Mann hat’s nicht leicht.
Daddy 3: (flüstert) Hey, ihr drei, wollt ihr mal was sehen?
Daddy 1 und 2: (kommen neugierig näher) Was hast du denn da?
Daddy 3: (öffnet seine Jacke und greift in die Innentasche. Behutsam bringt er ein kleines Plastikpäckchen zum Vorschein) Ihr werdet staunen!
Daddy 2: (ganz hibbelig) Es ist doch nicht das, was ich denke?
Daddy 1: (schüttelt den Kopf) Nee, das glaub ich nicht. Wo soll er so was denn herkriegen?
Daddy 3: (öffnet das Päckchen mit fliegenden Fingern. Fast fällt es ihm aus der Hand, so aufgeregt ist er) Ups!
Daddy 1: (zuckt zusammen) Pass auf, nicht dass das noch jemand sieht!
Daddy 3: (Nimmt das Päckchen in eine Hand und hält Daddy 1 und 2 die Öffnung hin) Hier! Habt ihr so was Schönes schon mal gesehen?
Daddy 2: (kriegt feuchte Augen) Oooooh, das muss schon Jahre her sein! Die sehen aber toll aus.
Daddy 1: (andächtig) Und wie gut die riechen!
Daddy 3: (stolz) Sind aus Tannenholz!
Daddy 2: (ganz aufgeregt) Darf ich mal anfassen? Ach bitte!
Daddy 3: (gönnerhaft) Klar, du darfst dir sogar einen aussuchen und behalten.
Daddy 2: (ungläubig) Echt jetzt? Du schenkst die einfach so her?
Daddy 3: (zwinkert) Weniger sind einfacher zu verstecken.
Daddy 1: (traurig) Also ich passe… wenn es meine merkt, dann krieg ich echt Ärger.
Daddy 2: (greift mutig in das Päckchen) Also ich tu es! Wann kommt man schon mal zu einem Dübel?
Daddy 1 und 3: (schauen sich nervös um) Pssssst, wenn das jemand hört!!!

Ja, ich hab echt nichts Besseres zu tun, wenn ich mir auf dem Schulhof die Beine in den Bauch stehe.
Mein Kind kommt immer als Letztes aus dem Klassenzimmer, weil mich die Lehrerin wirklich jeden Tag per Lippenbewegung nachfragt, ob ich den kleinen Sargnagel abhole. Ich hab immer Lust mal ganz empört den Kopf zu schütteln und auf ein anderes Kind zu zeigen. Warum weigert die sich jeden Tag, mich wieder zu erkennen? Vielleicht weil ich noch nie geboren habe? Haben die Dull Daddys auch nicht. So. Aber die werden ja auch benachteiligt.

Man(n) hat’s nicht leicht, als Nichtmutter im Drachengehege.

So, genug für heute. Ich fang mir den Bus zu Lidl und geh ein paar Lebensmittel einkaufen. Wir gehen seit einiger Zeit nur noch zu Lidl oder Aldi, weil es dort billiger ist, als in den britischen Supermarktketten. Und ich find’s natürlich super, German Food im Kühlschrank zu haben, weil es einfach so viel unfettiger ist, als Britisches Essen. Ich hab in den letzten Wochen mal eben so 6,35029318 Kilo abgenommen, einfach nur durch Kochen mit Lidlzeugs. Juhuuu. Aber samstags gibt’s dann doch Full English Breakfast mit Schinken, Eiern und Pilzen aus der fetttriefenden Pfanne. Dazu Hash Browns und Bohnen. Und mein britisches Lieblingsessen ist nach wie vor „Toad in the hole“ (Kröte im Loch). Das sind Würstchen, die in einen Eierteig eingebacken sind… und da drüber ganz viel gravy (Bratensoße).

Verdammt, ich hab Hunger. Merkt man’s?

Mittwoch, 18. November 2009

Tag 215 - When pigs fly

Kann ich mal kurz eine Umfrage starten? Es würde mich wirklich interessieren, eure Meinungen dazu zu hören:

Schweinegrippe – lasst ihr euch impfen?

Ich verfolge eigentlich fast jeden Tag für zwei, drei Minuten, was in Deutschland so los ist in den Nachrichten… hauptsächlich durch die Online-Bildzeitung, Schande über mich. So Scheiße die aber auch schreiben, über das aktuelle Geschehen ist man aber immer auf dem Laufenden. Vor allem über den Sturzflug des FC Bayern München, muhaha (sorry, Mike). Naja, ich schweige jetzt mal über meine Herthaner.
Jedenfalls ist nicht zu übersehen, dass diese Impfung DAS THEMA überhaupt ist. Und man solle sich impfen lassen gehen, und welche Promis sich bisher geimpft haben und der Grund, dass viele Leute nicht zur Impfung gehen ist, dass Schweinegrippe unterschätzt wird, und bla bla.
Okay, seit ein paar Tagen ist Impfen jetzt doch wieder pfuibäh, weil es zwei Tote gab.

So, hier gibt es ja das englische Gegenstück zur BILD… das ist die SUN. Da werden genau so die Leichen gezählt, Prominente zerhackstückt und Privatleute verleumdet. Für Schweinegrippe-Impfung interessiert sich aber niemand. Eigentlich ist diese ganze Schweinesache hier kein Thema mehr. Ich weiß nicht mal, ob hier überhaupt geimpft wird.

Ein paar Mal hab ich in den Weiten des Webs den Verdacht gelesen, dass diese Schweinegrippe-Impfung in Deutschland nur Geld- und Panikmache ist. Und irgendwie kenn ich auch niemanden, der eine herkömmliche Grippe-Impfung hat. Grippe ist ja ohne Schwein genau so fies. Und ich glaube, wenn Impfung, dann da gegen… und nicht dieses unausgereifte Zeug ohne Langzeiterfahrung.

So, tut mir Leid, wahrscheinlich könnt ihr das Schweinegrippegedöns schon nicht mehr hören. Aber diese Bronchitis hat mir gerade bewusst gemacht, wie wenig man den eigenen Körper im Griff hat. Wenn man’s kriegt, dann kriegt man’s. Da hilft auch viel frische Luft, gesundes Essen, Händewaschen, warme Kleidung nichts mehr.

Übrigens… ich bin wieder gesund. Und hatte ich manchmal den Eindruck, man sieht nicht viel davon wenn ich putze, so hab ich jetzt den Beweis, dass man es deutlich sieht, wenn ich nichts mache. Mann, mann, hat sich da was angesammelt in den paar Tagen, in denen ich im Bett war. Letzte Woche am Freitag hab ich das komplette Haus geschrubbt, inklusive Kohlkopf Kühlschrankfächer (Plastik KANN schimmeln), Küchenschubladen und die vom kleinen Sargnagel mit Filzstift zerkritzelten Wände. Als alles nur so blitzte und blinkte, hab ich mich ins Wochenende verabschiedet. Ins Arbeitswochenende, übrigens. Es stand wieder eine Tour im Van auf dem Programm… die Sache mit den Kühlsystemen. Mittlerweile krieg ich eine Ahnung davon. Auch vom Straßensystem im Südosten. Wo zur Hölle ist Godalming? Ich weiß es jetzt. Nettes Dörfchen in Surrey.

48 Stunden später schloss ich die Haustür auf. Müde, hungrig, voller Vorfreude auf einen gemütlichen Abend auf dem Sofa mit einem der ungefähr 600 Fernsehprogrammen. Aber irgendwie wollte die Tür nicht richtig öffnen. Etwas lag davor. Ich hab dann mal mit Gewalt gedrückt, bis ich einen Spalt hatte, groß genug für meinen Kopf. Und so hab ich in den Hausflur gelinst.

Mich hätte fast der Schlag getroffen.

Schuhe.

Schuhe!

Ein Berg aus geschätzt dreißig Kinderschuhen blockierte die Haustür.
Ich hab mich dann so durch den Spalt gepresst und bin einer Spur aus Play-Doh-Knete ins Wohnzimmer gefolgt. Dort wo man zwischen den ganzen Spielzeugen den Boden noch sehen konnte, lagen schwarze Dreckklumpen. Alle Hüllen waren von den Sofakissen geschält und lagen teilweise auf dem Dreck.
Auf dem Tisch stand das ungespülte Geschirr der letzten drei Tage, zwischen Buntstiften, Bankpapierkram und leeren Chipstüten. Das Sofa selbst war bedeckt von Kekskrümeln, denen man in die Küche folgen konnte, wo absolut die Bombe eingeschlagen hatte. Jedes Geschirrstück war benutzt. Auf dem Boden ein See aus verschütteter Milch, aus dem Fußspuren die Treppe hinauf ins Badezimmer… und hier hör ich besser auf.

Natürlich bin ich ausgeflippt.

Mummy war es dann auch ganz schrecklich peinlich und sie hat hektisch versucht, das Gröbste wegzumachen… aber… na ja. Man sollte dann Essensreste doch vorher in den Müll werfen, bevor man die Teller in der Spüle einweicht.

Krisensitzung.

Ich putz ja eigentlich ganz gerne… Musik aufdrehen und mit dem Staubsauger tanzen, da wird gerne mal ein Putzrausch draus… und ich hab auch festgestellt, wenn man jeden Tag ein paar Kleinigkeiten macht, dann lässt sich so ein Haus auch super in Schuss halten. Und man kann problemlos nebenher noch zwei klebrige Schmutzfinkenkinder managen.

Mummy weiß, dass ihre größte Schwäche Putzen und Ordnung halten ist. Sie ist das personifizierte Chaos, was ich ja auch ganz niedlich zum beobachten finde… aber es kann nicht angehen, dass die drei am Wochenende das Haus verwüsten und mich am Montag Morgen auf einer Baustelle zurücklassen. Mummy sagt zwar, um Himmels willen, lass alles stehen und liegen, ich mach das dann heute Abend/morgen/nächste Woche (etwas wahrscheinlicher: nächstes Jahr) weg… aber ich finds nun mal nicht so angenehm, mich über mehrere Tage in einer Dreckhöhle aufzuhalten. Zumal ich nicht mal das Sofa benutzen könnte, oder eine saubere Tasse finden würde. Und es dann doch lieber selber mache, bevor sich in den nächsten Tagen noch mehr ansammelt, was die arme Frau niemals bewältigen könnte.

So, keine Sorge, ich hör auf zu meckern. Wir haben einen Deal. Mummy wird ab Dezember eine Stunde früher aufstehen und ihre Arbeitszeiten so umstellen, dass sie einmal die Woche einen Tag frei haben kann. Mit ihrer Chefin ist das abgesprochen und absolut fein. Fein. Dieser Tag frei ist dann gleichzeitig mein freier Tag, und Mummy kümmert sich um was so anfällt, während ich den ganzen Tag nach Herzenslust die Internetleitung blockiere, juhuu. Auch die Kids sind jetzt offiziell dazu angehalten (ich predige das schon seit Monaten) ihr Zeug aufzusammeln, wenn sie fertig gespielt haben. Gegessen und getrunken wird nur noch am Tisch und nie wieder auf dem Sofa. Und der kleine Sargnagel kann sich auf ein Doppelbeben gefasst machen, wenn er statt auf Papier mal wieder an die Wand malt.

Fuuuuaaargh, aber mir geht’s gut.

Ich mach mich fertig für Bandprobe. Hab den Keyboard Part für „Eye of the Tiger“ jetzt ausgearbeitet, damit haben wir jetzt den 4. Song. Vier weitere werden folgen, yieeehaaaa! Und… Bandname gesucht.

Lasst’s euch gut gehen und wischt mal eure Kühlschrankfächer aus.


Donnerstag, 5. November 2009

Tag 202 - Love of my life

Mich hat’s erwischt!

Aber richtig!

Wow, ich hatte ganz vergessen wie sich das anfühlt.
Mein Herz schlägt wie verrückt und ich hab Gänsehaut am ganzen Körper.
Mir wird abwechselnd heiß und kalt.
Es ist, als würde ich IHN schon ewig kennen.
Jedes Mal wenn ER sich meldet, zieht sich mir das Herz in der Brust zusammen.
Im einen Moment könnte ich heulen, im anderen nur theatralisch seufzen, wenn ich an IHN denke.
Ich kann nicht mehr essen, nicht mehr klar denken… wegen IHM.

Und nachts wälze ich mich stundenlang im Bett, weil ER mich wach hält…

ER…

mein Husten.

Ich hab Bronchitis.

Und wie geht’s euch so?

Die letzten 48 Stunden hab ich mich kaum aus dem Bett bewegt. Zuerst war ich etwas besorgt, ob es vielleicht Schweinegrippe, weil es jetzt doch so schnell ging mit dem krank werden. Am Wochenende bin ich noch putzmunter im Pub rumgehüpft, mit meinen Vampirzähnen. Am Montag ging’s dann los… von Minute zu Minute fühlte ich mich schlechter. Dienstagmorgen hab ich dann noch die Kids zur Schule gebracht, ich bin fast gekrochen, und dann doch mal in der Arztpraxis reingeschneit, die auf dem Schulweg liegt.

Am Eingang war ein riesiger Aushang, dass man ja nicht dort aufkreuzen soll, wenn man Grippesymptome hat. Aber hallo? Was soll das eigentlich? Hat man keine Chance auf Behandlung, wenn’s doch nur ne normale Grippe ist? Soll ich ins nächste Krankenhaus trampen, das einen Schweinegrippesicherheitseingang hat? Oder am Besten mit den Öffentlichen hinfahren, damit es auch ja jeder abkriegt?
Man soll Zuhause bleiben, sagt die 0800 Schweinegrippepanikhotline. Jaaa, und dort dann friedlich vor sich hinsterben. Gute Idee.
Also bin ich trotzdem in die Praxis. Symptome waren zwar vorhanden, aber der Husten kam mir dann doch irgendwie vertraut vor. Ich kenn doch meine Bronchien.

Richtige Entscheidung. Kurz abgehört, Rezept für Antibiotikum ausgehändigt, bei der Apotheke vorbei, nach Hause ins Bett.

Letzten Donnerstag war ich mit den Sargnägeln im Park. Blauer Himmel, strahlende Sonne, goldenes Laub. Mittlerweile ist es merklich kälter geworden, aber jeden Nachmittag trotzdem sonnig und schön. Ich bin wirklich gespannt, wann das richtige Londoner Regenwetter Einzug hält und ob ich es verkrafte, so verwöhnt, wie ich vom letzten halben Jahr wurde.


Am Freitag dann hab ich es tatsächlich wahr gemacht und bin mit den Kids ins Natural History Museum. Es war stressig! Wahnsinnig stressig. Ich hatte noch ein Leihkind dabei. Drei Sargnägel also, aber nur zwei Hände. Nachdem ich ihnen dann aber klargemacht hatte, dass die London Underground KEIN Spielplatz ist, ging’s. Zur Verdeutlichung hat eine Tube beigetragen, die so laut aus dem Tunnel gebrettert kam, dass alle drei plötzlich an mir dranhingen wie Christbaumkugeln.



Das Gebäude des Natural History Museums ist wirklich wunderschön. Es sieht eigentlich eher aus wie eine Kathedrale.
Ähm, ja. Wir hatten auch sehr lange Zeit, es zu bestaunen, da wir erstmal eine Stunde anstehen mussten. Eigentlich klar, es waren Ferien. Das war auch der Grund, warum hauptsächlich Engländer in der Warteschlange standen. Ich hatte ja eigentlich mit tausenden von Touristen gerechnet. Und die vielen Kinder! Aaaaah! Nerv!


Schließlich hatten wir es doch bis in die Eingangshalle geschafft. Wow, wirklich Wow! Das Wort Kathedrale hatte ich schon, oder? Und das riesige Dinosaurier-Skelett, meine Kids haben kaum mehr den Mund zu gekriegt vor Staunen.
Wir wollten eigentlich auch direkt zur Dinosaurierabteilung durchmarschieren… was sich aber als unmöglich herausstellte. Eine weitere Warteschlange von mindestens einer halben Stunde stand vorm Dinosaurier-Eingang. Nee, oder?
Ich hab dann die Sargnägel auf später vertröstet und wir sind zuerst zu den Säugetieren. Auge in Auge mit dem knapp 30 Meter langen Blauwal waren die Dinos aber sofort vergessen. Doch, wirklich faszinierend. Ich finde, die haben sich wirklich richtig Mühe gegeben mit dem Museum. Es gibt jede Menge zu tun für Kinder, Rätsel, kindgerechte Informationen, kleine Versuche…es war super. Trotz dem Gedränge.




Übrigens hab ich allen dreien einen kleinen Zettel mit meiner Handynummer und ein Bonbon in die Hosentasche gesteckt. Ich hab gesagt, wenn sie verloren gehen sollten, dann sollen sie nicht weinen, sondern das Bonbon lutschen. Und dann entweder einen Museumsmitarbeiter oder eine Familie mit Kinder fragen, ob sie mich anrufen könnten.
Ich hab die Mädels einmal aus den Augen verloren. Zehn Minuten später kamen sie mir dann schmatzend und total entspannt entgegen. Ha, Plan aufgegangen.


Nach den Fischen, Insekten und Vögeln waren wir noch beim Herrn Darwin. Der hat übrigens nur ein paar Meilen entfernt von hier gewohnt, in Chistlehurst.
Danach haben wir noch einen Abstecher zu den Planeten geschafft, aber dann waren die Kids wirklich müde. Nach den Dinos hat keiner von den dreien mehr gefragt. Die Warteschlange hatte sich in der Zwischenzeit übrigens noch verlängert.

Als ich die Sargnägel dann endlich in den Zug Richtung Heimat geschafft hatte, ist eine ordentliche Portion Anspannung abgefallen. Wenn ich so einen Ausflug noch einmal mache, dann muss unbedingt noch ein zweiter Erwachsener mit.
Ich bin am Abend im selben Moment eingeschlafen, als mein Kopf auf dem Kissen auftraf.

Und am nächsten Tag war ja Halloween! Unglaublich, was erwachsene Menschen einen Aufwand um dieses Ereignis machen. Stundenlange Vorbereitung, Kostümprobe, Schminkprobe, letzte Details, Accessoires…
Kam ich mir letzte Woche blöd vor, als ich minutenlang vor einem Ladenregal stand, das abgetrennte Plastik-Arme in allen Farben und Größen führte.
Ich hab mein Kostüm dann kurz vor knapp im Charity Shop für unter 5 Pfund gefunden… ein echt genialer, schwerer, schwarzer, fast bodenlanger Mittelalter-Samtrock und eine durchsichtige Bluse, die entfernt wie Spinnweben aussieht. Schwarze Perücke und ein paar Plastikspinnen, angeklebte Vampireckzähne, kränkliches Make Up und Kunstblut. Fertig.


So lief ich also im Special Freak Pub ein. Riesige Party! Ich wollte ein paar Leute zu ihren gelungenen Kostümen beglückwünschen, aber dann ist mir aufgefallen, dass sie ja gar nicht anders als sonst aussahen. Andere dagegen waren kaum wieder zu erkennen. Und viele hatten das Motto „Zombie Rock Star“ und profitierten von ihrem sowieso schon vorhandenen Look-a-like. Freddie Mercury war da, Amy Winehouse, Kurt Cobain, Alice Cooper.




Erinnert sich noch jemand an meine Begegnung mit Dustin Hoffman an Tag 37? Er war auch da. Unverkleidet. Und ich hab’s mal wieder verschlafen ein Foto von ihm zu machen. Nächstes Mal dann.

So, die Wirkung vom Paracetamol lässt nach. Hülfe, mir geht’s ja so schlecht. Aber ich hab bestimmt schon seit zwei Stunden fast nicht mehr gehustet. Scheinbar will ER schon wieder Schluss mit mir machen. Ich werde drüber wegkommen.

Zieht euch war an, es wird bald Winter. Ich hab schon die ersten gut schmeckenden Mandarinen gefunden. Und im Shoppingcentre steht der größte künstliche Weihnachtsbaum, den ich jemals gesehen habe.
Aber es kann ruhig noch eine Weile Herbst bleiben. Die Kohlköpfe haben sich farblich jetzt auch der Jahreszeit angepasst.