Freitag, 20. November 2009

Tag 217 - Toad in the hole


Wow, danke für die zahlreichen Antworten!
Von denen die geantwortet haben, lässt sich ganz eindeutig niemand impfen. Und so werd ich das ganze Thema jetzt einfach vergessen, und so gesund wie möglich bleiben.
Danke für’s Feedback, es war gut zu hören, was ihr so darüber denkt!

Eigentlich wollt ich mich nur kurz bedanken, aber bei der Gelegenheit könnte ich mal Neues aus Hackfressenhausen erzählen.

Seit ein paar Wochen bin ich ja ausnahmslos jeden Tag auf dem Schulweg. Und wegen meiner frisch hergestellten Tagesstruktur, verlassen wir das Haus jeden Morgen um dieselbe Uhrzeit. Gosh, ich bin ja so Deutsch. Aber scheinbar machen es andere genau so, wodurch jeder Morgen wie „Täglich grüßt das Murmeltier“ abläuft. Immer an der selben Stelle fährt der B14 Bus an uns vorbei. Dann begegnen wir dem Mädel mit der Brille und dem roten Mantel, die bestimmt in einem Büro als Tippse arbeitet. Als nächstes kommt uns der Streber entgegen, in seiner schicken Schuluniform. Den kann in der Klasse bestimmt niemand leiden.
Der zweite B14 passiert uns, wenn wir die Straße überqueren, die zum Vergewaltigerpfad führt. Den hab ich deswegen so getauft, weil ich nie im Leben dort nachts entlanglaufen würde. Ein schmaler Pfad, der ungefähr 500 Meter geradeaus führt. Auf der linken Seite ist ein hoher Zaun mit Hecke, hinter dem sich der Friedhof befindet. Auf der rechten Seite ist ein ebenso hoher Holzzaun, hinter dem Schrebergärten sind, oder sowas. Wenn ich Vergewaltiger wäre, würde ich dort lauern. Fluchtmöglichkeit im Fall der Fälle: Null. Außer, man ist mal eben sehr talentiert und ausdauernd im Sprinten. Bin ich nicht.

Aber für den Schulweg ist es schon okay, dort zu entlang zu laufen. Direkt am Eingang zum Pfad treffen wir auf Sophia aus Klein Sargnagels Klasse, mit ihrem Daddy, der einen Buggy mit einem schweigsamen Einjährigen schiebt. Aus vormaliger Ignoranz wurde Grüßen, aus Grüßen mal vorsichtige Konversation übers Wetter, und mittlerweile nette Gespräche.
Bei der nächsten Querstraße schließt sich Jessica’s Mum an, mit ihren zwei Töchtern und dem Kinderwagen mit einem Baby, das den größten Kopf hat, den ich jemals bei einem Kind gesehen habe.
An der nächsten Querstraße begegnet uns recht großer Gruppe dann Zoey’s Mum… ein echter Drachen, der jeden Morgen bestimmt zwanzig Zitronen durch einen Strohhalm schlürft. Zwei ihrer drei Kinder haben die Hackfresse geerbt. Ich kann mich nur mit Mühe vom entgeisterten Starren abhalten. Auch jetzt nach Monaten noch. Für sie bin ich übrigens Luft, weil ich noch nie geboren habe. Worüber ich sehr froh bin, vor allem wenn ich mir den Kopf von Jessica’s Mum’s Baby so anschaue. Meine Güte.
Schräg hinter mir höre ich dann das Keuchen von Adam’s Mum, die ihre 3- und 4 Jahre alten Sprösslinge doch tatsächlich noch jeden Morgen im Zwillingswagen zur Schule verfrachtet. Mit ihrer Oberarmmuskulatur könnte sie Hulk Hogan Konkurrenz machen.
Ich sag dann am Schultor noch kurz Tommy’s Mummy Hallo, die wie ein rosa Zuckerkringel aussieht. Ihr Charakter ist genau so süß.

Wenn ich dann Kids dann so lange nachgewunken habe, bis sich die Schuluniformen mit denen der anderen Kinder vermischt haben, schau ich mir noch für ein paar Minuten den Auftritt der Spezialmummys an. Das sind die gestressten Karrieremütter, die ihren Nachwuchs jeden Tag mit dem Auto bringen, bevor sie zur Arbeit weiterfahren. Top Figuren, sauber aufgetragener Lippenstift in Powerfarbe, dazu der typische Hose-in-die-Stiefel-Look. Diese Mütter sprengen wie Charlies Engel die Menge auseinander, mit ihren wehenden Haaren und Mänteln. Wenn die Knöllchenfrau gegen das Falschparken direkt am Schultor protestieren will, wird sie mit nur einem Smokey Eyes Augenaufschlag zum Schweigen gebracht.
Ich frage mich manchmal, wann diese Mummys am Morgen aufstehen, um sich und die Kids fertig machen zu können. Mir reicht es am Morgen grade mal für Jeans und Turnschuhe, Zahnbürste und paar Wassertropfen ins Gesicht.

Obwohl ich die Theorie habe, dass für Kinder und Haushalt die Daddys zuständig sind. Die sind es nämlich, die am Nachmittag die Kinder abholen. Und irgendwie sehen die alle gleich aus, in ihren etwas zu engen Jeans, den Halbglatzen, großen Vorderzähnen und den obligatorischen ärmellosen Jacken: Ein bisschen stumpfsinnig. Ich nenn sie immer die Dull Daddys und wette um jeden Preis, dass das alles eingeschüchterte Weicheier sind, die total unter dem Pantoffel stehen. Wie die schon in kleinen Grüppchen so tuschelnd zusammenstehen… ich stell mir immer vor, über was die sich unterhalten. In meinem Kopf sieht das so aus:

Daddy 1: (stolz) Ich krieg jetzt 3 Pfund mehr Haushaltsgeld in der Woche!
Daddy 2 und 3: (bewundernd) Ooooh, du Glücklicher!
Daddy 3: (verschwörerisch) Hey, ihr glaubt nicht, was ich gestern gemacht hab.
Daddy 1 und 2: (aufgeregt) Erzähl!
Daddy 3: (senkt die Stimme ein wenig) Ich hab nach dem letzten Einkauf ein wenig Restgeld in meiner Hosentasche „vergessen“ (macht die Gänsefüßchen mit den Fingern)
Daddy 2: (reißt die Augen auf) Und das hat deine Frau nicht gemerkt? Meine zählt das immer nach!
Daddy 3: (zuckt gespielt gleichgültig die Schultern) Ich hab es drauf ankommen lassen.
Daddy 1 (nickt anerkennend) Respekt. Und? Was hast du damit gemacht?
Daddy 3: (rückt ein wenig näher) Ich hab mir… (dramatische Pause)… eine Dose Cola gekauft.
Daddy 2: (kreischt) Cola? (schaut sich nervös um)
Daddy 1: (erblasst) Du hast ja Nerven! Wo hast du die denn getrunken?
Daddy 3: (stolz) Heimlich in der Waschküche. Ich hab gerade die 30 Grad Baumwolle durchlaufen lassen. Ihr wisst schon, mit dem 1200 Schleudergang.
Daddy 2: (ungläubig) Boah nee, sag bloß, du hast die Ökomat mit 1200 Umdrehungen.
Daddy 1: (zu Daddy 2) Hallo? Das ist jetzt nicht der Punkt. (zu Daddy 3) Aber hey, was machst du, wenn deine Frau die leere Dose findet?
Daddy 3: (grinst) Wird sie nicht! Ich hab sie gründlich entsorgt.
Daddy 2: (schüttelt seine Hand, als hätte er sich verbrannt) Aber sag nicht, in der Mülltonne ganz unten… dort schauen sie doch als erstes.
Daddy 3: (schüttelt den Kopf und grinst noch breiter) Ich bin doch nicht dumm… ich hab die Dose im Garten vergraben.
Daddy 1: (pfeift zwischen den Zähnen) Nicht schlecht! Aber ich hoffe, du hast auch die Erde nach dem Graben wieder festgetreten. Und die verdächtigen Erdklumpen von den Schuhen entfernt.
Daddy 3: (wird Leichenblass) Die Schuhe! Danke, Kumpel. Daran hab ich jetzt gar nicht gedacht.
Daddy 2: (mit erhobenem Zeigefinger) Siehste, das hätte ins Auge gehen können. Aber jetzt noch mal zu der Ökomat 1200…

Oder:

Daddy 1: (seufzt) Ich würde ja so gerne mal wieder was schrauben
Daddy 2: (seufzt auch) Ach ja, so ein Regal zusammenbauen oder so, das wär schon was.
Daddy 1: (zerknirscht) Meine hat mich vor zwei Jahren erwischt, als ich eine Glühbirne wechseln wollte. Dann hat sie mir den letzten Phasenprüfer weggenommen.
Daddy 2: (nickt mitleidig) Hach ja, Mann hat’s nicht leicht.
Daddy 3: (flüstert) Hey, ihr drei, wollt ihr mal was sehen?
Daddy 1 und 2: (kommen neugierig näher) Was hast du denn da?
Daddy 3: (öffnet seine Jacke und greift in die Innentasche. Behutsam bringt er ein kleines Plastikpäckchen zum Vorschein) Ihr werdet staunen!
Daddy 2: (ganz hibbelig) Es ist doch nicht das, was ich denke?
Daddy 1: (schüttelt den Kopf) Nee, das glaub ich nicht. Wo soll er so was denn herkriegen?
Daddy 3: (öffnet das Päckchen mit fliegenden Fingern. Fast fällt es ihm aus der Hand, so aufgeregt ist er) Ups!
Daddy 1: (zuckt zusammen) Pass auf, nicht dass das noch jemand sieht!
Daddy 3: (Nimmt das Päckchen in eine Hand und hält Daddy 1 und 2 die Öffnung hin) Hier! Habt ihr so was Schönes schon mal gesehen?
Daddy 2: (kriegt feuchte Augen) Oooooh, das muss schon Jahre her sein! Die sehen aber toll aus.
Daddy 1: (andächtig) Und wie gut die riechen!
Daddy 3: (stolz) Sind aus Tannenholz!
Daddy 2: (ganz aufgeregt) Darf ich mal anfassen? Ach bitte!
Daddy 3: (gönnerhaft) Klar, du darfst dir sogar einen aussuchen und behalten.
Daddy 2: (ungläubig) Echt jetzt? Du schenkst die einfach so her?
Daddy 3: (zwinkert) Weniger sind einfacher zu verstecken.
Daddy 1: (traurig) Also ich passe… wenn es meine merkt, dann krieg ich echt Ärger.
Daddy 2: (greift mutig in das Päckchen) Also ich tu es! Wann kommt man schon mal zu einem Dübel?
Daddy 1 und 3: (schauen sich nervös um) Pssssst, wenn das jemand hört!!!

Ja, ich hab echt nichts Besseres zu tun, wenn ich mir auf dem Schulhof die Beine in den Bauch stehe.
Mein Kind kommt immer als Letztes aus dem Klassenzimmer, weil mich die Lehrerin wirklich jeden Tag per Lippenbewegung nachfragt, ob ich den kleinen Sargnagel abhole. Ich hab immer Lust mal ganz empört den Kopf zu schütteln und auf ein anderes Kind zu zeigen. Warum weigert die sich jeden Tag, mich wieder zu erkennen? Vielleicht weil ich noch nie geboren habe? Haben die Dull Daddys auch nicht. So. Aber die werden ja auch benachteiligt.

Man(n) hat’s nicht leicht, als Nichtmutter im Drachengehege.

So, genug für heute. Ich fang mir den Bus zu Lidl und geh ein paar Lebensmittel einkaufen. Wir gehen seit einiger Zeit nur noch zu Lidl oder Aldi, weil es dort billiger ist, als in den britischen Supermarktketten. Und ich find’s natürlich super, German Food im Kühlschrank zu haben, weil es einfach so viel unfettiger ist, als Britisches Essen. Ich hab in den letzten Wochen mal eben so 6,35029318 Kilo abgenommen, einfach nur durch Kochen mit Lidlzeugs. Juhuuu. Aber samstags gibt’s dann doch Full English Breakfast mit Schinken, Eiern und Pilzen aus der fetttriefenden Pfanne. Dazu Hash Browns und Bohnen. Und mein britisches Lieblingsessen ist nach wie vor „Toad in the hole“ (Kröte im Loch). Das sind Würstchen, die in einen Eierteig eingebacken sind… und da drüber ganz viel gravy (Bratensoße).

Verdammt, ich hab Hunger. Merkt man’s?

1 Kommentar:

  1. wow der Hunger treibt alles rein.
    Ich hab auch vier kilo abgenommen, aber weil ich vor lauter Arbeit gar nicht mehr zum essen komm.
    Und gegen Grippe bin ich geimpft aber das Schwein hab ich weggelassen.
    Ich geh nicht nach majorka aus irgendwelchen sangriaeimern saufen und meine altenheimbewohner auch nicht. Also alles Quatsch und die Nebenwirkungen?
    Grüssel von Deiner mutta

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