Freitag, 1. Oktober 2010

Tag 527 - Auld Lang Syne

Eins hab ich gelernt.
Um in London einen Job zu finden darf man nicht vor dem Computer sitzen bleiben, um seine Bewerbungen per Mausklick auf gut Glück durch das Datennirwana zu jagen. Nein, bewerben in London heißt den Arsch auf die Straße zu bewegen. Hundert Kopien des Lebenslaufs in die Tasche packen und los geht’s. Vorbei am Trafalgar Square, entlang der Charing Cross Road in Richtung Shaftesbury Avenue. Kurzer Abstecher zur Denmark Street, dann quer durch Soho zum Picadilly Circus. Schließlich der Regent Street solange folgen, bis einige Stunden vergangen und die Tasche um etliche Bewerbungen erleichtert ist.

Das ist was ich am Samstag gemacht habe. Mit meinen schönsten Klamotten und dem nettesten Lächeln hab ich Geschäfte, Pubs, Theater und Hotels in London abgeklappert. Ich habe mit Managern gesprochen, mit Landlords, mit Rezeptionisten. Alle waren ausnahmslos freundlich und positiv, haben meine Bewerbung entgegengenommen und mir beim Abschied das Gefühl gegeben, dass sie geradezu auf meine Unterlagen gewartet hätten.

Keine Ahnung, was dabei herauskommt. In wie vielen Papierkörben mein sauber getippter Lebenslauf landen wird, ob ich wirklich angerufen werde, und ob sich tatsächlich das eine oder andere Vorstellungsgespräch ergibt. Auf jeden Fall hab ich eine tolle Erfahrung gemacht und werde noch durch viele weitere Straßen ziehen, immer bereit meinen CV zu zücken, wenn sich eine klitzekleine Chance ergibt.

Nur noch 25 Tage, dann ist meine Zeit bei den Sargnägeln vorbei. Momentan noch unvorstellbar. Ich glaube so richtig hab ich noch gar nicht realisiert, dass ich bald nicht mehr in dem chaotischen Haus wohne und von diesen kleinen Monstern auf Trab gehalten werde. Ich werde meinen Schlüssel, mein Bett und meinen Platz an ein neues Au Pair abgeben, die bestimmt genau so aufgeregt sein wird, wie ich es am Anfang war. Und dann wird sie übernehmen, und ich bin raus.
Es wird komisch werden am Anfang. Ein weiteres Mal gebe ich meine vertraute Umgebung auf, um mich in etwas Neues zu stürzen. Aber die Freude überwiegt. Ich werde mit Gawjus in ein Zimmerchen ziehen, arbeiten gehen, weiterhin England und mein Leben genießen. Mummy und die Sargnägel wohnen nicht weit weg und ich kann ihnen weiterhin eine Freundin sein. Mit dem neuen Au Pair bin ich in Kontakt und weiß jetzt schon, dass sie die perfekte Besetzung für dieses Chaos hier ist.

Übrigens ist ein neuer Sargnagel unterwegs… Der Bruder von Gawjus erwartet im November sein erstes Kind… und ich werde die AUNTIE und bin schon zum babysitten verpflichtet. Naja, Babykacke wird nach dem, was ich von den Sargnägeln aufgewischt habe, ein Klacks.

So sehr sie mich auch in den Wahnsinn getrieben haben – und das auch immer noch mit Beharrlichkeit tun – ich genieße jetzt noch die letzte Zeit mit den beiden Sargnägeln.
Letzte Woche war es noch einmal 25 Grad warm. Da sind wir querfeldein ohne Ziel einfach mal drauflos gelaufen. Drei Stunden haben die beiden ohne ein einziges Mal meckern durchgehalten. Klein Sargnagel auf dem Weg zurück erstaunt: „Ich hab heute noch gar nicht geweint!“





Ein weiteres Video ist auch in Arbeit.

Nächstes Mal mehr.

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