Montag, 13. September 2010

Tag 513 - Cold Turkey

Nach einer Woche schottischer Putzmagie ist nichts mehr wo es vorher war. Sogar eine Wand in Mummys Schlafzimmer haben die eifrigen Tanten eingerissen. Neue Wasserhähne montiert, Beete im Garten angelegt und tonnenweise Müll entsorgt. Nur mit Mühe konnte ich sie davon abhalten auch mein Au Pair Zimmer in Angriff zu nehmen. Etwas schmollend haben sie dann aber akzeptiert, dass ich mein Zimmer lieber selbst putze. Meine Wäsche wasche ich auch selber, ich bin 25. Granny warf noch einen letzten sehnsüchtigen Blick auf einen mikroskopisch großen Staubfussel unter meinem Heizkörper, gab sich dann aber geschlagen und wienerte frustriert die Außenseite meiner Zimmertür.

Ich verbrachte in dieser Woche sehr viel Zeit auf der Flucht. Hab mir die Sargnägel geschnappt und mit ihnen etwas unternommen, weil sie sowieso ständig den Putzenden und Gärtnernden in die Quere kamen. Und da wurde mir erst so richtig bewusst, was während des Tanten- und Omabesuchs mit den Kindern passiert war. Ich erkannte eindeutige Anzeichen von Suchtverhalten. Die Sargnägel waren innerhalb weniger Tage komplett zuckerabhängig geworden.
„Keine Süßigkeiten!??“ schrie Klein Sargnagel entsetzt, als er auf dem Spielplatz durch meine Picknicktasche wühlte. Groß Sargnagel fing vor Schreck an zu Hyperventilieren.
„Hey, aber guckt mal, lecker Apfel. Ist auch süß.“
Beleidigt trollten sich die Sargnägel in Richtung Spielgeräte.

Dann kam dieser kleine Junge auf den Spielplatz gewackelt. In den Händen hielt er einen riesigen Schokoladenkeks, den er sich genüsslich ins Gesicht schmierte. Die Sargnägel fielen fast vom Klettergerüst, so sehr waren sie vom Anblick des Kekses überwältigt. Im Bruchteil einer Sekunde hatten sie Freundschaft mit dem Jungen geschlossen. Klein Sargnagel bot großzügig an, den Keks für einen Moment zu halten, während sich der Kleine auf einer Strickleiter abmühte, doch der war selbst ein Kind und roch den Braten. Der Knirps hakte quasi seinen Kiefer aus, um einen demonstrativ gewaltigen Biss seines Kekses zu nehmen, direkt vor den Sargnagelnasen. Und dann geschah es. Ein fingernagelgroßes Stück Keks brach irgendwo zwischen den kleinen Milchzähnen ab und fiel auf den asphaltierten Boden. Direkt vor die Füße der Sargnägel.
Man ahnt es.
Wie ein Bündel wilder Hunde stürzten sie sich auf den Keksbrösel. Groß Sargnagel grabschte erfolgreich, und steckte das Stück unter lautem Wutgeheul ihres Bruders schnell in den Mund.
Igitt.

„Die hatte was Süßes und ich niihihihihicht!“ schluchzte der Kleine Sargnagel kurz darauf in mein linkes Ohr.
„Na dann komm mal her“, sagte grauhaarige Lady, die auf der Bank neben mir saß, und holte aus den Untiefen ihrer Handtasche ein schon etwas mitgenommenes Kaubonbon. Die Augen des Sargnagels glänzten wie Christbaumkugeln. Nachdem er das Bonbon einmal genüsslich abgeleckt hatte, lief er los um damit seine Schwester eifersüchtig zu machen. Wer Geschwister hat weiß, dass Ablecken das wirksamste Mittel ist, um den Besitz einer Süßigkeit zu sichern.
Weit kam er jedoch nicht. Noch auf dem Weg zum Karussell bekundete eine Wespe ihr Interesse an dem Kaubonbon. Klein Sargnagel wollte sich seine Beute aber um nichts in der Welt wieder hergeben, deswegen schubste er das Tier etwas unwirsch von sich weg.
Man ahnt es.
Der markerschütternde Schrei des Kleinen Sargnagels war bestimmt im ganzen Viertel zu hören. Jeder starrte das Kind an, dessen Kopf sich knallrot verfärbte. Das Wort Allergie ging durch meinen Kopf. Wespenstich in der Luftröhre. Ersticken. Sterben. Tod. Meine Schuld.
In Lichtgeschwindigkeit hatte ich mein Buch von mir geworfen, sprang von der Bank auf und rannte was das Zeug hielt zum immer noch brüllenden Sargnagel.
„Wo hat sie gestochen?“, kreischte ich, scannte mit den Augen jeden Zentimeter seines Halses und schüttelte ihn.

„Nirgends!“ schluchzte Klein Sargnagel schließlich. „Aber ich hab mein Bonbon fallen lassen, buuuuhuuuuuu!!!“

Meine Nerven!

Zuhause hab ich gleich darum gebeten, den Kindern nicht mehr so viel Zucker zu geben. Die Tanten stimmten etwas widerwillig zu, und Granny gar nicht, aber Mummy sprach dann doch ein Machtwort. Zuerst waren die Sargnägel am Boden zerstört, aber so langsam gewöhnen sie sich wieder an normale Ernährung.

Nur Groß Sargnagel holt von Zeit zu Zeit ein leeres Bonbonpapier aus ihrer Tasche und leckt seufzend daran…

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