Montag, 3. Dezember 2012

Kurzer Deutschlandtrip

Ich war für ein paar Tage auf dem Festland. Folgende Erkenntnisse haben sich mir aufertan:

- Immer wenn mir am Flughafen jemand äußerst unangenehm auffällt, dann ist diese Person bestimmt nicht nur im selben Flug wie ich, nein, sie sitzt auch ganz sicher irgendwo in der Nähe. Und ganz bestimmt sitzt hinter mir auch immer das obligatorische kreischende Kind, das gegen meinen Sitz kickt.

- Ich bin entsetzt über das deutsche nicht vorhandene Warteschlangensystem. Weil ich die Drängeltechnik nicht mehr so beherrsche war ich nicht nur die letzte Person, die das Flugzeug verließ, sondern auch noch die letzte in der Passkontrolle. Das passiert mir beim Rückflug nicht mehr, hab ich mir geschworen und mich gleich sofort vor dem Boarden schon mal in der Schlange angestellt - ich war auch nur in zwanzigster Position, dann hatte plötzlich der Flieger eine Stunde Verspätung. Und während ich mir so die Beine in den Bauch stehe - ja nicht den Platz in der Warteschlange aufgeben - da gehen endlich die Türen zum Rollfeld auf. Und oben genannte schon vorher auffällig gewordene Person kommt angelatscht und stellt sich direkt vor mich. Und sitzt nicht nur im Flieger genau vor mir, sondern auch noch im Bus von London Stansted bis Victoria. Und das obligatorische kreischende Kind kickt von hinten gegen meinen Sitz und kreischt. Unfassbar.

- Noch mehr entsetzt bin ich über all die Unhöflichkeiten, die mir in Deutschland aufgefallen sind. Ist es so schwer, einfach mal Bitte und Danke zu sagen oder die Mundwinkel links und rechts nach oben zu ziehen? Das nennt man LÄCHELN, liebe Leute. Und das Zauberwort ist nicht Abrakadabra. Sitzt der Typ da seit einer Minute im Restaurant und schnauzt die Kellnerin an "Krieg ich jetzt endlich mal die Karte?" Arsch.
Vor allem fällt mir das ganze Geschnauze auf. Alle scheinen sich ständig gegenseitig anzuschnauzen im pessimistischen Badnerländle. Ich weise eine Dame freundlich auf der Straße daraufhin, dass ihre Handtasche weit offen steht. Ich mache mir Sorgen, dass jemand etwas entwenden könnte "Des kehrt so!" ("Das gehört so!") blafft sie daraufhin nur und geht ihres Weges.

-  Ich habe mein Handy nicht fürs Ausland freischalten lassen. Bisher wusste ich auch nicht, wie sehr ich davon abhängig bin. Tagelang ohne Anrufe, Internet, Email, Fernseher war eine sehr seltsame Erfahrung für mich. An Tag 1 war ich mit anderen Dingen beschäftigt, mich machte es nur nervös, dass ich mal nicht eben dem dem Gawjus Bescheid sagen konnte, dass ich noch am Leben war. An Tag 2 kam ich doch ein wenig ins Schwitzen, weil mir dann noch auffiel, dass ich den falschen Adapterstecker eingepackt hatte und mein Telefon nichtmal aufladen konnte. Der schwarze Bildschirm starrte mich an wie ein totes Auge. Noch nie war mein Handy länger als einen Kinofilm ausgeschaltet. Wahnsinn. Es schockte mich, wie sehr es mich schockte ohne diesen kleinen Apparat klar kommen zu müssen. Ich bin ein Opfer der Technik geworden. An Tag 3 war ich dann entspannter und fand mich mit der Situation ab. Aber wieder Zuhause konnte ich das Ladekabel gar nicht schnell genug einstöpseln. Ich glaube ich sollte mich mal ein wenig abkabeln... äh... nabeln.

- Es wird schon wieder Weihnachten!! Aaaaaah! Wir haben doch eben erst den Weihnachtsbaum abgebaut... oder ist das tatsächlich schon wieder elf Monate her?

Kommentare:

  1. Ja, auch wenn man dauerhaft in Deutschland lebt, kann man sich über den rüden Umgangston und das Gedrängel immer wieder wundern.
    Die meisten Menschen machen die Tür für sich auf und lassen sie dann so los, dass der direkt hinter ihnen Laufende sie voll Karacho abbekommt.
    Wenn der Zug kommt, muss man froh sein, wenn sie überhaupt noch jemanden aussteigen lassen. Panikartig und rücksichtslos wird geschoben und geschubst. Ich halte mich nicht für besonders empfindlich, aber das stresst. Erstens ist es ansteckend und ich muss mich beherrschen, nicht genauso zu drängeln, zweitens muss man aufpassen, dass man nicht umgenietet wird.

    Da freu ich mich auch, wenn ich mal nach England fahre, dass es funktionierende Warteschlangen gibt und sich schon entschuldigt wird, wenn man jemandem zu nahe kommt. (Es sei denn, man hat mit chinesischen Touristen zu tun, aber das ist ein anderes Thema.)
    Und allein schon das Bemühen, selbst das schlechteste Englisch verstehen zu wollen, kenn ich von kaum einer anderen Nation. (Die Franzosen sind ja Spitzenreiter des Gegenteils. Und die Deutschen tun bei nicht einwand- und akzentfreiem Deutsch auch gern so, als sei die Aussage überhaupt nicht erkennbar. Oder sie beharren auf den regional "richtigen" Begriffen. Wenn man da in manchen Gegenden nach einem "Brötchen" beim Bäcker fragt, muss man nicht damit rechnen, bedient zu werden...)

    Im geschäftlichen Umgang ist es für Deutsche aber auch gewöhnungsbedürftig mit Engländern zu tun zu haben. Die Höflichkeitsformeln kann man sich ja aneignen. Aber zu merken, dass ein Engländer sich gerade beschwert, ist nicht immer leicht, da muss man schon ziemlich sensibilisiert sein und den allerkleinsten Hauch von Unterton sofort richtig interpretieren. Sonst ist der englische Geschäftspartner der Meinung, er habe seine Unzufriedenheit deutlich geäußert und der deutsche Serviceleister denkt, der Kunde ist rundum zufrieden...

    Aber um noch die Fahne fürs eigene Volk zu hissen: Immerhin gibts hier vernünftiges Brot ;-)
    Liebe Grüße
    Christine

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  2. Herrlich. Danke für diese Sichtweise von jemandem, der da nicht ständig "drinsteckt". Und die Sache mit dem Lächeln... tja.... mittlerweile habe ich das Gefühl, dass man kaum noch irgendjemanden einfach so anlächeln kann. Zumindest nicht hier in Berlin. Wirklich übel ist das in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wahlweise erntest du einen Blick, als wärst du plemplem. Lächelst/schaust (!) du die Falschen an, kommt ein "Ey, was glotzt'n so blöd?" Anderenfalls hängt dir jemand an der Backe, den du kaum mehr loswirst - klar, die Leute sind bei all der Unfreundlichkeit total ausgehungert. ;D Muss gestehen, dass ich direktem Blickkontakt mittlerweile auch ausweiche.

    Es gibt funktionierende Warteschlangen und es geht ohne Drängelei?! Das klingt so schön, dass ich weinen möchte. Nicht nur in der Vorweihnachtszeit habe ich hier das Gefühl, als würde ich permanent an der Neueröffnung irgendeines Statu*n-Markts teilnehmen. Da wird gedrängelt und geschubst, als ginge es um unglaublich fantastische Sonderangebote. Schlimm.

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  3. Aus eigener Erfahrung ist mir das von dir beschriebene Phänomen beim Wechsel von der gewohnten Umgebung in eine andere, sei es Stadt oder Land, ebenfalls bekannt. Die Gegensätze springen einem geradezu ins Auge - meistens negativ. Es hat meines Erachtens mehr mit der Entwöhnung von Kulturkreisen zu tun als mit besonders üblem Verhalten von den (uns) Einheimischen (ich möchte mich nicht ausnehmen). Was spricht dagegen, als Letzte das Flugzeug oder die Zollkontrolle zu verlassen? Ich habe mir dies des Öfteren erlaubt und fand es angenehm, manchmal sogar witzig. Neulich im Gletscherexpress Pitztal, der bis auf den letzten Stehplatz dicht besetzt wird, meinte zwei junge Männer pikiert zu mir: "hier hat es keine Platz mehr". Die Antwort ständig nachrückender Fahrgäste war: "wohl noch nie in einer U-Bahn in Paris gewesen oder in Japan?" Wir hatten alle köstlichen Spaß und es wurde viel gelacht, obwohl wir wie die Ölsardinen zusammengedrängt waren.
    Als ich nach einem Trip in den wilden Süden wieder nach Berlin zurückkam und als Erstes den schnauzenden Busfahrer im knappen Berliner Slang erlebte, fühlte ich freudig erregt- ja, ich bin wieder Zuhause in Berlin; den Ton kenn ich.
    In einer schnelllebigen Stadt geht es zwangsläufig rauher zu als auf dem Lande, wo sich auch Unbekannte auf der Straße oder in der Natur grüßen.
    Das macht nun mal den Reiz oder die Abscheu der Gegensätze aus.
    In diesem Sinne grüßt
    Ulla

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