Donnerstag, 7. Mai 2009

Tag 19 - Ich brauch neue Schuhe!

Schon seit Berlin bin ich mit meinen (damals brandneuen) Sneakers auf Kriegsfuß (Haha, Kalauer!), weil sie nicht dem Großstadtlaufstandard gewachsen sind. Damals vier Tage Berlin, und heute kam noch ein Tag London City dazu.

Yeah! Ich war in der Stadt!

Ich bin fast übergeschnappt vor Aufregung, als ich heute Morgen im Zug saß. Zur Ablenkung hab ich die Menschen beobachtet, die auf der Fahrt zugestiegen sind. Anfangs waren nur Hackfressen anwesend, die glupschäugig in ihre Zeitungen starrten, aber von Station zu Station wurden die Menschen sichtlich schöner.

Nach 30 Minuten war ich am vorläufigen Ziel: Tower Bridge

Wow.

Ich glaube das war eines der unwirklichsten Gefühle in meinem Leben. Tausend Mal hab ich Bilder davon gesehen. Aber plötzlich davor zu stehen… umwerfend. Diese ganze Szene… die alten Türme und die modernen Bürogebäude miteinander… ich war hin und weg.







Nur die Uhrzeit konnte mich endlich losreißen, bevor ich noch weitere eine Million Bilder geknipst hätte. Es war schon nach zehn und ich wollte um halb zwölf bei der Wachablöse am Buckingham Palace sein. Und natürlich hatte ich keine Ahnung, wo der war…

Folgendes: Ich bin Touristenhasser.

Ich hasse dieses drängelnde, schubsende, aufgeblasene, großkotzige, weltbewanderte, geldausgebende, stromschwimmende Touristenpack. Diese Leute, die kein bisschen Anstand haben, wenn sie sich in einem fremden Land aufhalten. Die sich null anpassen können und sich nicht einmal bemühen, wenigstens die einfachsten Floskeln in der Landessprache zu lernen. Diejenigen, die sämtliche Sehenswürdigkeiten für den Diaabend des „Klub der Intellektuellen“ abfotografieren mit ihren riesigen Spiegelreflex-Canons, aber nicht das kleinste Interesse für die Leute des Landes und ihre Gepflogenheiten aufbringen. Sondern sich vielmehr auch noch darüber beschweren, dass sie niemand verstanden hat, und es im Hotel immer nur landestypisches Essen gab. Was eine Frechheit.

Huh, ja, ich krieg mich ja schon wieder ein.

So war es für mich heute sehr wichtig, mich so gut wie möglich von meinen verhassten Touristen zu distanzieren. Dazu ist die äußere Erscheinung sehr wichtig.

Wenn man sofort auf den ersten Blick als Tourist geoutet werden will, braucht man nur eine der folgenden Sachen zu tragen:

-> Regenjacke (okay, wir sind in London… aber es hat seit zwei Wochen über 20 Grad und ist heiter bis bewölkt)
-> Rucksack (je größer, desto touristischer)
-> Kurze Hose und Karohemden
-> Den obligatorisch um die Hüfte gebundene Pullover
-> Festes Schuhwerk (ungefähr für die Besteigung des Mount Everest)
-> Verspiegelte Sonnenbrillen mit dunkelblauen Plastikrahmen
-> Fotoapparate (von Wegwerfkamera bis Canon, bevorzugt um den Hals)
-> I Herz London T-Shirts
-> Brustbeutel (Das hatte ich in der 5. Klasse für meine Busfahrkarte)
-> Hüftbeutel (trägt auf wie Sau)
-> Reiseführer + Stadtplan

Ich hatte NICHTS davon. Und wenn jetzt jemand brüllt: „Aber die Kamera! Du hattest eine Kamera!“, muss ich gleich Gegenargumentieren, dass ich meine Bilder ausnahmslos so ganz beiläufig mit dem Handy aufnehme.

Ja, meine Anti-Tourist-Verkleidung war so gut, dass ich ständig nach dem Weg gefragt wurde. Hey, sogar in zwei Fällen konnte ich weiterhelfen.

Nicht so gut war, dass ich vor lauter „Ich bin kein doofer Tourist“ nicht nur den Reiseführer, sondern auch die Straßenkarte Zuhause gelassen habe. Und ich glaube es ist nicht schlecht geschätzt, dass ich heute den ganzen Tag zu 86% keine Ahnung hatte, wo ich eigentlich gerade hinlief. Immer mal wieder kam ich an U-Bahn-Stationen vorbei und hab anhand des Liniennetzplans verglichen, wo ich gerade bin. Oder es war purer Instinkt. Als ich von der Tower Bridge zum Buckingham Palace finden wollte, hab ich mich hoffnungslos verfranst und war plötzlich in Waterloo. Auch nicht schlecht, da wollte ich sowieso hin. Obwohl mir kein Grund eingefallen ist, warum. Vielleicht um später mal erzählen zu können „Jaja, damals, in Waterloo…“ Hört sich gut an. Hat was von Dagobert Duck, der seinen Neffen immer von „Damals, in der Klondike“ erzählt. Nun gut, erst später Zuhause sollte ich rausfinden, dass Napoleons Schlacht bei Waterloo nicht in England, sondern in der gleichnamigen Stadt in Belgien stattgefunden hat. Soviel zum historischen Hintergrundwissen. Hätt ich nur mal meinen Reiseführer… lassen wir das.

Waterloo


Was sehr cool ist, wenn man planlos durch London irrt: Manche Sachen erscheinen aus dem Nichts.

In der einen Minute noch hoffnungslos verloren… in der nächsten Minute prallt man mit der Nase fast gegen das London Eye. Hey, in die Richtung wollte ich ja! Ich bin aber zügig an diesem 135 Meter Monster Riesenrad vorbeigelaufen, weil sich die Menschenmassen dort gedrängt haben.





Weiter über die Westminster Bridge. Ach, dort ist also Big Ben. Und wieder war ich fasziniert und konnte es kaum glauben, wirklich dort zu sein.





Zu dem Zeitpunkt hatte ich nur noch fünf Minuten Zeit bis zur Wachablöse. Jetzt aber flott! Ich hatte mir vom Plan noch gemerkt, dass man nach der Westminster Bridge nur geradeaus laufen muss um zum Buckingham Palace zu gelangen. Im Stechschritt hab ich die schlendernden Touristen überholt, kurzer Sprint am St. James’s Park (den schreibt man wirklich so!) vorbei und dort war er… der Palast. Aber how shocking! Menschenmassen! Touristeninvasion! Es war so voll, dass es nicht einmal mehr erlaubt war, die Straße bis zum Palast zu überqueren.



Nun gut, kurzes Erinnerungsfoto und ich bin langsam durch den Park zurückgeschlendert und hab mir überlegt, was ich als Nächstes anstellen könnte.

Mal wieder aus dem Nichts stand ich mitten auf dem Trafalgar Square.





Hey super, hab ich gedacht… den Platz allerdings links liegen lassen (im wahrsten Sinne des Wortes), weil ich plötzlich eine Idee hatte.

Ich hab eine kleine diskrete Kopfliste mit dem Titel: „Sachen, die ich unbedingt noch machen muss bevor ich sterbe“, die ich so nebenher in irgendeiner leeren Gehirnzelle mit mir spazieren führe… aber heute ist mir bewusst geworden, dass ich eines in London doch erledigen könnte.

Außerdem konnte ich meine Mission dazu nutzen, die Anwendung der Londoner Underground zu lernen. Eigentlich ist es ganz einfach, wenn man nicht gerade farbenblind ist. Jede Strecke hat eine andere Farbe. Leider ist das Netz so seltsam, dass man manchmal für ein paar wenige Meilen ein- bis zweimal umsteigen muss. Aber wenn man den Bogen raus hat, macht es sogar Spaß, sich die geschickteste Strecke zusammen zu schustern.



Ich musste nur einmal von blau in gelb umsteigen, dann war ich in Kensington. Wow, total untouristisch, total unhektisch und irgendwie total schön.



Hm, und ich suchte etwas. Leider hatte ich den Straßennamen vergessen, was es doch etwas beschwerlich machte. Und ich hatte nur einmal auf der Karte gesehen, in welchem Gebiet es ungefähr lag. Zwischen den U-Bahn-Stationen Kensington High Street und Gloucester Road. In der Mitte links. Vage. Sehr vage. Ich bin jede Straße in diesem Stadtteil abgelaufen. Mit dem festen Willen, es zu finden. Eine total unwichtige Mission für die Menschheit, aber eine verdammt wichtige Sache für mich.

Ich musste dieses Haus mit der grünen Tür finden! Nein, nicht aus dem Film Notting Hill. Das liegt zwar nur um die Ecke von Kensington, aber da geht es um eine blaue Tür. Meine ist grün!

Fast zwei Stunden später in irgendeiner Straße. Ich hab mit dem Gedanken gespielt aufzugeben und an einem anderen Tag wiederzukommen, aber mein verdammter Wille hat mich nicht in Ruhe gelassen. Hunger, Durst, muss aufs Klo… EGAL. Und wenn mir die Füße abfaulen würden, ich fände dieses Haus!

Und für London typisch, nach einer weiteren Stunde stand es plötzlich vor mir, als hätte es sich eben erst dort hingestellt.

Ich hatte damit gerechnet, dass dort keine Blumen liegen würden. Aber es war wirklich nur auf sehr armselige Art und Weise zu erkennen, worum es sich bei diesem Gebäude handelte. Schade. Und trotzdem war es ein großartiges Gefühl dort zu stehen. Noch großartiger als Tower Bridge und Big Ben zusammen. Und ich bin froh, dass ich alleine dort war, weil es wahrscheinlich nur schwer nachzuvollziehen ist, welche Bedeutung dieses Erlebnis für mich hat.

Kann jemand erraten, wessen Haus ich heute Nachmittag besucht habe?







Danach konnte ich endlich wieder meinen natürlichen Bedürfnissen folgen und war auf einen Frappuchino bei Starbucks. Ich wusste ja, dass ich ab sofort süchtig nach dem Stoff bin. Caramel, Mocca, Coffee hab ich jetzt durch. Caramel war nach wie vor der Beste. Morgen kommt Schokolade. Interessiert das eigentlich jemanden?

Weiter im Text. Während ich so saß und nippte, hab ich den Liniennetzplan studiert und überlegt, wohin ich als Nächstes fahren könnte. Hah, warum nicht Oxford Circus?



Es war Rush Hour als ich dort ankam. Menschenmassen wälzten sich durch die Regent Street, beladen mit Shopping-Taschen und Tüten. Und dachte ich, die Menschen würden auf der Fahrt zur London Bridge immer schöner werden… hier waren sie ausnahmslos wunderschön! Keine Hackfresse weit und breit. Nur Püppchen und Diven und Trendguys und Szeneleute. Ich konnte mich kaum sattgucken. Aber Stehenbleiben war schwierig, man wurde immer schön mit dem Strom durch die Gassen geschoben.





Oxford Circus war mir irgendwann zu anstrengend und ich hab mir die nächste Tube gesucht und bin auf gut Glück mal bei der Charing Cross Station ausgestiegen. Oh, Überraschung, schon wieder zurück am Trafalgar Square. Und eigentlich wollte ich keinen Meter mehr laufen, sondern heimfahren, bin aber wieder einfach drauflos gestürmt… planlos… in irgendeine Richtung. In die Richtige, wie sich kurze Zeit später herausstellte. Ich landete auf einer schmalen Brücke auf der Themse mit Blick auf die Westminster Bridge. Auf der anderen Seite müsste Waterloo sein, dachte ich mir.



Vom riesigen Bahnhof Waterloo bin ich dann in einem total überfüllten Zug wieder nach Hause gefahren. Ich stand wie eine Sardine zwischen den anderen eingepfercht. In meiner Linie waren natürlich wieder die vertrauten Hackfressen.



Verdammt, meine Füße. So um acht Uhr bin ich in Sidcup angekommen und wollte sterben. Die letzten Meter vom Bahnhof waren echt problematisch. Neue Schuhe müssen her. Aber keine Touristen-Erstbesteigungs-Stiefel!

So, morgen ist wieder Schule. Ich glaub die Hausaufgaben muss ich im Bus machen, ich will grade nur noch ins Bett. Haha. Schule. Hausaufgaben. Und ich dachte, ich sei schon seit Jahren ausgeschult. Aber der Unterricht macht Spaß und ist total locker. Davon beim nächsten Mal mehr.

Kommentare:

  1. I know, I know!! It's Freddie's home, isn't it??

    So busy day, huh^^ I'm jealous, I want London, too.
    But soon enough I will also be there. With you! Sooooo looking forward to it!! =)
    Survived my last Wednesday. Yay!! Only four more work days. I can't believe it!!
    Ok, we need to skype again. I have the weekend off and every day after next Tuesday, so tell me if and when you are available.
    xoxo Jana

    PS: I decided to write all of my comments in English now since you live in England to improve it. xD

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  2. Well done! You're right! :-)
    I'm looking forward to June, too! Hey, only two more days for you now!!
    See you later!

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