Montag, 28. September 2009

Tag 164 - Hey Mr. Tambourine Man

Eines der krassesten Vorurteile der Briten gegenüber den Deutschen ist David Hasselhoff. Wirklich jeder hat mich bisher gefragt, warum dieser Alkomat in Deutschland so beliebt ist. War es Knight Rider? Baywatch? Seine… äh… Musik? Ich kann mich erinnern, dass er eine Zeit lang immer auf der Titelseite der BRAVO war und meine Mitschüler ihn David Haselnuss nannten. Muss so Mitte 90er gewesen sein. War glaub gerade aus der Grundschule raus. Aber warum haben alle über ihn geredet?

Momentan sitzt er ja in der Jury von America’s got Talent. Wobei die Tatsache, dass ich das weiß, so ein bisschen das Vorurteil bestätigt. Verdammt!

Okay, dass alles rund läuft ist dann doch nicht ganz so richtig. Gelegentlich eiert mein Leben hier ein wenig, was aber der Aupair-Job einfach mit sich bringt. 24/7 mit Kindern zusammenleben ist Nervenprobe. Manchmal so sehr, dass ich schon mal gegoogelt hab, in welchem Alter ich mir die Eierstöcke abbinden lassen darf: Nur noch fünfeinhalb Jahre.


Jeden Tag lassen sich die kleinen Teufel etwas Neues einfallen. Ein friedliches und durchstrukturiertes Leben? Wie langweilig ist das denn? Und immer wenn man denkt, alles läuft prima, dann machen sie plötzlich Schwierigkeiten. Zum Beispiel wacht der Kleine morgens auf und beschließt einfach, nicht mehr in die Schule zu wollen. Dabei war in den Wochen vorher alles prima. Morgens rannte er als einer der Ersten durch das Tor und wenn ich ihn abholte, dann konnte er sich kaum trennen.

Und dann steht man da und ist plötzlich in einen auslaugenden Kampf verwickelt, in dem man sowieso von Anfang an als Sieger dasteht. Kind, ICH sitze am Hebel! Und Kind weiß das eigentlich, hat aber gerade einfach Lust auf Ärger. Eine gefühlte Ewigkeit später: Kind rennt glücklich durch das Schultor als wäre nicht gewesen. Ich dagegen fühle mich müde. Schrecklich müde.

Aupairbeben sind kurze aber heftige Gewitter, die sich auf die Kinder entladen, wenn sie den Bogen überspannen. Mein Geduldsfaden fängt morgens nach dem Aufwachen recht dünn an, wird aber je nach Menge des Kaffees am Morgen und Vormittag ziemlich dick und hält so auch meistens den ganzen Nachmittag bis zum Abendessen. Danach wird es schon ein wenig faseriger, geht aber gut bis die Kinder ins Bett gepackt sind. Mein Faden stellt sich dann auf Ruhe ein. Wird ihm diese nicht gegönnt, dann muss er leider reißen. Die häufigsten Aupairbeben gibt es demnach früh am Morgen oder abends.

Letzter Anlass war der kleine sture Junge, der mir nach dem Aufstehen ganze zehn Minuten ohne Pause ins Ohr brüllte „I wanna watch TV! I wanna watch TV! I wanna watch TV!“

Ich hasse cholerische Menschen, und als ein solcher würde ich mich auch nicht bezeichnen. Aber ich kann mir nicht mehr alles gefallen lassen. Und da ich nicht unfair werde, kommen die Kids auch ganz gut klar damit, wenn ich am Toben bin. Sobald ich abebbe, suchen wir zusammen systematisch nach einer Lösung des Problems, und siehe da, plötzlich wird kooperiert. Wenn es ganz doll war, finde ich kurze Zeit später kleine Sorry-Briefchen auf meinem Bett und „You are the best Opar in the world“-Zettel.

Wirklich anstrengend, sind die Kleinigkeiten jeden Tag. Verweigerungen und Zornanfälle (jaja, die lieben Vierjährigen). Auch das Bettnässen, arrgh, und das Chaos, das die Zwerge wirklich überall hinterlassen. Obwohl sie da auch ein wenig von der Mutter geprägt sind. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der so chaotisch ist, wie Mummy. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft sie am Tag ihre Autoschlüssel sucht. Manchmal verschwinden Gegenstände, um dann mysteriös an komplett anderen Stellen wieder aufzutauchen. Ich sag nur, Rasierer auf der Mikrowelle.

Manchmal komm ich vom College heim und denke Einbrecher seien hier gewesen, weil alle Schubladen ausgekippt sind. Aber nee, es war Mummy, die an zehn Stellen gleichzeitig anfangen wollte aufzuräumen, dann aber keine Motivation mehr hatte und es auf den nächsten Tag verschob.

Jedes Mal wenn sie einkaufen geht, bringt sie einen Kohlkopf mit um Kohlsuppe daraus zu kochen. Jedes Mal! Und jedes Mal finde ich den vertrockneten oder verschimmelten Kohl im Kühlschrank und werfe ihn weg. Kein Witz, aber in den letzten fünf Monaten hab ich bestimmt schon zwanzig Kohlköpfe weggeschmissen. Und trotzdem liegt immer wieder ein Neuer da. Ich glaube der Griff ins Kohlkopfregal im Supermarkt ist schon zu sehr Routine. Ich koch jedenfalls keine Suppe draus, ich kann das nicht riechen.

Ausgehen mit der Family ist auch anstrengend.

„Okay, es geht los, alle ins Auto!“, ruft Mummy dann immer… hat aber den Schlafanzug noch an. Das heißt, es dauert minimum eine halbe Stunde bis sie umgezogen, gewaschen und geschminkt ist. Ich setze mich mit den Kindern ganz langsam ins Auto, schnalle sie an und wir spielen „I spy with my little eye“
„Wir gehen!“, ruft Mummy dann und schüttet Milch über ihr Müsli. Mit der anderen Hand mischt sie ein wenig Banane mit Joghurt für die Kinder. Ich packe die Kinder wieder aus dem Auto, sie essen ihren Joghurt.
„Alles klar, los geht’s!“, ruft Mummy dann und ich lasse die Kinder wieder ins Auto klettern, schnalle sie an, schlichte Streit.
Wo bleibt Mummy? Sie hat gerade den Wasserkessel angeschaltet und macht sich einen Tee.
Die Kinder werden ein wenig zappelig.
Mummy hat ihren Tee leergetrunken und schwenkt die Tasse in der Spüle aus.
„Sorry! Sorry!“, ruft sie, lässt sich auf den Fahrersitz fallen und sortiert ihre Haare im Rückspiegel.
„Ich muss aufs Klo!“, kräht die Große. Ich schnalle mich wieder ab, steige aus, öffne die hintere Tür, lasse das Mädel aussteigen. Schließe die Haustür auf.
„Mir ist kalt! Ich brauch eine Jacke!“, brüllt der Kleine, ist auch schon über den Beifahrersitz geklettert und rennt seiner Schwester hinterher.
Oben höre ich sie nach zwei Sekunden aufs übelste streiten. Stampfe die Treppe hinauf und schimpfe.
Die Kinder sind fertig, ich lasse sie wieder ins Auto einsteigen.
Mummy ist verschwunden.
Ich schließe die Haustür wieder auf und rufe.
Mummy ist im Garten und hängt Wäsche ab.
Schließlich sitzt sie wieder auf dem Fahrersitz und sortiert noch einmal ihre Haare im Rückspiegel.
„Alle fertig?“
Ich brumme nur zustimmend und warte auf das Anlassgeräusch.
Nichts passiert.
„Wo ist der Autoschlüssel?“ Mummy schaut suchend hin und her, öffnet und schließt das Handschuhfach vor meinen Knien, durchsucht die Ablagen. „Bestimmt auf dem Tisch.“
Mummy schnallt sich ab, steigt aus, schließt die Haustür auf.
Ich sehe den Autoschlüssel auf dem Fahrersitz. Sie saß drauf.
Ich schnalle mich ab, steige aus, rufe Mummy von der Haustür aus.
Sie suche nur noch eben ihre Sonnenbrille, ruft Mummy.
Ich seufze, drehe mich um und renne fast den Kleinen über den Haufen, der wieder über den Beifahrersitz geklettert ist.
Kind wieder verstaut, Mummy ist fertig.
Alle sind angeschnallt, fertig zur Abfahrt.
Mummy dreht den Schlüssel im Zündschloss.

KLICK

Autobatterie leer.
Ich fühle mich müde. Sehr müde.

Es ist keine Übertreibung. Murphy’s Law wurde extra für Mummy erfunden und jedes Mal wenn ich etwas mit ihr und den Kindern vorhabe, geht etwas schief. Ich lass mich nicht stressen davon und seh es eher von der lustigen Seite. Gut, manchmal kann es dann doch in den Wahnsinn treiben.

Ich hab dafür wundervolle Wochenenden! Am Samstag war ich bei meinem Lieblingsmusiker Allan zu einem Barbecue mit anschließender Jam-Session eingeladen. Es war so entspannend. sechs Gitarren, ein Klavier, ein Bass, jede Menge Trommeln und Tambourins… jeder machte mit. Sogar Allans Mutter. Sie ist die coolste Omi, die ich je getroffen habe. 80 Jahre ist sie alt. Sie trug eine Sonnenbrille und eine quietschrote Jacke, die mit der giftgrünen Perlenkette richtig fetzte. Chloe klopfte ihren schwarzen Gehstock im Takt auf den Boden und sang mit ihrem dünnen Stimmchen alle Songs mit. Irgendwann stimmte jemand „Amazing Grace“ an, wusste aber den Text nicht richtig. So kam Chloe auch noch zu ihrem Soloauftritt und es war absolut herzallerliebst, wie sie da an das Sofa gelehnt stand und sang.


Wehe, jemand lacht! Aber ich spielte das/den/die Tambourin so gut, dass ich demnächst bei einer Acoustic Night im Pub mit auf die Bühne soll. Hey, besser als Triangel!

Allan spielt wunderbaren Reggae, siehe Video…

video

Man sieht zwar nichts, war zu dunkel, aber es hört sich klasse an.

Wir haben stundenlang gejammt. Niemand war betrunken, keine Drogen, einfach nur Musik.

Ich hatte eine Übernachtungsmöglichkeit bei Special Freak Friends und zusammen liefen wir schließlich nach Hause. Eigentlich wollten wir ein Taxi rufen, weil es doch eine gute Stunde Fußmarsch war, aber die Nacht war zu schön. Sternenklar und richtig spätsommerlich mild. Und während wir so liefen, fiel uns unter einer Laterne ein Bündel bedrucktes Papier auf dem Gehweg auf. Fünfzig Pfund! Zwei Zwanziger und ein Zehner.

Behalten oder nicht behalten, das war die Frage. Aber was hätte man machen sollen? Zur Polizei bringen, die das dann sowieso selbst einstecken? Und nach einigem Hin und Her beschlossen wir, ohne schlechtes Gewissen ein gigantisches Stück Fleisch und eine teure Flasche Wein davon zu kaufen und am nächsten Tag einen Sonntagsbraten zu machen. Mit Röstkartoffeln und Yorkshire Pudding und frittierten Zuckerrüben. Und Bratensoße! Wenn das Glück schon vor einem liegt, dann sollte man es auch aufheben.

Gesagt getan, wir hatten einen herrlichen Sunday Roast und somit gelungenen Abschluss für das Wochenende.


Heute können sie mich ruhig alle wieder stressen. Mir geht’s gut.

Nachtrag: Am darauf folgenden Wochenende hörte ich zufällig ein Gespräch zwischen Barbecue-Gastgeber Allan und einem der Gäste, Marc. Es ging darum, dass Marc anscheinend in dieser Nacht Geld verloren hatte, das er in der hinteren Hosentasche aufbewahrte. Konnte das...? Ich mischte mich kurzerhand ein und fragte nach dem Betrag. 50 Pfund... zwei Zwanziger, ein Zehner.
Ich wusste, dass Marc nicht lange vor uns losgegangen war, und diese Straßenecke auf seinem Weg lag. Kein Zweifel also.
Selbstverständlich haben wir ihm die 50£ zurückgegeben und die Sache erklärt. Den Braten haben wir jetzt also doch selbst bezahlt. Marc konnte sein Glück nicht fassen und hat sofort einen Teil des Geldes in Drinks für uns alle verflüssigt. So waren alle mehr als zufrieden :-)

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