Sonntag, 4. August 2013

Alles nur geklaut

Wir leben in einer ziemlich guten Gegend. Weit genug von London entfernt, so dass die Mietpreise nicht ganz so sehr weh tun, aber dann doch wieder nah genug, damit man kurz mal mit Bus und Bahn in die Innenstadt düsen kann.
Ich mag unsere Stadt. Großer Park, super Einkaufsmöglichkeiten, Fußgängerzone.... ah, das Stichwort für ein neues motivierendes Zitatbildchen...

Ich wohne gerne hier und fühle mich auch sehr sicher. (Wenn man sich nicht gerade Nachts alleine in der schmalen Gasse neben dem Kino herumtreibt, wo vor zwei, drei Jahren jemand erstochen wurde und auch kürzlich einer der Railway Children ausgeraubt (er hatte aber nur zwei Zigaretten dabei) Und dass man nicht in den Park geht wenn es dunkel ist, gehört wohl auch zum Alltagsverstand)

Aber unsere Straße, ja? Wunderschön. Eine von hohen Eichenbäumen umsäumte Allee mit großen viktorianischen Häusern. Geschotterte Einfahrten (DAS Wohlstandssymbol überhaupt), gepflegte Gärten, Pools, gute Aussicht runter ins Tal, schicke Autos, hübsche Menschen.

Warum WIR dort wohnen? Naja, wir haben etwas Glück gehabt. Die Geschichte unserer Wohnung unter dem Dach habe ich ja damals hier aufgeschrieben. 

Wir haben sogar Nachbarn, die wir beim Namen kennen! Unter uns wohnt ein etwas durchgeknalltes, aber nettes walisisches Ehepaar mit Kleinkind und ganz unten in der riesigen Deluxe-Wohnung leben drei recht gut aussehende Herrn in den Mittdreißigern, deren Namen alle mit J anfangen, und die ihren riesigen Keller zum Männertraum ausgebaut haben. Billiard-Tisch, Kicker, Spielautomaten, Plattensammlung, rote Samtsofas. Das weiß ich, weil wir bei "Triple J" zur megamäßig abgefahrenen Einweihungsparty eingeladen waren. Die durchgeknallte walisische Nachbarin und ich haben es wohl etwas zu sehr krachen lassen und sind seither nicht mehr eingeladen worden. Aber das war total nicht meine Schuld. Soll ich die Geschichte erzählen? Eigentlich wollte ich etwas anderes erzählen, das mehr zum Titel passt, denn geklaut haben wir nichts. Aber egal.

Die Einladung von JJJ flatterte ins Haus. Ich hatte mir schon Wochen vorher den Hals verrenkt, weil ich es nicht glauben konnte, dass da wirklich drei alleinstehende Typen in die Wohnung der guten alten Betty eingezogen waren. Im Wohngemeinschafts-Alter sind sie eigentlich nicht mehr. Aber dann, englische Mietpreise, warum auch nicht?

Der Gawjus musste arbeiten und so ganz alleine wollte ich nicht, deswegen habe ich mal bei den Walisern angeklingelt. Und es endete damit, dass die durchgeknallte Beth und ich ein paar Sixpacks Bier schnappten und uns eine Treppe weiter nach unten begaben. Ach, wie liebenswürdig die drei doch waren. Ein Fitness-Trainer, ein irgendwas mit Online-Poker-Spieler, und ein... habs vergessen. Irgendwas Cooles. Es gab gegrillte Hamburger und wir lernten Triple J's Eltern kennen. Und dann war da sogar noch ein Ehepaar, die ihr deutsches Aupair mitgebracht hatten. Sachen gibt's. Erstmal Sargnagelgeschichten ausgetauscht. Und schon waren ein paar Stunden vergangen, und anständige Menschen hätten sich wahrscheinlich so langsam verabschiedet. Nicht Beth und ich. Wir waren etwas angeschwippst.
Immer mehr Leute kamen und wir mischten uns unter die Gäste, als wenn wir die JJJs schon ewig kennen würden. Ein DJ legte in einem der Schlafzimmer auf, und wir tanzten. Und dann ging es los. Beth merkte plötzlich, dass der DJ direkt unter ihrem Kinderzimmer die Beats hämmern ließ. Ich war schon zu betrunken zum tanzen und beobachtete die durchgeknallte Waliserin, die wild mit allen Gliedmaßen zappelte, dann plötzlich die Tatsache mit dem Kinderzimmer bemerkte und den DJ bekniete, doch bitte die Musik leise zu drehen. Dann tanzte sie wieder, dann flehte sie wieder um Ruhe und dann tanzte sie wieder. Ich fand es lustig.

Ein paar weitere Stunden später fühlten wir uns wie Zuhause. Öffneten Weinflaschen, die in der Küche herumstanden und tranken noch mehr. Wir gingen einfach nicht nach Hause. Im Nachhinein schäme ich mich dafür. Aber dann denke ich, dass sich Triple J bestimmt nichts dabei gedacht haben. Die waren doch sicher selbst knülle.

Auf jeden Fall, wir hatten einen Mordsspaß. Beth und ich tranken auf ewige nie endende Freundschaft und all den Stuß, den man so sagt, wenn man glücklich volltrunken ist, und waren schließlich etwas traurig, als der Gawjus uns abholte.

Wir verfrachteten Beth in ihre eigene Wohnung und das wäre es wohl gewesen. Doch anstatt ins Bett zu gehen, rief die sturzbesoffene Waliserin die Polizei wegen Lärmbelästigung. Und das, kann ich mir vorstellen, kam bei den JJJs wohl doch nicht so ganz gut an. Schlimmer noch, ich sollte das erst in der darauffolgenden Woche herausfinden, als die Polizei wieder weg war, ging Beth wieder runter und lud Triple J kurzerhand in ihr eigenes eheliches Schlafzimmer ein, um sich von der Lärmbelästigung ein eigenes Bild zu machen. Das wiederum fand der von der Deckenbeleuchtung aus dem Schlaf gerissene walisische Ehemann überhaupt nicht gut. Und das Kind war mittlerweile auch schon aufgewacht und starrte mit zitternder Unterlippe die drei fremden Onkels an, die da um Mummys und Daddys Bett herum standen.

Obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon im Land der Träume war, fremdschäme ich mich ein wenig. Ich musste am nächsten Morgen meine Jacke und Schuhe abholen, die ich bei den JJJs vergessen hatte, und fühlte mich wie ein Eindringling. Seither habe ich kaum etwas von den Dreien gesehen. Nur Beth geht regelmäßig runter und beschwert sich über den Lärm. Ich glaube so etwas wie ein Schamgefühl gibt es in Wales nicht.

Aber es war eine verdammt gute Party. 

Kommentare:

  1. Herrliche Story, man kann es sich bildlich vorstellen ;-) Kriegen die JJJs denn auch regelmäßig Besuch von (mindestens) drei jungen Damen, oder sind die mehr... äh... mit sich selbst beschäftigt?

    Ansonsten bin ich aber etwas enttäuscht. Ich dachte immer, hier schreibt eine waschechte Wahl-Londonerin. Mittlerweile beschleicht mich aber der Verdacht, dass du gar nicht in London wohnst, sondern irgendwo jottwedeh. Das ist Etikettenfälschung :)

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  2. Tut mir leid, dass ich hier falsche Tatsachen vorspiegle, nur damit die Alliteration im Titel funktioniert :-(
    Aber, die gute Nachricht ist: Ich lebe in London. Doch, echt, tatsächlich. Natürlich nicht in der Innenstadt. Das kann sich ja niemand leisten außer der Queen und dem Primeminister. Aber unsere Stadt ist ein Außenbezirk und trägt vor dem Ortsnamen den Titel LONDON BOROUGH OF...
    Und ich kann von hier aus den Shard sehen. Obwohl man das vom Weltall bestimmt auch kann :-)

    Na, überzeugt?

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