Sonntag, 29. Januar 2012

Unser Boris, der haut sie alle um...



Den Typen hier mit den wirren blonden Haaren habe ich kürzlich in meiner Mittagspause mitten in der High Street getroffen. Das ist Boris. Der Bürgermeister von London. Und was soll ich sagen, der Kerl ist klasse. Er sieht immer aus, als wäre er gerade erst aufgestanden. Seine Gedankengänge finde ich ziemlich nachvollziehbar, und irgendwie normalbürgerlich. Und dadurch, dass er generell immer das sagt, was er gerade denkt, tritt er ständig wieder in irgendwelche politischen Fettnäpfchen.

Bei den Londonern ist er aber trotzdem beliebt. Wie er auf seinem Fahrrädchen durch die Straßen düst, und sogar mal das eine oder andere Leben rettet. Wie er sich vor laufender Kamera aus seinem eigenen Haus ausschließt. Wie er bei einer Folge der englischen "Lindenstraße" auftaucht. Geniale Wahlstrategie oder einfach hoffnungslos abgedreht?

Ich und Politik, das sind ja eigentlich zwei Dinge, die nicht zusammenpassen. Schwarz-gelb, rot-grün, blau-weiß, grünrosagestreift, für mich ergibt das alles nur trübe Suppe. Ist doch wurscht, wer der Anführer ist. Die Steuern senkt ja sowieso keiner mehr. Und wer will eigentlich die Milliardenlöcher stopfen? Und wann? Finanzkrise? Globale Erwärmung? Stuttgart 21? Warum senden wir Soldaten ins Ausland zum Krieg machen? Wäre überhaupt Krieg, wenn niemand mitmachen würde? Warum verdient ein Fußballspieler 50.000 Euro am Tag und ein Krankenpfleger nur etwa 10.000 im Jahr?

Ich verstehe es nicht. Mir fehlt die Lust dazu, es zu verstehen. Ich habe auch ehrlich gesagt keine Zeit dazu, es zu verstehen. Ich bin zu beschäftigt mein Leben zu genießen. So. Nehmt das, ihr Politiker. Ich habe mich entpolitikt. Ihr seid mir egal. Die Steuern sind mir egal. Denn das was zählt, das werdet ihr mir nicht wegnehmen. Meinen Spaß!

Aber weiter so, Boris.

Samstag, 31. Dezember 2011

Jahresrückblick

Dieses Jahr habe ich England von einer ganz anderen Seite kennen gelernt. Die Magie ist nicht verschwunden, aber sie hat sich verändert. Ich lebe jetzt hier. Ich gehöre zu den Menschen, die ich zu Beginn fasziniert und bewundernd angestarrt habe. Die Stadt, die mir vor zweieinhalb Jahren wie ein fremder Planet erschienen war, ist jetzt mein Wohnort. Die Wohnung unter dem Dach mein Zuhause. Einige der verrückten Freaks aus dem Pub, den ich an Tag 9 betreten und seither quasi nicht mehr verlassen habe, nenne ich meine Freunde. Morgens am Bahnhof bin ich kein Tourist mehr, voller Vorfreude auf dem Weg in die Stadt, ich bin einer der Berufspendler, die sich die Zeitung unter den Arm klemmen und mit kritischem Blick die Zugverspätungen auf der Anzeigetafel studieren.

Ich bin angekommen. Meine Vision hat sich verändert. Ich sehe plötzlich den Dreck in der Straße. Die Risse in den Hauswänden. Ich kann plötzlich die Menschen, denen ich begegne anhand ihrer optischen und charakterischen Erscheinung besser einschätzen und weiß, wem ich lieber aus dem Weg gehe. Ich denke nicht mehr über den Linksverkehr nach, über Bohnen zum Frühstück, oder darüber, dass Sontags alle Geschäfte geöffnet haben. Es ist Normalität. Ich fange an, kleine banale Dinge aus meinem Leben in Deutschland zu vergessen. Mir fällt aus dem Stehgreif nicht mehr ein, wie ein Zehn-Cent-Stück aussieht. Auf welcher Seite überholt wird. Wie sich die Synchronstimmen der Simpsons anhören.

England ist nicht besser als Deutschland. Nicht in der Politik. Nicht in der Wirtschaft. Das Land ist überflutet von Immigranten und es ist schwierig noch Originalität zu finden. Auch hier gibt es stolze 2.64 Millionen Arbeitslose und viele Menschen leben am Existenzminimum. Vor allem die jungen Schulabgänger haben Probleme Arbeit zu finden und wissen nicht, was sie sonst tun könnten. Frustration, Aggression, Langeweile. Gründen Banden und erstechen sich gegenseitig auf offener Straße. Starten die London Riots. Meine Arbeitsstelle wurde sogar evakuiert und alle Leute nach Hause geschickt, weil „DIE RIOTS KOMMEN!“ Tagelang sah es aus wie im Krieg, Geschäfte und Einkaufszentren mit Holzbrettern verriegelt und abgeschottet. Tag und Nacht Sirenen. Und doch konnte die Polizei nur machtlos zusehen, als Scheiben eingeschlagen, Läden geplündert und Gebäude und Fahrzeuge in Brand gesteckt wurden. Hier. Hier! Keinen halben Kilometer von meinem Zuhause entfernt!
Und doch ist England der Ort, an dem ich bleiben möchte. Hier bin ich Zuhause. Hier bin ich einfach nur ICH und fühle mich glücklich. 2011 war ein sehr gutes Jahr für mich. Neue Wohnung, neuer Job, neue Leute, neue Hobbies.

Danke an alle, die hier noch mitlesen – 2011 war nicht unbedingt das schreibstärkste Jahr – aber der Vorsatz für neue Texte ist schon gefasst, und ich freue mich darauf mal wieder richtig in die Tasten hauen zu können. Zu Weihnachten gab es nämlich ein neues Laptop, nachdem mein alterschwacher Krächzkasten immer mehr den Geist aufgab. Wahrscheinlich werde ich es einem Steinzeitmuseum verkaufen können.

Ich wünsche euch allen einen guten Start ins neue Jahr. Habt ihr irgendwelche Vorsätze gefasst?

Sonntag, 25. September 2011

Tag 885 - The Half Moon

So, ich bin jetzt also ein Rockstar. Habe meinen Job aufgegeben und schlafe jeden Tag bis 16:00 Uhr. Dann roll ich mir einen Joint und spüle mit einer Dose Foster's die kalte Pizza vom Vortag runter. Dann werfe ich den Fernseher aus dem Fenster und warte auf meine Rockerfreunde, um den Rest vom Tag und die ganze Nacht abzurocken. Welch ein wunderbar sorgloses Leben. Machts gut, ihr Spießer und Langweiler. So long, Suckers!

Naja, vielleicht irgendwann mal. Oder etwas realistischer - niemals.

Trotzdem durfte ich mich letzte Woche mal kurz wie ein Rockstar fühlen. Die Band hat nämlich ihren bisher größten Gig gespielt. So richtig auf einer professionellen Bühne mit einem richtigen Soundtechniker und aufwendigem Soundsystem. Und mit richtigem Publikum - alles fremde Menschen, die ganz unbeeinflusst über uns urteilen konnten. Muss ich erwähnen, dass ich seit MONATEN nervös war? Dieses verdammte Lampenfieber, ich kriege es niemals los. Dann kam auch noch nicht sehr hilfreich dazu, dass unser Frontmann kaum Zeit für Proben hatte. Er spielt noch in vier, fünf anderen Bands und ist ständig ausgebucht. Ganze DREIMAL haben wir unsere Stücke mit ihm gespielt, bevor es auf die Bühne ging. Am Abend des Auftritts noch den Schlagzeuger kennengelernt, der erstmal fragte, welche Songs wir eigentlich spielen würden. CD? Nee, eine CD hätte ihn nie erreicht. Es war Nervenprobe, wirklich. Die Nacht vorher war ich überzeugt davon, dass wir abkacken würden. Und zwar richtig.

Ein paar Stunden vor dem Auftritt fühlte ich mich krank.
Aber dann hatten wir den wahnsinns professionellen Soundcheck, und es hörte sich gar nicht sooooo übel an. Und dann beschloss mein Kopf einfach in "Scheiß-drauf" Modus zu gehen. Wenn es nichts werden würde... auch egal.

Und schließlich ging es los. Ich war wirklich die Ruhe selbst. Bis... der Sänger plötzlich anfing zu singen. Und war doch eigentlich noch gar nicht dran, ich musste doch noch mein Intro... arrrgh... was tun!?!? Kurz war ich total aus dem Gleichgewicht gebracht, aber dann hörte ich den "Scheiß-drauf" Mantra wieder und spielte einfach. Klimper hier, Klimper dort, und schon war der erste Song vorbei. Und die Leute liebten es. Sie lachten über die Witze vom Sänger und applaudierten und jubelten. Unglaublich.

Es war nicht perfekt. Eigentlich war es weit weg von perfekt. Ziemlich chaotisch von Zeit zu Zeit, weil Frontmann Geoff einfach vor sich hin improvisierte und wir anderen ihn ständig beobachten und blitzschnell reagieren mussten. Schwitz. Aber wir kamen durch damit. THE WINDOWS mit ihren Door-Songs (haha, get it? Windows - Doors, haha!) war die Band des Abends! "Ihr habt uns die Show gestolen!" rief einer aus der gastgebenden Bands lachend, als wir schließlich mit diesem irren Gefühl von der Bühne kletterten, das man nur nach einem erfolgreichen Auftritt hat, und das mit nicht auf der Welt zu vergleichen ist. Eine Art schweben, nur irgendwie besser. Und alles ist bunt und toll, und das erste Bier danach schmeckt wie köstlicher Nektar.

Und ich schüttelte viele fremde Hände, bekam so nette Worte... und sogar die Visitenkarte eines Songwriters, der an einer Zusammenarbeit interessiert ist. Himmel, sowas muss man erstmal setzen lassen.

So, und natürlich gibt es auch einen Videobeweis. Nachfolgend alle fünf Songs in der Reihenfolge des Gigs:

Riders on the Storm



Eindeutig fehlt das Intro, obwohl ich versuche es zu spielen und dann doch damit leben muss, dass Geoff schon singt und es kein zurück gibt. Am Solo muss ich noch arbeiten, aber da steckt mir der versaute Anfang noch ein wenig in den Knochen, und lässt mich wackelig werden. Und das Ende kommt auch ziemlich plötzlich.

Break on Through



Den Song kriegen wir eigentlich immer irgendwie hin.

Light my Fire



Hier dachte der Schlagzeuger Derek am Anfang, es wäre ein total anderer Song und brachte uns in ein merkwürdiges Tempo. Auch hier war mein Solo wieder ein wenig chaotisch, und weil ich zwischendurch mit Geoff Blickkontakt hatte, dachte der ich sei fertig und improvisierte drauflos. Die zweite Hälfte lief dann ein wenig besser, als der Drummer unser Tempo veränderte.

Five to One



Die Leute lachen am Anfang, weil Geoff ganz ungläubig fragt, ob das etwa auch ein Doors-Song sei. Klar, wir sind doch THE WINDOWS!
Der komplette Song ist von Anfang bis Ende improvisiert.

Roadhouse Blues



Den Song hatten wir auch überhaupt nicht geübt, aber dank Geoff ist er doch ganz vorzeigbar geworden.

Also, die Autogrammkarten gehen bald in Druck. Nicht drängeln, jeder kriegt eine!

Montag, 8. August 2011

London Riots







Der Hammer, was hier gerade abgeht. Fortsetzung folgt...

Mittwoch, 20. Juli 2011

Tag 817 - Alles auf Liebesspieler II

Wegen der langen Schreibpause greife ich jetzt auf ein Ereignis zurück, das schon ein paar Wochen zurückliegt.

Dieser eine Tag von dem ich schreiben möchte, dieser eine Samstag Morgen im April, er war irgendwie nicht wie ein gewöhnlicher Samstag. Ich ging nach dem Aufstehen kurz zum "Offie" um die Ecke, um Zeitung und Milch zu holen, da kam mir schon der erste seltsame Verdacht. Jeder schien nur noch in einer Geheimsprache zu sprechen, die viele gemurmtelte Zahlen enthielt.
Ich stellte fest, dass die Sun Zeitung doppelt so dick als sonst war, sogar nachdem ich die überflüssige Fernsehzeitschrift herausgeschüttelt hatte. Liest heutzutage überhaupt noch jemand das Fernsehprogramm?

"The Midnight Club", meinte der asiatisch angehauchte Ladenbesitzer verschwörerisch und zwinkerte. "Nein danke", lehnte ich die vermeindliche Einladung ab, und nahm die typisch blickdichte Off-Licence-Tüte mit meinem Einkauf entgegen.

An der Tür versperrte ein glatzköpfiger Hooligan Typ den Weg. "Don't Push it!!" brüllte er ohne Vorwarnung. Aber irgendwie schien er mit seiner Drohung keinen Erfolg zu haben. "11 to 1" gab ihm ein faltiges Ömchen am Gehstock zur Antwort und wedelte aufgeregt mit einem Gala Magazin. Der Hooligan grinste zahnlückig.

"Midnight Club", murmelte ich immernoch kopfschüttelnd, als ich Zuhause die Treppen hinaufstieg. Dort erwarteten mich der Gawjus mit seinem besten Kumpel. Und während ich noch meine Schuhe abstreifte, hatten die beiden schon die Zeitung aus der Tüte gepfriemelt und blätterten hektisch zum Mittelteil.

"Midnight Club!"

Wieder dieser mysteriöse Mitternachtsclub. Und als die Herren dann von der Zeitung abließen, konnte ich endlich mal nachsehen, was denn eigentlich los war. Ich starrte erst mehrere Sekunden auf die bunte Doppelseite, bis sich mir die Lösung auftat. Ein wenig enttäuscht war ich ja. "Pferderennen? Midnight Club ist ein Pferd? Seit wann interessiert ihr euch für Pferderennen?"


Ist ja nicht irgendein Pferderennen, sondern DAS Pferderennen, wurde ich sofort aufgeklärt. Es wäre nämlich GRAND NATIONAL DAY. Das ist das wichtigste Pferderennen des Jahres. Vierzig Pferde starten gleichzeitig und legen eine mit Hindernissen gespickte Strecke über sieben Kilometer zurück. Ein verdammt gefährliches Ereignis, und sehr umstritten. Aber der beste Grund und mal eine ordentliche Summe im Wettbüro zu setzen.

Wetten schließen sie ja gerne ab, die Briten. Es gibt ja auch nichts, auf das man kein Geld setzen kann. Das Ende der Welt nächsten Donnerstag? Die Wette steht 1.000.000 zu 1. Auf den eigenen Todestag wetten? Aber klar doch. Fragt sich nur, was man mit dem Gewinn dann noch anstellen will. Und hätte Papa Middleton damals gewettet, dass seine Tochter mal einen Prinzen heiraten würde, dann hätte er bestimmt einen Teil der Hochzeitskosten übernehmen können.

Der Verlust von Geld will ja gut vorbereitet sein, und so pflanzten sich der Gawjus mit Kumpel Simon für die nächsten zwei Stunden mit Notizzettel und Kugelschreibern vor den Fernseher und verfolgten die Berichterstattung von der Rennbahn. Einschätzungen, Vorstellung der Pferde und Jockeys, Chancen, Prognosen…


Freundlicherweise durfte ich einen der Zettel fotografieren, um zu dokumentieren, was am Ende der Recherche überhaupt herauskam.
Und dann ging es los, ins Wettbüro.


Mein erstes Wettbüro. Es erinnerte mich ein wenig an ein Wartezimmer. Leute saßen und standen umher, und starrten gebannt auf die Monitore an der Wand.


‚Midnight Club’, stand dort überall. Und ‘What a Friend’. Und ‘Don’t push it’.
Die Wetten standen 7 zu 1 für Midnight Club. Dieses Pferd hatte wohl die größte Chance zu gewinnen, aber es würde nicht so viel Geld dabei herausspringen. Besser verdienen könnte man, wenn man auf einen Außenseiter setzen würde, bei dem die Wetten 100/1 standen. Das wusste ich natürlich alles nicht, sondern der Gawjus erklärte es mir, während er seine Wettscheine ausfüllte.


„Du musst auch wetten!“ beharrte er anschließend und drückte mir einen Wettschein in die Hand. Na gut.
Ich kreuzte also drei Pferdenamen an, und setzte jeweils zwei Pfund auf „Each Way“. Wenn eines der Pferde unter die besten Drei kommen würde, dann bekäme ich die Gewinnquote multipliziert mit meinem Einsatz. Midnight Club würde mir 14 Pfund einbringen. Plus meinen Einsatz. Aber ich setzte auf zwei Außenseiter, und ein Pferd im Mittelfeld, das von einem weiblichen Jockey geritten wurde. Und dann hatte ich doch noch das Gefühl, einen Fünfer riskieren zu müssten und pickte den Namen ‚Ballabriggs’. Ich setzte fünf Pfund auf Gewinner.

Nach dieser harten Arbeit musste natürlich gleich der nächste Pub angesteuert werden, für einen seltenen Luxus, der sich „Daytime Drinking“ nennt.



Bei Risiken und Nebenwirkungen erschlagen Sie den Wirt und fluchen wie ein Apotheker. Hicks.

Und dann ging das Rennen los. Dramatische Szenen. Vierzig Pferde, keine Startlinie. Ein chaotischer Massenstart. Erste Hürde, schon zwei Reiter aus den Sättel gehauen. Zweite Hürde, zwei weitere leere Sättel. Der Sprecher schoss mit Wortfetzen um sich, wie eine epileptische Maschinenpistole. Die ersten Wettzettel landeten zerknüllt in der Ecke. Wirklich jeder im Pub starrte gebannt auf die Leinwand und die wippenden Pferdeköpfe. Bei jedem Hindernis wurde angespannt die Luft angehalten. Noch alle da? Wieder jemand liegengeblieben? Die galoppierende Masse schob sich über Hürde um Hürde. Es war unmöglich zu sehen, wer denn jetzt eigentlich führte. Und nach knapp zehn Minuten die letzten Meter. Ich hörte den Namen Ballabriggs, dann wieder Ballabriggs, und plötzlich rief jemand neben mir „BALLABRIGGS!“ Und dann jubelten alle.

Und nach ein paar Minuten bekam ich bestätigt, dass Ballabriggs das Rennen gewonnen hatte. Mein Gewinnerpferd.

Die Dame im Wettbüro lachte über meine Aufregung. Sie nahm meinen Wettschein entgegen und drückte mir ein Bündel Scheine in die Hand. 85 Pfund! Nicht schlecht für das erste Mal. Für das erste Jahr, korrigierte ich mich sofort. Dass das jetzt nicht zur Gewohnheit wird.
Aber nächstes Jahr werde ich wieder dabei sein, mit wichtiger Miene im Laden um die Ecke die Odds diskutieren, und mit meinem Fünf-Pfund-Schein auf den Gewinner setzen. GRAND NATIONAL DAY, juhuuu!

Dienstag, 12. Juli 2011

Kochrezept: Gegrillter Seebarsch

Zutaten:

1 Zitrone
2 Knoblauchzehen
Salz
Pfeffer
Italienische Kräuter
1 Ärmelkanal

1 Wegwerfgrill

1 Eifriger Fischermann

1 Seebarsch


Zubereitung:

Mitleid überwinden und dem armen Barschi eins überbraten.


Aufsteigende Übelkeit überwinden und Barschi chirurgisch gründlich von allen Organen befreien (Kein Bild hiervon aus ethischen Gründen). Mit einem Messer die Schuppen abbürsten.


Knoblauchscheiben wahllos im Inneren des Fisches verteilen. Würzen.


Zitronenscheiben dekorativ dazustecken.


Chopins Trauermarsch summen und den Barschi in Alufolie hüllen.


Ungefähr zwanzig Minuten über glühenden Kohlen grillen und gelegentlich wenden.


Fertig

Sonntag, 12. Juni 2011

Tag 780 - So what? I'm still a rock star!

Es ist momentan schwierig, mich vom eisernen Griff des Alltags zu befreien. Und selbst so kleine Sachen, wie eine Email zu verfassen, kommen gerade ein wenig kurz.

Was ist neu auf der Insel? Nicht sehr viel. Ich habe die Befürchtung, dass ich jetzt leider langweilig bin. So mit richtiger Arbeit und eigenem Wohnsitz. Spießig. Aber ich versuche trotzdem mal zusammenzufassen, was sich alles so getan hat in den letzten Wochen und Monaten.

Meine Probezeit ist vorbei. Und auch jetzt nach drei Monaten bin ich immer noch begeistert von meinem neuen Job. Es ist wirklich das Beste, was mir passieren konnte. Ich denke nur noch selten an die Apotheke. Es gab nur den einen Vorfall, dass mir der alte Chef aus Versehen nochmal Lohn bezahlt hatte, obwohl mir keiner mehr zustand. Mensch, war der in Panik. Ich habe es zurückgezahlt, und in den Überweisungsbetreff „PUT IT BACK!“ geschrieben. Obwohl er es bestimmt nicht kapiert hat, es war Genugtuung für mich und wie der Abschluss eines Kapitels.

Arbeit bestimmt momentan das Leben. Die Arbeitszeiten vom Gawjus und mir passen manchmal überhaupt nicht zusammen, so dass es gerade wirklich selten vorkommt, dass wir mal ein komplettes Wochenende zusammen verbringen. Aber wenn, dann machen wir das Beste daraus. An meinem zweijährigen England-Jubiläum sind wir ans Meer gefahren, haben ein kleines billiges Hotelzimmer direkt an der Strandpromenade gemietet und so getan, als wären wir irgendwo weit weg im Urlaub. Es war traumhaft. Den ganzen Tag Strandspaziergänge und frische Meeresfrüchte. Nachts angeln im Schein des Vollmondes.







Angeln ist immer noch sehr aktuell. Das letzte gemeinsame Wochenende waren wir mal wieder an einem See. Aber alles was ich fing, war eine Ente. Der dumme Vogel war nach meinem Köder getaucht und hatte den Haken im Schnabel stecken. Ich musste das hysterische Ding an Land zerren und befreien.




Der Sommer lässt hier immer noch auf sich warten. Es regnet zwar so gut wie nie, was schon einigen Bauern die Ernte gekostet hat, aber es scheint auch noch nicht richtig aufzuwärmen. Hier ist immer ein nerviger Wind, der einen zum Schaudern bringt, wenn man ohne Jacke das Haus verlässt. Naja, mich jedenfalls. Aber mir frieren auch bei 25 Grad noch die Zehen ab.

Die Wohnung unter dem Dach ist immer noch die schönste Wohnung der Welt. Die Bäume hinter dem Haus sind jetzt wie ein saftig grüner Vorhang, der uns von der Straße und den Geräuschen der Stadt abschottet. Und auf der Feuertreppe wächst mein erstes selbstgepflanztes Gemüse. Diese Tomaten enthalten ganz sicher keine Ecoli Erreger.



Im Pub sind immer noch dieselben Freaks vertreten.


Aber ich glaube, es gibt bald mal wieder einen Wechsel des Besitzers. Der Momentane hat nie genug Bier und Cider vorrätig, und jetzt auch noch alle Tresenkräfte entlassen, bis auf den Ex-Knacki. Dessen Tremor-Erkrankung macht ihm das Ausschenken nicht gerade einfach. Wenn man dann nach zwanzigminütiger Wartezeit sein Bier bekommt, ist die Hälfte davon schon auf dem Weg von Zapfhahn zu Tresen verschüttet worden.
Und obwohl der Pub noch nie der wohlriechendste Platz auf Erden war, momentan stinkt es zum Himmel. Nach ungewaschenen Körpern. Was in Zusammenhang mit dem allgemeinen exzessiven Kokainkonsum stehen könnte, bei dem der Landlord wohl eine nicht unwichtige Rolle spielt. Zerstörte Nasenschleimhäute riechen eben den Dreck nicht mehr.
Ich bin jedenfalls enttäuscht, dass einige der ehemals hier und da einen Joint rauchende Freakgemeinschaft plötzlich auf weißes Pulver steht. Auch einige der Leute, für die bisher nur Musik die einzig wahre Droge war. Aber in diesem Pub ist sowieso nichts dauerhaft, und nächsten Monat könnte alles schon wieder ganz anders aussehen.

Unsere Band hatte einen ziemlich guten Auftritt vor ein paar Wochen. Obwohl unsere neue Sängerin noch nicht so der Brüller ist. Aber momentan sind wir zuversichtlich, dass sie einfach ein wenig mehr Übung braucht, und vor allem auch Songs, die mehr auf ihre Stimme zugeschnitten sind. In der Band wollen wir sie auf jeden Fall behalten, weil sie sehr selbstsicher ist, verdammt gut aussieht, und den nötigen Willen mitbringt. Sie ist bei jeder Probe dabei, auch wenn sie dazu ewig im Bus fährt.


Aber natürlich sind nach dem ersten Erfolg auch die Star-Allüren nicht weit… unser Schlagzeuger wird jetzt wohl aussteigen, weil ihm die Sängerin zu peinlich ist. Seufz. Ich lege mir jetzt auch ein paar Allüren zu. Vor dem nächsten Auftritt möchte ich eine Tüte Haribo Goldbären – aber nur die Weißen bitteschön, und zwar genau 31 Stück. Und danach gehe ich ein Hotelzimmer verwüsten. Oder werfe den Fernseher aus dem Aufenthaltsraum des Seniorenheimes schräg gegenüber aus dem Fenster.



Aber ganz besonders erfolgreich kann ich unser 5-Song-Konzert deswegen nennen, weil der Gawjus und ich entdeckt worden sind. Einer der talentiertesten Musiker des Pubs hat uns gefragt, ob wir beide im September mit ihm auftreten, als Vorgruppe einer lokalen Band. Das ist eine riesige Ehre, und ich sterbe jetzt schon vor Aufregung. Der Heimspielbonus fällt nämlich weg, weil das Konzert ganz woanders stattfinden wird. Ich muss üben. Und ich habe das hin und her gerissene Gefühl, dass ich ganz viele Leute einladen will, aber irgendwie möchte ich doch, dass es niemand sieht, wenn alles ganz schrecklich schief geht. Bitte kommt alle! Aber bleibt weg!


Soviel für heute. Draußen scheint es sich gerade einzuregnen… obwohl, ein wenig Sonne ist noch da.


Sehr bilderlastig heute... aber irgendwie musste ich die mal loswerden, bevor sie in hundertjährigen Schlaf auf meiner Festplatte fallen.