Montag, 8. August 2011

London Riots







Der Hammer, was hier gerade abgeht. Fortsetzung folgt...

Mittwoch, 20. Juli 2011

Tag 817 - Alles auf Liebesspieler II

Wegen der langen Schreibpause greife ich jetzt auf ein Ereignis zurück, das schon ein paar Wochen zurückliegt.

Dieser eine Tag von dem ich schreiben möchte, dieser eine Samstag Morgen im April, er war irgendwie nicht wie ein gewöhnlicher Samstag. Ich ging nach dem Aufstehen kurz zum "Offie" um die Ecke, um Zeitung und Milch zu holen, da kam mir schon der erste seltsame Verdacht. Jeder schien nur noch in einer Geheimsprache zu sprechen, die viele gemurmtelte Zahlen enthielt.
Ich stellte fest, dass die Sun Zeitung doppelt so dick als sonst war, sogar nachdem ich die überflüssige Fernsehzeitschrift herausgeschüttelt hatte. Liest heutzutage überhaupt noch jemand das Fernsehprogramm?

"The Midnight Club", meinte der asiatisch angehauchte Ladenbesitzer verschwörerisch und zwinkerte. "Nein danke", lehnte ich die vermeindliche Einladung ab, und nahm die typisch blickdichte Off-Licence-Tüte mit meinem Einkauf entgegen.

An der Tür versperrte ein glatzköpfiger Hooligan Typ den Weg. "Don't Push it!!" brüllte er ohne Vorwarnung. Aber irgendwie schien er mit seiner Drohung keinen Erfolg zu haben. "11 to 1" gab ihm ein faltiges Ömchen am Gehstock zur Antwort und wedelte aufgeregt mit einem Gala Magazin. Der Hooligan grinste zahnlückig.

"Midnight Club", murmelte ich immernoch kopfschüttelnd, als ich Zuhause die Treppen hinaufstieg. Dort erwarteten mich der Gawjus mit seinem besten Kumpel. Und während ich noch meine Schuhe abstreifte, hatten die beiden schon die Zeitung aus der Tüte gepfriemelt und blätterten hektisch zum Mittelteil.

"Midnight Club!"

Wieder dieser mysteriöse Mitternachtsclub. Und als die Herren dann von der Zeitung abließen, konnte ich endlich mal nachsehen, was denn eigentlich los war. Ich starrte erst mehrere Sekunden auf die bunte Doppelseite, bis sich mir die Lösung auftat. Ein wenig enttäuscht war ich ja. "Pferderennen? Midnight Club ist ein Pferd? Seit wann interessiert ihr euch für Pferderennen?"


Ist ja nicht irgendein Pferderennen, sondern DAS Pferderennen, wurde ich sofort aufgeklärt. Es wäre nämlich GRAND NATIONAL DAY. Das ist das wichtigste Pferderennen des Jahres. Vierzig Pferde starten gleichzeitig und legen eine mit Hindernissen gespickte Strecke über sieben Kilometer zurück. Ein verdammt gefährliches Ereignis, und sehr umstritten. Aber der beste Grund und mal eine ordentliche Summe im Wettbüro zu setzen.

Wetten schließen sie ja gerne ab, die Briten. Es gibt ja auch nichts, auf das man kein Geld setzen kann. Das Ende der Welt nächsten Donnerstag? Die Wette steht 1.000.000 zu 1. Auf den eigenen Todestag wetten? Aber klar doch. Fragt sich nur, was man mit dem Gewinn dann noch anstellen will. Und hätte Papa Middleton damals gewettet, dass seine Tochter mal einen Prinzen heiraten würde, dann hätte er bestimmt einen Teil der Hochzeitskosten übernehmen können.

Der Verlust von Geld will ja gut vorbereitet sein, und so pflanzten sich der Gawjus mit Kumpel Simon für die nächsten zwei Stunden mit Notizzettel und Kugelschreibern vor den Fernseher und verfolgten die Berichterstattung von der Rennbahn. Einschätzungen, Vorstellung der Pferde und Jockeys, Chancen, Prognosen…


Freundlicherweise durfte ich einen der Zettel fotografieren, um zu dokumentieren, was am Ende der Recherche überhaupt herauskam.
Und dann ging es los, ins Wettbüro.


Mein erstes Wettbüro. Es erinnerte mich ein wenig an ein Wartezimmer. Leute saßen und standen umher, und starrten gebannt auf die Monitore an der Wand.


‚Midnight Club’, stand dort überall. Und ‘What a Friend’. Und ‘Don’t push it’.
Die Wetten standen 7 zu 1 für Midnight Club. Dieses Pferd hatte wohl die größte Chance zu gewinnen, aber es würde nicht so viel Geld dabei herausspringen. Besser verdienen könnte man, wenn man auf einen Außenseiter setzen würde, bei dem die Wetten 100/1 standen. Das wusste ich natürlich alles nicht, sondern der Gawjus erklärte es mir, während er seine Wettscheine ausfüllte.


„Du musst auch wetten!“ beharrte er anschließend und drückte mir einen Wettschein in die Hand. Na gut.
Ich kreuzte also drei Pferdenamen an, und setzte jeweils zwei Pfund auf „Each Way“. Wenn eines der Pferde unter die besten Drei kommen würde, dann bekäme ich die Gewinnquote multipliziert mit meinem Einsatz. Midnight Club würde mir 14 Pfund einbringen. Plus meinen Einsatz. Aber ich setzte auf zwei Außenseiter, und ein Pferd im Mittelfeld, das von einem weiblichen Jockey geritten wurde. Und dann hatte ich doch noch das Gefühl, einen Fünfer riskieren zu müssten und pickte den Namen ‚Ballabriggs’. Ich setzte fünf Pfund auf Gewinner.

Nach dieser harten Arbeit musste natürlich gleich der nächste Pub angesteuert werden, für einen seltenen Luxus, der sich „Daytime Drinking“ nennt.



Bei Risiken und Nebenwirkungen erschlagen Sie den Wirt und fluchen wie ein Apotheker. Hicks.

Und dann ging das Rennen los. Dramatische Szenen. Vierzig Pferde, keine Startlinie. Ein chaotischer Massenstart. Erste Hürde, schon zwei Reiter aus den Sättel gehauen. Zweite Hürde, zwei weitere leere Sättel. Der Sprecher schoss mit Wortfetzen um sich, wie eine epileptische Maschinenpistole. Die ersten Wettzettel landeten zerknüllt in der Ecke. Wirklich jeder im Pub starrte gebannt auf die Leinwand und die wippenden Pferdeköpfe. Bei jedem Hindernis wurde angespannt die Luft angehalten. Noch alle da? Wieder jemand liegengeblieben? Die galoppierende Masse schob sich über Hürde um Hürde. Es war unmöglich zu sehen, wer denn jetzt eigentlich führte. Und nach knapp zehn Minuten die letzten Meter. Ich hörte den Namen Ballabriggs, dann wieder Ballabriggs, und plötzlich rief jemand neben mir „BALLABRIGGS!“ Und dann jubelten alle.

Und nach ein paar Minuten bekam ich bestätigt, dass Ballabriggs das Rennen gewonnen hatte. Mein Gewinnerpferd.

Die Dame im Wettbüro lachte über meine Aufregung. Sie nahm meinen Wettschein entgegen und drückte mir ein Bündel Scheine in die Hand. 85 Pfund! Nicht schlecht für das erste Mal. Für das erste Jahr, korrigierte ich mich sofort. Dass das jetzt nicht zur Gewohnheit wird.
Aber nächstes Jahr werde ich wieder dabei sein, mit wichtiger Miene im Laden um die Ecke die Odds diskutieren, und mit meinem Fünf-Pfund-Schein auf den Gewinner setzen. GRAND NATIONAL DAY, juhuuu!

Dienstag, 12. Juli 2011

Kochrezept: Gegrillter Seebarsch

Zutaten:

1 Zitrone
2 Knoblauchzehen
Salz
Pfeffer
Italienische Kräuter
1 Ärmelkanal

1 Wegwerfgrill

1 Eifriger Fischermann

1 Seebarsch


Zubereitung:

Mitleid überwinden und dem armen Barschi eins überbraten.


Aufsteigende Übelkeit überwinden und Barschi chirurgisch gründlich von allen Organen befreien (Kein Bild hiervon aus ethischen Gründen). Mit einem Messer die Schuppen abbürsten.


Knoblauchscheiben wahllos im Inneren des Fisches verteilen. Würzen.


Zitronenscheiben dekorativ dazustecken.


Chopins Trauermarsch summen und den Barschi in Alufolie hüllen.


Ungefähr zwanzig Minuten über glühenden Kohlen grillen und gelegentlich wenden.


Fertig

Sonntag, 12. Juni 2011

Tag 780 - So what? I'm still a rock star!

Es ist momentan schwierig, mich vom eisernen Griff des Alltags zu befreien. Und selbst so kleine Sachen, wie eine Email zu verfassen, kommen gerade ein wenig kurz.

Was ist neu auf der Insel? Nicht sehr viel. Ich habe die Befürchtung, dass ich jetzt leider langweilig bin. So mit richtiger Arbeit und eigenem Wohnsitz. Spießig. Aber ich versuche trotzdem mal zusammenzufassen, was sich alles so getan hat in den letzten Wochen und Monaten.

Meine Probezeit ist vorbei. Und auch jetzt nach drei Monaten bin ich immer noch begeistert von meinem neuen Job. Es ist wirklich das Beste, was mir passieren konnte. Ich denke nur noch selten an die Apotheke. Es gab nur den einen Vorfall, dass mir der alte Chef aus Versehen nochmal Lohn bezahlt hatte, obwohl mir keiner mehr zustand. Mensch, war der in Panik. Ich habe es zurückgezahlt, und in den Überweisungsbetreff „PUT IT BACK!“ geschrieben. Obwohl er es bestimmt nicht kapiert hat, es war Genugtuung für mich und wie der Abschluss eines Kapitels.

Arbeit bestimmt momentan das Leben. Die Arbeitszeiten vom Gawjus und mir passen manchmal überhaupt nicht zusammen, so dass es gerade wirklich selten vorkommt, dass wir mal ein komplettes Wochenende zusammen verbringen. Aber wenn, dann machen wir das Beste daraus. An meinem zweijährigen England-Jubiläum sind wir ans Meer gefahren, haben ein kleines billiges Hotelzimmer direkt an der Strandpromenade gemietet und so getan, als wären wir irgendwo weit weg im Urlaub. Es war traumhaft. Den ganzen Tag Strandspaziergänge und frische Meeresfrüchte. Nachts angeln im Schein des Vollmondes.







Angeln ist immer noch sehr aktuell. Das letzte gemeinsame Wochenende waren wir mal wieder an einem See. Aber alles was ich fing, war eine Ente. Der dumme Vogel war nach meinem Köder getaucht und hatte den Haken im Schnabel stecken. Ich musste das hysterische Ding an Land zerren und befreien.




Der Sommer lässt hier immer noch auf sich warten. Es regnet zwar so gut wie nie, was schon einigen Bauern die Ernte gekostet hat, aber es scheint auch noch nicht richtig aufzuwärmen. Hier ist immer ein nerviger Wind, der einen zum Schaudern bringt, wenn man ohne Jacke das Haus verlässt. Naja, mich jedenfalls. Aber mir frieren auch bei 25 Grad noch die Zehen ab.

Die Wohnung unter dem Dach ist immer noch die schönste Wohnung der Welt. Die Bäume hinter dem Haus sind jetzt wie ein saftig grüner Vorhang, der uns von der Straße und den Geräuschen der Stadt abschottet. Und auf der Feuertreppe wächst mein erstes selbstgepflanztes Gemüse. Diese Tomaten enthalten ganz sicher keine Ecoli Erreger.



Im Pub sind immer noch dieselben Freaks vertreten.


Aber ich glaube, es gibt bald mal wieder einen Wechsel des Besitzers. Der Momentane hat nie genug Bier und Cider vorrätig, und jetzt auch noch alle Tresenkräfte entlassen, bis auf den Ex-Knacki. Dessen Tremor-Erkrankung macht ihm das Ausschenken nicht gerade einfach. Wenn man dann nach zwanzigminütiger Wartezeit sein Bier bekommt, ist die Hälfte davon schon auf dem Weg von Zapfhahn zu Tresen verschüttet worden.
Und obwohl der Pub noch nie der wohlriechendste Platz auf Erden war, momentan stinkt es zum Himmel. Nach ungewaschenen Körpern. Was in Zusammenhang mit dem allgemeinen exzessiven Kokainkonsum stehen könnte, bei dem der Landlord wohl eine nicht unwichtige Rolle spielt. Zerstörte Nasenschleimhäute riechen eben den Dreck nicht mehr.
Ich bin jedenfalls enttäuscht, dass einige der ehemals hier und da einen Joint rauchende Freakgemeinschaft plötzlich auf weißes Pulver steht. Auch einige der Leute, für die bisher nur Musik die einzig wahre Droge war. Aber in diesem Pub ist sowieso nichts dauerhaft, und nächsten Monat könnte alles schon wieder ganz anders aussehen.

Unsere Band hatte einen ziemlich guten Auftritt vor ein paar Wochen. Obwohl unsere neue Sängerin noch nicht so der Brüller ist. Aber momentan sind wir zuversichtlich, dass sie einfach ein wenig mehr Übung braucht, und vor allem auch Songs, die mehr auf ihre Stimme zugeschnitten sind. In der Band wollen wir sie auf jeden Fall behalten, weil sie sehr selbstsicher ist, verdammt gut aussieht, und den nötigen Willen mitbringt. Sie ist bei jeder Probe dabei, auch wenn sie dazu ewig im Bus fährt.


Aber natürlich sind nach dem ersten Erfolg auch die Star-Allüren nicht weit… unser Schlagzeuger wird jetzt wohl aussteigen, weil ihm die Sängerin zu peinlich ist. Seufz. Ich lege mir jetzt auch ein paar Allüren zu. Vor dem nächsten Auftritt möchte ich eine Tüte Haribo Goldbären – aber nur die Weißen bitteschön, und zwar genau 31 Stück. Und danach gehe ich ein Hotelzimmer verwüsten. Oder werfe den Fernseher aus dem Aufenthaltsraum des Seniorenheimes schräg gegenüber aus dem Fenster.



Aber ganz besonders erfolgreich kann ich unser 5-Song-Konzert deswegen nennen, weil der Gawjus und ich entdeckt worden sind. Einer der talentiertesten Musiker des Pubs hat uns gefragt, ob wir beide im September mit ihm auftreten, als Vorgruppe einer lokalen Band. Das ist eine riesige Ehre, und ich sterbe jetzt schon vor Aufregung. Der Heimspielbonus fällt nämlich weg, weil das Konzert ganz woanders stattfinden wird. Ich muss üben. Und ich habe das hin und her gerissene Gefühl, dass ich ganz viele Leute einladen will, aber irgendwie möchte ich doch, dass es niemand sieht, wenn alles ganz schrecklich schief geht. Bitte kommt alle! Aber bleibt weg!


Soviel für heute. Draußen scheint es sich gerade einzuregnen… obwohl, ein wenig Sonne ist noch da.


Sehr bilderlastig heute... aber irgendwie musste ich die mal loswerden, bevor sie in hundertjährigen Schlaf auf meiner Festplatte fallen.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Innernet

Internet! Internet! Endlich! Ich könnte es küssen! Allerdings weiß ich nicht, wo genau es eigentlich steckt. In der schwarzen Box mit den grünen Blinklichtern? In meiner alten, staubigen Netgear Karte die tatsächlich noch funktioniert? Egal. Die Hauptsache ist, es ist endlich da.

Kurz nach meinem "Finde den Fehler" Beitrag, meldete sich tatsächlich der Internetmensch für den darauffolgenden Dienstag an. Der liebe Gawjus nahm sich den ganzen Tag frei, um den guten Herren ja nicht zu verpassen. Und er ließ auch wirklich nicht lange auf sich warten. Nur drei Stunden nach der ungefähren Uhrzeitangabe klingelte er auch schon an der Tür und erklomme die Stufen nach oben. Unter dem Arm besagte schwarze Box mit den grünen Blinklichtern, die zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht blinkten. Und das würden sie auch für eine Weile nicht. Herr Internetmensch bestand nämlich zuerst auf eine Inaugenscheinnahme des magischen Verbindungkabels, das sich irgendwo draußen an der Hauswand entlang schlängelte.

Der Gawjus war wegen der Verzögerung entwas entnervt, aber führte den Herrn wieder nach unten. Gemeinsam standen sie dann auf der Feuerleiter und tauschten ein wenig technische Fachbegriffe aus, während ein paar Meter weiter die Haustür sanft ins Schloss glitt.

Und als ich ein paar Stunden später von der Arbeit nach Hause kam, erwartete mich vor der Haustür das hier:


Und hinter der Haustür immernoch die selbe Internetlosigkeit.

Aber jetzt, fast 11 Wochen nach Einzug hat es doch geklappt. Internet.

Samstag, 30. April 2011

Tag 737 - We are princess!

The Royal Wedding... in den letzten Wochen DAS Thema. Jeder redete darüber, diskutierte, und wurde ob er wollte oder nicht im Abendprogramm über sämtliche verwandschaftlichen Verästelungen der Braut aufgeklärt. Auf allen Kanälen liefen Dokumentationen in Endlosschlaufe, die Tageszeitungen berichteten Seite um Seite über nichts anderes als Spekulationen über das Brautkleid, und in der SUN wurde sogar das nackte Seite-3-Mädchen auf Seite Zwölf verbannt. Seite Zwölf!

"Und? Gehen Sie hin?" fragte mich auf der Arbeit jeder zweite Anrufer. "Nö", so meine Standardantwort, "bin nicht eingeladen."
Ich freute mich vielmehr auf den extra Feiertag. Die Hochzeit bescherte uns nämlich ein viertägiges Wochenende.

Doch je näher das Ereignis rückte, und umso aufgeregter die Stimmung wurde, da kam ich dann doch ins Überlegen. Wäre es nicht toll, sich unter die fröhlichen Menschen zu mischen und ein wenig royale Atmosphäre abzubekommen? Ganz London würde Kopf stehen und jede Menge Schreibstoff und Fotomotive bieten. Und dann war mir klar, dass ich bei der Vermählung von Prinz William und Catherine Middleton nicht fehlen durfte.

Ich mag die Königsfamilie. Ganz besonders die Queen. Ist ja nicht so, dass sie eines Morgens aufgewacht ist, und beschlossen hat Königin zu werden. Da steckt ja so viel Geschichte und immernoch unveränderte Tradition dahinter.

Der Gawjus war entsetzt, als ich ihm von meinem Plan erzählte, am Hochzeitsfreitag nach London zu gehen. Sei doch viel zu viel los, und überhaupt würden wir es bestimmt nicht einmal in die Nähe der Parade schaffen, und so weiter. Er versuchte mir die Idee auszureden, aber war am Ende dann doch mit dabei.

Der Bahnhof war wie ausgestorben. "Siehste, so viele gehen wohl doch nicht hin", sagte ich. Aber bei Ankunft am Charing Cross Bahnhof mussten wir feststellen, dass alle schon dort waren... und die Straßen um die Paraderoude abgesperrt. Hohe grüne Bauzäune versperrten Weg und Sicht.

"Siehste", sagte jetzt der Gawjus vorwurfsvoll. Ich fühlte mich sehr von der Hochzeit ausgeschlossen. Aber wir waren nicht die Einzigen. Noch mehr Ausgeschlossene versammelten sich am Zaun und wanderten ziellos durch die Gegend. Manche kletterten auf Bushaltestellen und Bäume, um einen Blick über die Absperrung zu werfen.




Wir liefen planlos durch die Straßen. Aber plötzlich fing es an, wieder Spaß zu machen. Alle Straßen in der Innenstadt waren für den Verkehr gesperrt, und ich muss wirklich sagen, so entspannt war ich noch nie in London. Normal ist alles zu laut, zu eng, zu hektisch, aber so ganz ohne Fahrzeuge war es eine neue Erfahrung. Dorfstimmung in einer europäischen Hauptstadt. Fantastisch. Mitten auf der Straße liefen wir zum Picadilly Circus und beobachteten die fröhlichen Menschen mit ihren Union Jack Fähnchen.

Immer wenn wir uns ein wenig weiter von der Parade entfernten, sahen die Straßen so aus:

Dieser Anblick in Verbindung mit den ständig kreisenden Helikoptern war wirklich gespenstig. London im Ausnahmezustand.

Wenn sich Menschen zu Trauben versammelten konnte man sicher sein, dass es dort wohl irgendwo einen Fernseher gab. Und so konnten wir vor einem Schaufenster doch einen kurzen Blick auf das Brautkleid werfen.


Das war aber wirklich alles, was wir von der Zeremonie sahen.

Zu sehen gab es dann aber in der Nähe des Green Park wieder mehr. Wir standen einfach auf der Straße und beobachteten Leute.





Und dann kamen die Fahrzeuge mit den Hochzeitsgästen auf ihrem Weg von der Abbey zum Buckingham Palace.


War es eigentlich Zufall, dass wir direkt vor einem Angelladen standen, oder hatte das der Gawjus so eingefädelt?


Aber es war sicher Zufall, dass dieser Laden plötzlich öffnete. Und so schnell konnte ich gar nicht gucken, war der Gawjus schon darin verschwunden.
Na gut, seufzte ich, und folgte ihm.

Drinnen dann eine angenehme Überraschung. Nicht die üblichen dreckverkrusteten Eimer mit sich windenden Maden in allen Farben, sondern ein teuer eingerichteter Laden mit edler Fischereiausrüstung. Ungefähr zehn Mitarbeiter wuselten durch die Gegend... und tranken sich einen an. Es gab Sekt und Bowle... und einen Fernseher mit der Hochzeitsübertragung. Mittlerweile war das Brautpaar auf dem Balkon des Buckingham Palast angekommen. Ich mischte mich unter die Verkäufer, während der Gawjus in die handangefertigten Köderfliegen wühlte.
"Hach, gleich kommt der Kuss", säuselte ein etwas tuffiger Verkäufer und hielt sein Sektglas zwischen Daumen und Zeigefinger.


Wie auf Kommando küssten Will und Kate. Alle jubelten. Wir konnten im Fernseher die selbe Menschenmenge hören, wie draußen vor der Tür. Schon lustig, so live dabei zu sein.

Der Gawjus kam mit einem Arm voller bunter federiger Fliegen um die Ecke, und sah mehr als zufrieden aus.
"Leg das weg!" kreischte der Tuffige plötzlich. "Schnell! Alle raus! Der Bomber kommt!"
Geschockt rannten wir in einem Pulk Verkäufer zur Tür. Und sahen gerade noch ein altes Kriegsflugzeug über den Dächern verschwinden. Ach so, das gehörte zur Show.

Bei den Mitarbeitern kam auch endlich wieder der Geschäftssinn zurück. Der Gawjus durfte bezahlen. Während der Manager die Fliegen in kleine Pappschachteln packte, kam er noch ein wenig ins Erzählen: Der Laden existierte schon seit 170 Jahren, und statte die königliche Familie mit Ausrüstung fürs Fliegenfischen aus. Er entschuldige sich für den Ausnahmezustand heute, aber sie hätten sich schon sehr lange auf die Hochzeit gefreut und mussten einfach mitfeiern.

Die Absperrungen waren offen.
Wir gingen zum Trafalgar Square, wo wir immernoch eine riesige Menschenmenge und Live Band vorfanden.


Das ZDF war auch da:

Und dann trafen wir zufällig noch ein paar Bekannte und stießen mit einem kühlen Pint of Lager auf das gelungene Fest an. Und dann nochmal, und dann nochmal, und dann landeten wir direkt gegenüber des London Eyes noch auf einem Boot mit Barbetrieb und wiederholten das Anstoßen noch weitere drei bis zwölf Mal.

Hach, manchmal bin ich gerne Royalist.