Der Sargnagel ist männlich, das hat der letzte Ultraschall eindeutig bestätigt.
Ich freue mich. Natürlich wäre jedes Geschlecht willkommen gewesen, aber ein Junge, das ist so sehr viel freundlicher für die Augen. Und damit meine ich, was die hierzuländige Babymode angeht. In so gut wie jedem Laden sind die Jungen- und Mädchensachen nämlich strengstens getrennt. Und wenn man in Richtung GIRLS schaut, wird man sofort von einer pinken Keule erschlagen. Alles ist pink. PINK! Ich weiß nicht, ob den Babymodendesignern entgangen ist, dass es durchaus noch andere Farben auf der Palette gibt, und dass auch blau, grün und braun durchaus von Menschen weiblichen Geschlechts getragen werden können. Dies sind nämlich die Farben, die im Gegenregal unter BOYS dominieren. Da schießen einem nicht sofort die Migränetränen in die Augen, aber auch hier stellt sich die Frage, wo den eigentlich die ganzen anderen Farben der Welt sind. Rot? Kein rot? Oder Orange? Gelb? Lila? Shades of Grey? Ich kenne die Pantone Palette, die aus über 1100 verschiedenen Farbtönen besteht. Und nur etwa fünf davon scheinen es in die hiesigen Babyläden geschafft zu haben. Wie unglaublich langweilig.
Als neutrale Farbe für die Leute, die sich entscheiden das Geschlecht bis zur Geburt eine Überraschung zu belassen gibt es dann die Alternative dem Kindchen alles in Weiss einzukaufen. Weiss! Was für eine überaus praktische Farbe für ein Wesen, das nur so von Körperflüssigkeiten sprudelt. Macht auch kaum Umstände, dass man dann strengstens Wäsche sortieren muss, und sobald sich was Rotes einschleicht endet man wieder mit.... PINK.
Warum ist es so wichtig gleich von Geburt an kenntlich zu machen, dass Mädchen nicht gleich Junge und Junge nicht gleich Mädchen ist? Was soll diese Blau/Pink Trennung, und warum sollte mich stören, ob die Omma im Bus mir zu meinem niedlichen Mädel gratuliert, wenn im Kinderwagen eigentlich ein kleiner Junge vor sich hin schlummert? Wird das Kind dadurch psychische Probleme kriegen? In der Krabbelgruppe von einem Mob aggressiver Säuglinge zur Klassenkeile verurteilt? Werden mich die Drachenmütter mit ihren bonbonrosa schleifchentragenden Herzchenstramplis zur Rabenmutter des Jahrhunderts erklären, wenn ich dem Lütten einen geblümten Sonnenhut überstülpe?
Ich gehe jetzt lieber in Second Hand Läden und staube das eine oder andere ungewöhnlich kolorierte Teil zum Spottpreis ab, anstatt mich der Geschlechtertrennung in den Highstreet Läden anzupassen und einen blauen Strampli neben den nächsten in Schrank zu hängen. Mein Kind wird BUNT.
So viel zum Sargnagel-Update. Diese Woche gab es traurige Nachrichten, einer der Pub Freaks ist gestorben und ich möchte die Gelegenheit kurz nutzen um Spexx die Ehre zu erweisen, den ich seit meiner frühesten England-Zeit aus dem Railway Pub kenne, und den ich auch schon im Blog und Buch erwähnt hatte.
Die Sonnenbrille hat er niemals abgenommen. Sie war sein Markenzeichen, und auch sein Schutzschild gegen den Rest der Welt. Ein sanfter, schüchterner Mann dessen Leidenschaft die Musik war. Ein begnadeter Gitarrist und der größte Pink Floyd Fan unter der Sonne.
Shine on.
Mittwoch, 18. November 2015
Freitag, 30. Oktober 2015
Horror Hormone
Auch wenn ich dachte, dass mich die Schwangerschaftshormone sicher gar nicht beeinflussen würden, schließlich sind Hormone nur etwas für pubertierenden Teenager und man ist ja schließlich schon ausgereift und hat auch so etwas wie Stolz. Da hatte ich die Rechnung ohne das plötzliche Eigenleben meines Hormonhaushaltes gemacht. Zunächst brachte er mich nur zum Niesen. Wahrhaftig. Seit frühestem Zeitpunkt muss ich jeden Tag zuverlässige drei Mal niesen.
Ich bin mir sicher, dass das Wort "Einnistung" im Zusammenhang mit Schwangerschaft damals falsch übertragen wurde, und eigentlich sollte es "Einniestung" heißen. Angeblich ist das eine normale Erscheinung, und auf die Hormone zurückzuführen.
Eine andere Sache, die mich wie ein Knüppel traf, ist das vernunftswidrige Weinen. Folgende Sachen haben mich bisher zum Heulen gebracht :
- Ein Stein, der die Form einer Maus hat
- Ein Foto meines einjährigen Neffen, auf dem er gerade enttäuscht das Gesicht verzieht, weil er nicht mit dem gefährlichen Gegenstand spielen darf
- Mein Optiker, der meine Kontaktlinsen nicht finden konnte.
Vor allem letzteres führte dazu, dass zwei Optikangestellte und der Optiker himself hektisch alle Schränke durchwühlten um die hysterisch schluchzende Schwangere ruhig zu stellen. Stolz? Welcher Stolz? Zumindest führte dieser Zwischenfall zum Erfolg und außer meiner Linsen bekam ich noch ein paar Sachen für komplett umsonst zugesteckt. (Stolz?)
Die Situation mit dem Maus-Stein war die allererste und verunsicherte mich ganz ungemein. Es war ein normaler, entspannter Urlaubstag in Cornwall, als der Gawjus und ich über einen lokalen Künstlermarkt schlenderten. Mein Blick fiel auf einen Stand, an dem die Künstlerin Objekte ausgestellt hatte, die allein aus Fundstücken vom Strand hergestellt waren. Skulpturen aus Treibholz, Schmuckschatullen mit Muscheln beklebt, ihr kriegt eine Idee davon.
Außerdem eine Reihe von diesen tiefen Kastenbilderrahmen, in denen sie mit Steinen, Pflanzen und Seeglas ganze Szenen gestaltet hatte. Diese Bilder weckten sofort mein Interesse. Und zu meinem Entsetzen fand ich den Stein, der wie eine Maus aussah so schön, dass mir die Tränen erst in die Augen schossen und dann dick auf der anderen Seite herausquollen. Na so was. Ich tat so als hätte ich einen spontanen Schnupfen eingefangen und tupfte mit einem Taschentuch herum. Da die Tränenflut nicht stoppen zu schien verabschiedete ich mich spontan in eine öffentliche Toilette. Und da stand ich also, in der müffelnden Kabine, den Kopf über mich selbst schüttelnd während meine Augen immernoch vor sich hin wässerten.
Wieder am Tageslicht brachte ich es schließlich fertig das Bild zu kaufen. Es wird einmal im Babyzimmer hängen, als Erinnerung nicht nur an einen schönen Urlaub, sondern auch daran, dass es mich in ein schniefendes Wrack verwandelt hatte. Ein Andenken an die irrationalen Hormone.
Ich bin mir sicher, dass das Wort "Einnistung" im Zusammenhang mit Schwangerschaft damals falsch übertragen wurde, und eigentlich sollte es "Einniestung" heißen. Angeblich ist das eine normale Erscheinung, und auf die Hormone zurückzuführen.
Eine andere Sache, die mich wie ein Knüppel traf, ist das vernunftswidrige Weinen. Folgende Sachen haben mich bisher zum Heulen gebracht :
- Ein Stein, der die Form einer Maus hat
- Ein Foto meines einjährigen Neffen, auf dem er gerade enttäuscht das Gesicht verzieht, weil er nicht mit dem gefährlichen Gegenstand spielen darf
- Mein Optiker, der meine Kontaktlinsen nicht finden konnte.
Vor allem letzteres führte dazu, dass zwei Optikangestellte und der Optiker himself hektisch alle Schränke durchwühlten um die hysterisch schluchzende Schwangere ruhig zu stellen. Stolz? Welcher Stolz? Zumindest führte dieser Zwischenfall zum Erfolg und außer meiner Linsen bekam ich noch ein paar Sachen für komplett umsonst zugesteckt. (Stolz?)
Die Situation mit dem Maus-Stein war die allererste und verunsicherte mich ganz ungemein. Es war ein normaler, entspannter Urlaubstag in Cornwall, als der Gawjus und ich über einen lokalen Künstlermarkt schlenderten. Mein Blick fiel auf einen Stand, an dem die Künstlerin Objekte ausgestellt hatte, die allein aus Fundstücken vom Strand hergestellt waren. Skulpturen aus Treibholz, Schmuckschatullen mit Muscheln beklebt, ihr kriegt eine Idee davon.
Außerdem eine Reihe von diesen tiefen Kastenbilderrahmen, in denen sie mit Steinen, Pflanzen und Seeglas ganze Szenen gestaltet hatte. Diese Bilder weckten sofort mein Interesse. Und zu meinem Entsetzen fand ich den Stein, der wie eine Maus aussah so schön, dass mir die Tränen erst in die Augen schossen und dann dick auf der anderen Seite herausquollen. Na so was. Ich tat so als hätte ich einen spontanen Schnupfen eingefangen und tupfte mit einem Taschentuch herum. Da die Tränenflut nicht stoppen zu schien verabschiedete ich mich spontan in eine öffentliche Toilette. Und da stand ich also, in der müffelnden Kabine, den Kopf über mich selbst schüttelnd während meine Augen immernoch vor sich hin wässerten.
Wieder am Tageslicht brachte ich es schließlich fertig das Bild zu kaufen. Es wird einmal im Babyzimmer hängen, als Erinnerung nicht nur an einen schönen Urlaub, sondern auch daran, dass es mich in ein schniefendes Wrack verwandelt hatte. Ein Andenken an die irrationalen Hormone.
Dienstag, 27. Oktober 2015
Schwanger? Wen juckt's...
Natürlich habe ich keinen richtigen Vergleich, wie diese Sache in Deutschland so vor sich geht. Einige Sachen weiß ich von meiner Schwester, die vor etwas über einem Jahr ihren kleinen Prachtskerl zur Welt gebracht hat. Ansonsten bin ich sehr uninformiert über alles, das Sargnägel im vorgeburtlichen Alter angeht.
Jedoch das erste, das mir in England auffiel war das ärztliche Desinteresse, als der Zuhause-aufs-Stäbchen-Pinkel-Test das dicke, fette Plus für Positiv anzeigte, da war mein Pinkelstrom noch nicht einmal versiegt, so schnell ging das. Ohnmachtsanfall, Tanzanfall, panisch um den Couchtisch renn Anfall. Was nun?
Anruf in der Artztpraxis, Termin für irgendwann in drei, vier Wochen vereinbart. Früher ging nicht. Das gab mir Zeit noch auf mehrere Stäbchen verschiedener Fabrikate zu pinkeln, die alle das selbe Endergebnis vorzeigten. Ja, Pinkeln war und ist sowieso noch ein großes Thema.
Schließlich, der Termin. Ich rechnete mit Bluttest, Urintest, irgendetwas das nachweisen würde, dass die unscheinbaren Plastikstäbchen die Wahrheit prophezeit hatten. Doch dem sollte nicht so sein. Gähnend fragte die Ärztin in welcher Woche ich mich den befinden würde. Äh... ok. Waghalserische Rechnerei, wahrscheinlich 7 oder 8. Ok, gähnte die Ärztin wieder. Sie würden mir einen Brief schicken mit Ultraschalltermin. Das wars.
Nach Hause geschickt mit weiteren fünf Wochen Ungewissheit. War ich echt? Echt jetzt?
Morgenübelkeit begegnete mir keine. Allein der Hunger, der mich alle zwei Stunden befiel wies darauf hin, dass etwas nicht ganz normal war. Auch die Müdigkeit, die Unfähigkeit nur zehn Treppenstufen zu steigen ohne schwer atmend einen Mittagschlaf herbeizusehnen. Mittagschlaf, also wirklich. Trotzdem fehlte mir der hieb- und stichfeste Beweis.
In der Zwischenzeit flatterte ein Brief ins Haus - Termin bei der Hebamme. Schön ins nachbarörtliche Krankenhaus getuckert und in einen Wartesaal gesteckt worden. Tausend Fragen zu krankheitlichen und familiären Vorgeschichte beantwortet. Endlich auch Blut und Urin abgenommen, aber immernoch kein professioneller Test. Bis hierhin hatte allein mein Wort gereicht.
Der erste Pinkelstab war Mitte Juli. Anfang September dann endlich ein Ultraschalltermin. 12 Wochen war ich mittlerweile. Und bis zu dem Moment, als ein zappelnder menschlicher Umriss auf dem Bildschirm zu erkennen war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass da tatsächlich ein echtes Lebewesen in meinem Unterbauch herumschwimmen sollte. Aber da war er: Der Sargnagel.
Und nun, in der 20. Woche wird mein Bauch dicker, meine Hüften breiter, mein Hunger wieder kleiner, die nächtlichen Pinkelpausen öfter, und die ganze Sache immer echter. Wir kriegen ein Kind. Zu Hülf!!! Wie geht das? Ich glaube, das werde ich jetzt doch langsam einmal herausfinden müssen.
Jedoch das erste, das mir in England auffiel war das ärztliche Desinteresse, als der Zuhause-aufs-Stäbchen-Pinkel-Test das dicke, fette Plus für Positiv anzeigte, da war mein Pinkelstrom noch nicht einmal versiegt, so schnell ging das. Ohnmachtsanfall, Tanzanfall, panisch um den Couchtisch renn Anfall. Was nun?
Anruf in der Artztpraxis, Termin für irgendwann in drei, vier Wochen vereinbart. Früher ging nicht. Das gab mir Zeit noch auf mehrere Stäbchen verschiedener Fabrikate zu pinkeln, die alle das selbe Endergebnis vorzeigten. Ja, Pinkeln war und ist sowieso noch ein großes Thema.
Schließlich, der Termin. Ich rechnete mit Bluttest, Urintest, irgendetwas das nachweisen würde, dass die unscheinbaren Plastikstäbchen die Wahrheit prophezeit hatten. Doch dem sollte nicht so sein. Gähnend fragte die Ärztin in welcher Woche ich mich den befinden würde. Äh... ok. Waghalserische Rechnerei, wahrscheinlich 7 oder 8. Ok, gähnte die Ärztin wieder. Sie würden mir einen Brief schicken mit Ultraschalltermin. Das wars.
Nach Hause geschickt mit weiteren fünf Wochen Ungewissheit. War ich echt? Echt jetzt?
Morgenübelkeit begegnete mir keine. Allein der Hunger, der mich alle zwei Stunden befiel wies darauf hin, dass etwas nicht ganz normal war. Auch die Müdigkeit, die Unfähigkeit nur zehn Treppenstufen zu steigen ohne schwer atmend einen Mittagschlaf herbeizusehnen. Mittagschlaf, also wirklich. Trotzdem fehlte mir der hieb- und stichfeste Beweis.
In der Zwischenzeit flatterte ein Brief ins Haus - Termin bei der Hebamme. Schön ins nachbarörtliche Krankenhaus getuckert und in einen Wartesaal gesteckt worden. Tausend Fragen zu krankheitlichen und familiären Vorgeschichte beantwortet. Endlich auch Blut und Urin abgenommen, aber immernoch kein professioneller Test. Bis hierhin hatte allein mein Wort gereicht.
Der erste Pinkelstab war Mitte Juli. Anfang September dann endlich ein Ultraschalltermin. 12 Wochen war ich mittlerweile. Und bis zu dem Moment, als ein zappelnder menschlicher Umriss auf dem Bildschirm zu erkennen war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass da tatsächlich ein echtes Lebewesen in meinem Unterbauch herumschwimmen sollte. Aber da war er: Der Sargnagel.
Und nun, in der 20. Woche wird mein Bauch dicker, meine Hüften breiter, mein Hunger wieder kleiner, die nächtlichen Pinkelpausen öfter, und die ganze Sache immer echter. Wir kriegen ein Kind. Zu Hülf!!! Wie geht das? Ich glaube, das werde ich jetzt doch langsam einmal herausfinden müssen.
Frischer Wind... oder frische Windeln?
Folgende Themen hat dieser Blog schon behandelt:
Und jetzt brandaktuell der Beginn einer neuen Ära:
Liebe Leserschaft, es gibt Nachwuchs. Ein ganz eigener Sargnagel hat sich alienartig in meinem Unterkörper eingenistet, und wartet geduldig auf den richtigen Zeitpunkt um mit einem dramatischen Auftritt ans Tageslicht zu treten, und die Fäden meines Lebens in seine kleinen dicken Fäuste zu nehmen. Gerade einmal 15cm lang schon das Zentrum des Universums. 250g geballte Menschlichkeit, die einmal Einfluss auf den Verlauf der Welt nehmen könnte.
Coming soon... Windelkacker März 2016
- Aupair in London
- Nicht mehr Aupair in London
- Jobsuche in England
- Wohnungssuche in England
- Mit einem Engländer zusammenleben
- Besagten Engländer heiraten
Und jetzt brandaktuell der Beginn einer neuen Ära:
- Schwanger in England
Liebe Leserschaft, es gibt Nachwuchs. Ein ganz eigener Sargnagel hat sich alienartig in meinem Unterkörper eingenistet, und wartet geduldig auf den richtigen Zeitpunkt um mit einem dramatischen Auftritt ans Tageslicht zu treten, und die Fäden meines Lebens in seine kleinen dicken Fäuste zu nehmen. Gerade einmal 15cm lang schon das Zentrum des Universums. 250g geballte Menschlichkeit, die einmal Einfluss auf den Verlauf der Welt nehmen könnte.
Coming soon... Windelkacker März 2016
Montag, 25. Mai 2015
Schaffen, schaffen, Häusle bauen
Der nächste Schritt im fortgeschrittenen Spießerstadium ist natürlich der Erwerb eines Eigenheims.
Schaffen, schaffen, Häusle bauen ist ein Slogan dem man im Schwabenländle schon immer große Bedeutung gegeben hatte, und zusammen mit der ersten Rassel bekommt man auch den Bausparvertrag in die Wiege gelegt.
Ich persönlich finde Mieten sehr angenehm. Sobald etwas schief geht, Vermieter anrufen und in Ordnung bringen lassen. Nur Dank des Mietens können wir uns die Wohnung unter dem Dach leisten, die nach englischem Standard gemessen gerade zu luxuriös ist. Die Vermieter lassen uns in Ruhe, sind aber trotzdem abrufbereit wenn die Waschmaschine kaputt geht, der Boiler komische Geräusche macht und die Haustür mal wieder gestrichen werden könnte.
"Totes Geld!" mahnt jedoch ein jeder, der sich nach unserer Wohnsituation erkundigt, und tätschelt stolz sein eigenes mikroskopisch kleines Haus, neben dem sogar der Urlaubs-Schuhkarton vom Gawjus Vater wie ein Palast wirkt. Häuser sind verdammt teuer. Oder wenn sie nicht teuer sind, dann haben sie keine Fenster, undichte Dächer, und man hätte mehr davon in einem Baum zu leben als in den sogenannten eigenen vier Wänden.
Von der Idee eines freistehenden Hauses im Grünen mit Garten und keinen allzu direkten Nachbarn habe ich mich im vollgestopften Londoner Vorstadtring schon verabschiedet. Viel zu viele Menschen leben hier. Auf jedem noch verfügbaren Platz werden Wohnblöcke mit Wohnungen in der Größe von Gefängniszellen gebaut, die sich verkaufen wie warme Semmeln. Menschen leben dicht an dicht an dicht, und keiner scheint sich wirklich daran zu stören. Ist ja LONDON. Die Stadt kriecht immer näher und sogar in unserem malerischen Örtchen haben die Abrissbirnen Einzug gehalten, reißen alles nieder, das als Platzverschwendung eingestuft wird, bauen fünfstöckige Betonkisten in dem achtundvierzig Familien wie in einer Legebatterie leben können, geben dem Ortskern schicke neue Namen, Straßen und Geschäfte, und lassen die Renten und Hauspreise nach oben schnalzen wie mit einem Gummiband.
In den letzten zwei Jahren hat sich hier so viel getan. Sogar unser Vermieter ist auf den Zug aufgesprungen und hat die einst so erschwingliche Miete erhöht. Jetzt haben wir doch das Gefühl, "totes Geld" zu bezahlen. Vielleicht wird es doch Zeit für etwas eigenes. Aber nach oberflächlicher Durchsicht der Immobilienseiten wird schnell klar, der Gawjus und ich können uns offiziell nicht mehr leisten hier zu wohnen. Wenn wir nicht gerade in eine Legebatterie ziehen wollen, jedoch kommt das nicht in die Tüte.
Wir haben beschlossen, etwas weiter von London weg zu ziehen. Irgendwohin wo man wieder frei atmen kann, wo man vielleicht einmal fünf Minuten durch die Natur laufen kann ohne jemandem zu begegnen, und wo es eine gute Zuganbindung gibt um immer noch in der großen Stadt arbeiten zu können, aber abends wieder in die Ruhe und Beschaulichkeit zu entflüchten.
Nach einem Gespräch mit einem Berater haben wir ausgerechnet, dass wir grünes Licht haben, die erste Sprosse der Immobilienleiter zu erklimmen. Die Bank ist bereit, uns eine Mortgage zu geben. Sozusagen eine Hypothek, mit der wir uns ein Eigenheim anschaffen können, und dann über die nächsten 30 Jahre abbezahlen.
Die Suche nach einem passenden Haus ist aufregend. Wir durchforsten die gängigen Internetseiten, treffen unsere Auswahlkritieren, setzen das Preislimit fest und drücken die Suchtaste, die das Tor zu einer neuen, unbekannten Welt öffnet. Auf den ersten Blick erscheint alles so passend und hübsch und guck mal, ein riesiger Garten, und der tolle Kamin, und so vereinbaren wir auch schon die ersten Besichtigungstermine.
Wir würden schnell lernen. Vor allem, dass nichts so ist wie es scheint. Immobilienmakler verwenden Weitwinkelobjektive, Selfie-Sticks und tricksen geschickt mit dem Licht um alles wunderschön und riesig aussehen zu lassen. Die ersten beiden Häuser haben die Grundfläche eines VW Transporters. So fühlt es sich jedenfalls an. Kein Vergleich zur "großzügigen, sonnendurchfluteten Wohnküche", die im Internet angepriesen wurde. Bei manchen ist Tag des offenen Hauses und zusammen mit uns quetschen sich weitere zwanzig Menschen durch die Korridore und Zimmerchen, alle sich krampfhaft ignorierend, denn Immobilienkauf erfordert absolute Undurchsichtigkeit.
Nach drei, vier dieser eher enttäuschenden Besichtigungen haben wir jedoch eine Menge dazu gelernt. Wir studieren Grundrisse, befragen Google Maps, und setzen ein paar neue Kritieren (Garage mit Einfahrt), und gehen die Sache etwas langsamer an.
Und dann kommt der Tag, an dem wir tatsächlich ein Angebot machen.
Das Haus ist nichts besonderes. Nicht viktorianisch gemauert mit Holzeinfassungen, das mir so insgeheim vorschwebt, nein, überhaupt nichts schönes an diesem Klötzchen. Die Fassade ist sandfarben und hat einen Belag, der etwas wie Kies aussieht. Der fachliche Begriff dafür ist mir nicht bekannt.
Es hat jedoch drei Schlafzimmer in akzeptabler Größe (was haben wir für Besenkammern gesehen...), einen gläsernen Ausbau nach hinten, einen pflegeleichten Garten mit Teich, Garage, und hinter dem Haus befindet sich ein Friedhof, der sich durch die ganze Länge der Straße zieht. Vom Schlafzimmerfenster hat man Aussicht auf alte Grabsteine.
Was wohl für andere gruselig wirken könnte bedeutet für mich eines: Die stillsten Nachbarn, die man sich vorstellen kann.
Das Haus ist perfekt. Alles scheint intakt, keine Risse, keine Löcher, die einzige Arbeit wäre neue Bodenbeläge und ein Klecks Farbe, scheint das Interior doch noch aus den Achzigern zu stamen. Der Gawjus und ich grinsen wie blöd, als wir wieder im Auto sitzen und rufen noch auf der Fahrt nach Hause bei den Maklern an um unser Angebot zu unterbreiten.
Ich muss hier mit Zahlen reden, ansonsten wird der nächste Teil der Geschichte nicht ganz einfach zu verstehen.
Das Haus war ausgeschrieben mit 295.000 Pfund. Ein stolzer Preis. Und natürlich sind wir totale Immobilien-Anfänger, aber wir wissen, dass man erstmal sehr viel weniger anbietet. Deswegen bezog sich unser Angebot auf 275.
Am nächsten Tag rief die Maklerin an, fröhliche Säuselstimme, wie sie alle haben, und meinte wir sind etwas niedrig, könnten wir vielleicht mehr anbieten? Kurze Beratschlagung mit Gawjus, und wir beschließen auf 278 zu erhöhen. Die Säuselstimme klingt überglücklich und verspricht, mich nach dem Wochenende zurückzurufen.
Plötzlich bekommen wir Zweifel. Ein nagendes Gefühl macht sich breit. Wir sind Anfänger. Haben wir das richtig angepackt? Ist das Haus wirklich so viel Geld wert?
Wir fangen an zu recherchieren. Das Internet zeigt sich sehr gnädig, und wir bekommen mit ein paar Mausklicks heraus, zu welchem Preis sich andere Häuser in der Nachbarschaft verkauften. Die Häuser sehen in der ganzen Straße gleich aus. Und sofort finden wir eines in unmittelbarer Nähe, das sogar noch ein Schlafzimmer mehr hat, und einen größeren Garten, und einen Ausbau. Der Verkaufspreis vor einem halben Jahr war deutlich unter unserem Angebot. Auch ein paar andere Verkäufe in den letzten zwei Jahren wurden sehr viel niedriger abgewickelt als unser Angebot.
Wir haben zu viel geboten. Die Erkenntnis trifft uns ganz eindeutig. Ich beschließe sofort am Montag anzurufen und unser Angebot zurückzuziehen, oder zumindest zu verniedrigen.
Leider kommt mir Säuselstimme zuvor. Als ich ans Telefon gehe ist sie außer sich vor Freude mir zu verkünden zu können, dass unser Angebot akzeptiert wurde.
Es ist mir etwas peinlich, aber ruhig erkläre ich ihr, dass wir die Sache noch einmal überdacht haben, und nach etwas Recherche festgestellt haben, dass das Haus nicht so viel wert sein kann.
Die Säuselstimme hört sich überhaupt nicht mehr säuselig an. "Fine" sagt sie. Aber "fine" bedeutet im Englischen mit der richtigen Betonung normalerweise alles andere als "fine"
Zwei Minuten ruft sie wieder an. Was wir denn denken, was das Haus wert sei? 255 schlage ich vor. "Fine" sagt sie wieder etwas säuseliger. Sie wird sich die Sache ansehen und mich wieder anrufen.
Am selben Abend klicke ich vor dem Schlafengehen noch einmal auf meine super tolle Immobilien App, die mir immer schön auflistet, was denn gerade so auf dem Markt unseren Kriterien entspricht. Und da fallen mir fast die Augen aus dem Kopf, als plötzlich "unser" Haus als erster Treffer auftaucht mit der fetten Aufschrift "Preisreduziert", und 265.000 als Verkaufspreis. Na so was.
Der Gawjus und ich haben nun endgültig kalte Füße bekommen. Das Haus stammt aus einer Erbschaft, und Rechtsanwälte sind involviert. Anwälte und Makler sind sicher gleichermaßen daran interessiert, so viel wie möglich Profit für sich selbst herauszuschlagen und sind bestimmt sehr gut darin uns blutige Anfänger auszupressen wie so Zitronen. Ich habe Angst um mein Geld.
Wir werden das Angebot nicht erhöhen. Falls sich kein Käufer findet, und die Makler sich mit 255 zufrieden geben, dann werden wir noch einmal darüber nachdenken. Aber momentan warten wir lieber ab und sehen was passiert. Das Haus ist perfekt, sagt der Kopf. Aber ist es auch das Haus für's Herz?
Wir haben es nicht eilig, deswegen lehnen wir uns jetzt erst einmal gemütlich zurück, klicken durch die Immobilien-App und nutzen unsere neu erworbene Erfahrung für das nächste Angebot.
Schaffen, schaffen, Häusle bauen ist ein Slogan dem man im Schwabenländle schon immer große Bedeutung gegeben hatte, und zusammen mit der ersten Rassel bekommt man auch den Bausparvertrag in die Wiege gelegt.
Ich persönlich finde Mieten sehr angenehm. Sobald etwas schief geht, Vermieter anrufen und in Ordnung bringen lassen. Nur Dank des Mietens können wir uns die Wohnung unter dem Dach leisten, die nach englischem Standard gemessen gerade zu luxuriös ist. Die Vermieter lassen uns in Ruhe, sind aber trotzdem abrufbereit wenn die Waschmaschine kaputt geht, der Boiler komische Geräusche macht und die Haustür mal wieder gestrichen werden könnte.
"Totes Geld!" mahnt jedoch ein jeder, der sich nach unserer Wohnsituation erkundigt, und tätschelt stolz sein eigenes mikroskopisch kleines Haus, neben dem sogar der Urlaubs-Schuhkarton vom Gawjus Vater wie ein Palast wirkt. Häuser sind verdammt teuer. Oder wenn sie nicht teuer sind, dann haben sie keine Fenster, undichte Dächer, und man hätte mehr davon in einem Baum zu leben als in den sogenannten eigenen vier Wänden.
Von der Idee eines freistehenden Hauses im Grünen mit Garten und keinen allzu direkten Nachbarn habe ich mich im vollgestopften Londoner Vorstadtring schon verabschiedet. Viel zu viele Menschen leben hier. Auf jedem noch verfügbaren Platz werden Wohnblöcke mit Wohnungen in der Größe von Gefängniszellen gebaut, die sich verkaufen wie warme Semmeln. Menschen leben dicht an dicht an dicht, und keiner scheint sich wirklich daran zu stören. Ist ja LONDON. Die Stadt kriecht immer näher und sogar in unserem malerischen Örtchen haben die Abrissbirnen Einzug gehalten, reißen alles nieder, das als Platzverschwendung eingestuft wird, bauen fünfstöckige Betonkisten in dem achtundvierzig Familien wie in einer Legebatterie leben können, geben dem Ortskern schicke neue Namen, Straßen und Geschäfte, und lassen die Renten und Hauspreise nach oben schnalzen wie mit einem Gummiband.
In den letzten zwei Jahren hat sich hier so viel getan. Sogar unser Vermieter ist auf den Zug aufgesprungen und hat die einst so erschwingliche Miete erhöht. Jetzt haben wir doch das Gefühl, "totes Geld" zu bezahlen. Vielleicht wird es doch Zeit für etwas eigenes. Aber nach oberflächlicher Durchsicht der Immobilienseiten wird schnell klar, der Gawjus und ich können uns offiziell nicht mehr leisten hier zu wohnen. Wenn wir nicht gerade in eine Legebatterie ziehen wollen, jedoch kommt das nicht in die Tüte.
Wir haben beschlossen, etwas weiter von London weg zu ziehen. Irgendwohin wo man wieder frei atmen kann, wo man vielleicht einmal fünf Minuten durch die Natur laufen kann ohne jemandem zu begegnen, und wo es eine gute Zuganbindung gibt um immer noch in der großen Stadt arbeiten zu können, aber abends wieder in die Ruhe und Beschaulichkeit zu entflüchten.
Nach einem Gespräch mit einem Berater haben wir ausgerechnet, dass wir grünes Licht haben, die erste Sprosse der Immobilienleiter zu erklimmen. Die Bank ist bereit, uns eine Mortgage zu geben. Sozusagen eine Hypothek, mit der wir uns ein Eigenheim anschaffen können, und dann über die nächsten 30 Jahre abbezahlen.
Die Suche nach einem passenden Haus ist aufregend. Wir durchforsten die gängigen Internetseiten, treffen unsere Auswahlkritieren, setzen das Preislimit fest und drücken die Suchtaste, die das Tor zu einer neuen, unbekannten Welt öffnet. Auf den ersten Blick erscheint alles so passend und hübsch und guck mal, ein riesiger Garten, und der tolle Kamin, und so vereinbaren wir auch schon die ersten Besichtigungstermine.
Wir würden schnell lernen. Vor allem, dass nichts so ist wie es scheint. Immobilienmakler verwenden Weitwinkelobjektive, Selfie-Sticks und tricksen geschickt mit dem Licht um alles wunderschön und riesig aussehen zu lassen. Die ersten beiden Häuser haben die Grundfläche eines VW Transporters. So fühlt es sich jedenfalls an. Kein Vergleich zur "großzügigen, sonnendurchfluteten Wohnküche", die im Internet angepriesen wurde. Bei manchen ist Tag des offenen Hauses und zusammen mit uns quetschen sich weitere zwanzig Menschen durch die Korridore und Zimmerchen, alle sich krampfhaft ignorierend, denn Immobilienkauf erfordert absolute Undurchsichtigkeit.
Nach drei, vier dieser eher enttäuschenden Besichtigungen haben wir jedoch eine Menge dazu gelernt. Wir studieren Grundrisse, befragen Google Maps, und setzen ein paar neue Kritieren (Garage mit Einfahrt), und gehen die Sache etwas langsamer an.
Und dann kommt der Tag, an dem wir tatsächlich ein Angebot machen.
Das Haus ist nichts besonderes. Nicht viktorianisch gemauert mit Holzeinfassungen, das mir so insgeheim vorschwebt, nein, überhaupt nichts schönes an diesem Klötzchen. Die Fassade ist sandfarben und hat einen Belag, der etwas wie Kies aussieht. Der fachliche Begriff dafür ist mir nicht bekannt.
Es hat jedoch drei Schlafzimmer in akzeptabler Größe (was haben wir für Besenkammern gesehen...), einen gläsernen Ausbau nach hinten, einen pflegeleichten Garten mit Teich, Garage, und hinter dem Haus befindet sich ein Friedhof, der sich durch die ganze Länge der Straße zieht. Vom Schlafzimmerfenster hat man Aussicht auf alte Grabsteine.
Was wohl für andere gruselig wirken könnte bedeutet für mich eines: Die stillsten Nachbarn, die man sich vorstellen kann.
Das Haus ist perfekt. Alles scheint intakt, keine Risse, keine Löcher, die einzige Arbeit wäre neue Bodenbeläge und ein Klecks Farbe, scheint das Interior doch noch aus den Achzigern zu stamen. Der Gawjus und ich grinsen wie blöd, als wir wieder im Auto sitzen und rufen noch auf der Fahrt nach Hause bei den Maklern an um unser Angebot zu unterbreiten.
Ich muss hier mit Zahlen reden, ansonsten wird der nächste Teil der Geschichte nicht ganz einfach zu verstehen.
Das Haus war ausgeschrieben mit 295.000 Pfund. Ein stolzer Preis. Und natürlich sind wir totale Immobilien-Anfänger, aber wir wissen, dass man erstmal sehr viel weniger anbietet. Deswegen bezog sich unser Angebot auf 275.
Am nächsten Tag rief die Maklerin an, fröhliche Säuselstimme, wie sie alle haben, und meinte wir sind etwas niedrig, könnten wir vielleicht mehr anbieten? Kurze Beratschlagung mit Gawjus, und wir beschließen auf 278 zu erhöhen. Die Säuselstimme klingt überglücklich und verspricht, mich nach dem Wochenende zurückzurufen.
Plötzlich bekommen wir Zweifel. Ein nagendes Gefühl macht sich breit. Wir sind Anfänger. Haben wir das richtig angepackt? Ist das Haus wirklich so viel Geld wert?
Wir fangen an zu recherchieren. Das Internet zeigt sich sehr gnädig, und wir bekommen mit ein paar Mausklicks heraus, zu welchem Preis sich andere Häuser in der Nachbarschaft verkauften. Die Häuser sehen in der ganzen Straße gleich aus. Und sofort finden wir eines in unmittelbarer Nähe, das sogar noch ein Schlafzimmer mehr hat, und einen größeren Garten, und einen Ausbau. Der Verkaufspreis vor einem halben Jahr war deutlich unter unserem Angebot. Auch ein paar andere Verkäufe in den letzten zwei Jahren wurden sehr viel niedriger abgewickelt als unser Angebot.
Wir haben zu viel geboten. Die Erkenntnis trifft uns ganz eindeutig. Ich beschließe sofort am Montag anzurufen und unser Angebot zurückzuziehen, oder zumindest zu verniedrigen.
Leider kommt mir Säuselstimme zuvor. Als ich ans Telefon gehe ist sie außer sich vor Freude mir zu verkünden zu können, dass unser Angebot akzeptiert wurde.
Es ist mir etwas peinlich, aber ruhig erkläre ich ihr, dass wir die Sache noch einmal überdacht haben, und nach etwas Recherche festgestellt haben, dass das Haus nicht so viel wert sein kann.
Die Säuselstimme hört sich überhaupt nicht mehr säuselig an. "Fine" sagt sie. Aber "fine" bedeutet im Englischen mit der richtigen Betonung normalerweise alles andere als "fine"
Zwei Minuten ruft sie wieder an. Was wir denn denken, was das Haus wert sei? 255 schlage ich vor. "Fine" sagt sie wieder etwas säuseliger. Sie wird sich die Sache ansehen und mich wieder anrufen.
Am selben Abend klicke ich vor dem Schlafengehen noch einmal auf meine super tolle Immobilien App, die mir immer schön auflistet, was denn gerade so auf dem Markt unseren Kriterien entspricht. Und da fallen mir fast die Augen aus dem Kopf, als plötzlich "unser" Haus als erster Treffer auftaucht mit der fetten Aufschrift "Preisreduziert", und 265.000 als Verkaufspreis. Na so was.
Der Gawjus und ich haben nun endgültig kalte Füße bekommen. Das Haus stammt aus einer Erbschaft, und Rechtsanwälte sind involviert. Anwälte und Makler sind sicher gleichermaßen daran interessiert, so viel wie möglich Profit für sich selbst herauszuschlagen und sind bestimmt sehr gut darin uns blutige Anfänger auszupressen wie so Zitronen. Ich habe Angst um mein Geld.
Wir werden das Angebot nicht erhöhen. Falls sich kein Käufer findet, und die Makler sich mit 255 zufrieden geben, dann werden wir noch einmal darüber nachdenken. Aber momentan warten wir lieber ab und sehen was passiert. Das Haus ist perfekt, sagt der Kopf. Aber ist es auch das Haus für's Herz?
Wir haben es nicht eilig, deswegen lehnen wir uns jetzt erst einmal gemütlich zurück, klicken durch die Immobilien-App und nutzen unsere neu erworbene Erfahrung für das nächste Angebot.
Montag, 4. Mai 2015
Mayday Mayhem
Gesetzliche Feiertage sollen auf einen Montag fallen. Das wurde vor langer Zeit beschlossen, und genau deswegen gibt es in England jedes Jahr drei Bank Holiday Mondays. Der erste Montag im Mai, der letzte Montag im Mai und der letzte Montag im August.
Banken, Behörden und die meisten Firmen haben zwar geschlossen, aber Geschäfte und Restaurants sind für gewöhnlich offen, wenn auch mit leicht gekürzten Öffnungszeiten. Und Busse folgen dem Sonntagsfahrplan.
Drei Tage zum Betrinken, da könnte man sich daran gewöhnen. Deswegen nehmen es viele Leute zum Anlass, an den langen Bank Holiday Wochenenden diverse Festivitäten stattfinden zu lassen. Grillparties, Festivals, Jahrmärkte, Konzerte... die Auswahl ist groß. Normal unternehmen wir entweder etwas musikalisches mit den Railway Children oder verbringen Zeit mit der Gawjus-Familie.
Dieses Jahr hatten wir jedoch Lust auf etwas komplett anderes. Am ersten Bank Holiday Monday - Mayday - holen hunderte von Motorradfans ihre staubigen Maschinen aus dem Winterschlaf, polieren sie auf hochglanz, tanken voll, und machen sich in einer riesigen Herde auf den Weg zur Küste nach Hastings. Diese Ansammlung von Zweirädern, Bikern, Sozio... Sozii... Soziussen und Schaulustigen muss so spektakulär sein, das wollten wir uns einfach ansehen.
Wir fuhren früh los um einen guten Parkplatz zu finden. Nichts nervt den Gawjus mehr, als mit dem Auto zu überbevölkerten Veranstaltungen zu fahren, und dann ziellos auf der Suche nach einem Parkplatz herumgurken zu müssen. Das hat uns schon mehr als einmal den Trip gekostet.
Der Plan ging jedenfalls auf, wir parkten mit Meerblick genau in der Altstadt von Hastings. Es füllte sich schon langsam und uns fielen hauptsächlich Menschen mit grün angemalten Gesichtern und Kostümen aus Blättern und Efeu auf. Auf dem Kopf trugen sie Blumenkronen wie aus "Ein Sommernachtstraum".
"Das sind die Jacks in the Green", erklärte Gawjus. "Sie beschwören den Sommer."
Und die Jacks tanzten und trommelten, was es das Zeug hielt und zogen in einer Parade durch die Straßen. Es war das Ähnlichste, das ich in England jemals zum deutschen Karneval gesehen habe.
In der Zwischenzeit warf der Gawjus die Angel aus. Es war herrlicher Sonnenschein und wir saßen am Strand und aßen Fischbrötchen, die mit gebratener Scholle belegt waren. Erst zwei Stunden später sollten wir uns noch einmal auf den Weg durch die Stadt machen. Und was hatte sich dort getan... die Motorräder waren da. Motorräder! Soweit das Auge reichte, Motorräder!
Die Luft war erfüllt von Abgasen und Benzin, knatternden Auspuffen und Fehlzündungen. Jungspunde legten Hochstarter an den Ampeln hin, bärtige Biker ließen ihre Harleys in die Parkplätze gurgeln. Überall wohin man blickte sah man glänzendes Chrom, blankes Metall, poliertes Plastik, Lederwesten mit Aufnäher, Bärte, Gesichtstätowierungen, Rennanzüge, Plastikbecher, grüne Gesichter, Blumenkronen.
Sehen, und vor allem gesehen werden, das stand auf dem Programm. Sobald man stehen blieb um eine Maschine zu betrachten, trat sofort der stolze Besitzer vor und machte ein Erklärgesicht.
Ausnahmslos jeder war freundlich und gelassen. Im Strom der Menschen flossen wir an der Straße entlang und erlebten diese besondere Atmosphäre. An einem Stand bekamen wir Brötchen belegt mit Spanferkel und Apfelsoße. Wir schlenderten wieder an den Strand und beobachteten einige Irren, die der kalten Wassertemperatur trotzten und sich ins Meer warfen.
Ich bekam am Straßenrand eine Blumenkrone als Souvenir, die ich für den Rest des Tages nicht mehr abnehmen würde.
Am späten Nachmittag machten wir uns etwas sonnenverbrannt wieder auf die Fahrt nach Hause. Nur um auf dem ganzen Weg von weiteren geschätzt zweihundert Motorrädern wie Pistolenkugeln überholt zu werden, was gleichzeitig ein wenig beängstigend aber auch beeindruckend war.
Notiz an mich selbst in fünfundzwanzig Jahren: Falls die Midlife Crisis zu hart zuschlägt, mach doch den Zweirad-Führerschein und kauf dir ne schön bequeme Harley. Wäre das nicht cool, so als Rock-Omi?
Banken, Behörden und die meisten Firmen haben zwar geschlossen, aber Geschäfte und Restaurants sind für gewöhnlich offen, wenn auch mit leicht gekürzten Öffnungszeiten. Und Busse folgen dem Sonntagsfahrplan.
Drei Tage zum Betrinken, da könnte man sich daran gewöhnen. Deswegen nehmen es viele Leute zum Anlass, an den langen Bank Holiday Wochenenden diverse Festivitäten stattfinden zu lassen. Grillparties, Festivals, Jahrmärkte, Konzerte... die Auswahl ist groß. Normal unternehmen wir entweder etwas musikalisches mit den Railway Children oder verbringen Zeit mit der Gawjus-Familie.
Dieses Jahr hatten wir jedoch Lust auf etwas komplett anderes. Am ersten Bank Holiday Monday - Mayday - holen hunderte von Motorradfans ihre staubigen Maschinen aus dem Winterschlaf, polieren sie auf hochglanz, tanken voll, und machen sich in einer riesigen Herde auf den Weg zur Küste nach Hastings. Diese Ansammlung von Zweirädern, Bikern, Sozio... Sozii... Soziussen und Schaulustigen muss so spektakulär sein, das wollten wir uns einfach ansehen.
Wir fuhren früh los um einen guten Parkplatz zu finden. Nichts nervt den Gawjus mehr, als mit dem Auto zu überbevölkerten Veranstaltungen zu fahren, und dann ziellos auf der Suche nach einem Parkplatz herumgurken zu müssen. Das hat uns schon mehr als einmal den Trip gekostet.
Der Plan ging jedenfalls auf, wir parkten mit Meerblick genau in der Altstadt von Hastings. Es füllte sich schon langsam und uns fielen hauptsächlich Menschen mit grün angemalten Gesichtern und Kostümen aus Blättern und Efeu auf. Auf dem Kopf trugen sie Blumenkronen wie aus "Ein Sommernachtstraum".
"Das sind die Jacks in the Green", erklärte Gawjus. "Sie beschwören den Sommer."
Und die Jacks tanzten und trommelten, was es das Zeug hielt und zogen in einer Parade durch die Straßen. Es war das Ähnlichste, das ich in England jemals zum deutschen Karneval gesehen habe.
In der Zwischenzeit warf der Gawjus die Angel aus. Es war herrlicher Sonnenschein und wir saßen am Strand und aßen Fischbrötchen, die mit gebratener Scholle belegt waren. Erst zwei Stunden später sollten wir uns noch einmal auf den Weg durch die Stadt machen. Und was hatte sich dort getan... die Motorräder waren da. Motorräder! Soweit das Auge reichte, Motorräder!
Die Luft war erfüllt von Abgasen und Benzin, knatternden Auspuffen und Fehlzündungen. Jungspunde legten Hochstarter an den Ampeln hin, bärtige Biker ließen ihre Harleys in die Parkplätze gurgeln. Überall wohin man blickte sah man glänzendes Chrom, blankes Metall, poliertes Plastik, Lederwesten mit Aufnäher, Bärte, Gesichtstätowierungen, Rennanzüge, Plastikbecher, grüne Gesichter, Blumenkronen.
Sehen, und vor allem gesehen werden, das stand auf dem Programm. Sobald man stehen blieb um eine Maschine zu betrachten, trat sofort der stolze Besitzer vor und machte ein Erklärgesicht.
Ausnahmslos jeder war freundlich und gelassen. Im Strom der Menschen flossen wir an der Straße entlang und erlebten diese besondere Atmosphäre. An einem Stand bekamen wir Brötchen belegt mit Spanferkel und Apfelsoße. Wir schlenderten wieder an den Strand und beobachteten einige Irren, die der kalten Wassertemperatur trotzten und sich ins Meer warfen.
Ich bekam am Straßenrand eine Blumenkrone als Souvenir, die ich für den Rest des Tages nicht mehr abnehmen würde.
Am späten Nachmittag machten wir uns etwas sonnenverbrannt wieder auf die Fahrt nach Hause. Nur um auf dem ganzen Weg von weiteren geschätzt zweihundert Motorrädern wie Pistolenkugeln überholt zu werden, was gleichzeitig ein wenig beängstigend aber auch beeindruckend war.
Notiz an mich selbst in fünfundzwanzig Jahren: Falls die Midlife Crisis zu hart zuschlägt, mach doch den Zweirad-Führerschein und kauf dir ne schön bequeme Harley. Wäre das nicht cool, so als Rock-Omi?
Samstag, 2. Mai 2015
We are baby princess!
Alle warten darauf, dass sich die Türen des Lindo Wing öffnen, und die frischgebackene royale Vierfachfamilie ans Tageslicht tritt.
Hier gibt es einen Live Stream (Edit: Link gelöscht, Affe tot), falls jemand mit mir warten möchte. Das Highlight bisher war eine junge Frau, die aus der Tür trat, kurz vor der Masse an Journalisten zurückzuckte, die pflichtbewusst ein paar Mal auf die Auslöser drückten.
Das ist fast spannender als Kai der Adler.
Edit 2: So, jetzt ist sie also Zuhause, die kleinePippilotta Victualia Schokominza Charlotte Elizabeth Diana. So ein Trubel.
Ich habe heute einen Stadtschreier gefilmt, der die Geburt der Prinzessin verkündet hat. Falls mal jemand sehen möchte, wie sich so etwas anhört
Seriously, save the Queen
Hier gibt es einen Live Stream (Edit: Link gelöscht, Affe tot), falls jemand mit mir warten möchte. Das Highlight bisher war eine junge Frau, die aus der Tür trat, kurz vor der Masse an Journalisten zurückzuckte, die pflichtbewusst ein paar Mal auf die Auslöser drückten.

Das ist fast spannender als Kai der Adler.
Edit 2: So, jetzt ist sie also Zuhause, die kleine
Ich habe heute einen Stadtschreier gefilmt, der die Geburt der Prinzessin verkündet hat. Falls mal jemand sehen möchte, wie sich so etwas anhört
Seriously, save the Queen
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